Slowly Learning to Slow Down

[This article originally appeared in German as part of my 100-day writing challenge on December 12th, 2015.]

This topic goes back to Feldenkrais, and his understandning of motor learning - he made it very explicit to refine movements very slowly, before proceeding to regular or even higher speeds.

Very tough for someone like me, who loves to jump in and learn quickly when it comes to movement skills of all sorts.

But fortunately, my son has become an excellent therapist for challenging my pace and developing an appreciation for patient slowness. This is particularly the case during our mountain hikes that we started doing every other week now almost two years ago.

Talking about speed: When I do these hikes by myself, it usually takes me half the time that is posted on the road signs along the trails. It's not that I try to be as fast as possible - it's just that my body eventually finds its own rhythm, and I truly enjoy the steady effort against or with gravity.

In contrast, when I am with my son, it takes us about two to three times as long as estimated on the road signs (it depends how much he actually walks with his canes, and how much he is in his wheelchair). When we started doing these hikes, I sometimes suggested that he can go back into his wheelchair, so that we could advance a little faster (and I could get my kick-ass workout that comes from pushing a wheelchair plus kid uphill).

Until I stopped suggesting it. And his walking distances increased - his personal record is now close to four hours.

Instead of pushing for making headway, I succumbed to his quiet, meditative pace - and now am forever grateful to him.

Every time I walk with him, it's a beautiful reminder to not always hurry to the next place. To actually plan less for the day, and savor the fewer destinations. To not rush people and their learning processes, but rather let myself into them.

I have learned to walk slowly - and I am super proud of it.

Mit 10 noch gehen lernen - warum nicht?

Es klingt so schön: Die jüngeren Erkenntnisse der Neurowissenschaften weisen immer mehr darauf hin, dass das Gehirn höchst "plastisch" ist. Es gibt immer mehr Evidenz dafür, dass man bestimmte Dinge eben nicht nur in festgelegten frühkindlichen Zeitfenstern und Meilensteinen lernen kann - sondern im Grunde zu jedem beliebigen Zeitpunkt, ein Leben lang.

Ganz konkret heißt das, dass man alle möglichen motorischen Fähigkeiten, Bewegungen und Sportarten jederrzeit beginnen und auf ein ganz ordentliches Niveau bringen kann.

Aber wenn ich ehrlich bin - sehe ich nicht viel davon, wenn ich mich so umschaue. Ich sehe weder Kinder, die mit 8, 9 oder 10 Jahren auf einmal doch noch das Laufen lernen - noch sehe ich Erwachsene, die auf einmal im mittleren Alter eine erfolgreiche Sportlerkarriere beginnen.  Oder höchstens in Ausnahmefällen, einem Wunder gleich, das sich dann viral über das Internet verbreiten. Aber solche tiefgreifenden motorischen Lernerfolge haben bei Weitem noch nichts Alltägliches.

Warum eigentlich nicht? Sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse doch nicht so verallgemeinbar wie gedacht, oder gar missverstanden?

Als Mutter eines Kindes mit einer Körperbehinderung erfahre ich die Diskrepanz zwischen dem "fixiertem" und "plastischen" Gehirn-/Lernparadigma jeden Tag in einer oft beängstigenden Intensität.

Genauer gesagt erfahre ich überwiegend, wie sehr man zum Aufgeben getrimmt wird. Und wie sehr einem Angst gemacht wird, dass man bestimmte Zeitfenster verpasst, wenn man sich nicht wahnsinnig mit dem Therapieren beeilt. Je früher desto besser, sonst ist der Zug abgefahren.

So zum Beispiel, als es um das freie Laufen ging. Die gängige Prognose ist: Wenn ein Kind in den ersten Lebensjahren nicht laufen lernt - dann nie. Die gängige Empfehlung ist, es dann irgendwann auch nicht mehr zu probieren, und lieber dafür zu sorgen, dass das Kind ein gutes Leben im Rollstuhl führen kann.

Mit diesen Erfahrungen begann ich vor Jahren, mich mit den Details und Konsequenzen der Neuroplastizität zu beschäftigen. Und traf auf eine ganz neue Welt des Lernens, Dranbleibens und Gehirn-Anregens. Ich muss zugeben - zu Beginn kamen mir die Versprechungen dieses neuen Paradigmas fast Click-Bait-mäßig reißerisch vor. In der echten Welt unmöglich zu erreichen. Bücher wie die von Norman Doidge waren voll von wissenschaftlicher Evidenz und anekdotischen Fallstudien, die zum Teil kaum zu glauben waren. Ich hatte Zweifel, ob ich es nicht einfach mit einer Menge Outliern zu tun hatte - und ob die Masse der gescheiterten Lern- und Therapieversuche nicht einfach unerwähnt blieb.

Aber mit der Zeit meiner Recherchen begann sich für mich etwas zu ändern. Es war gar nicht so sehr ein neuer Glaube daran, dass viel mehr möglich ist, als ich mir vorstellen konnte - es war mehr die Erkenntnis, dass ich vielleicht einfach nichts ausschließen sollte. Es war mehr ein "Hoffnung nicht aufgeben" als ein "sich Hoffnungen machen".

Vielleicht macht genau diese Haltung "spektakuläre" neuroplastische Entwicklungen überhaupt möglich. Es ist eine Haltung, die keine spezifischen Ergebnisse erwartet - aber auch keine ausschließt. Dies öffnet den Raum für entspanntes Probieren, Experimentieren und Spielen bei dem nicht unbedingt etwas rauskommen muss - aber alles rauskommen darf.

Für meinen Sohn begann diese Entwicklung mit etwa 2-3 Jahren, als er mit Hilfe eines Rollators ins Gehen kam.

Mit 7 Jahren feierten wir dann schließlich das erste kleine Wunder in Bezug auf freies Gehen:

Und als ich meinen Sohn - Alter fast 10 Jahre - letzte Woche aus dem Hort abholte, traute ich meinen Augen nicht:

Egal wie sich sein freies Gehen von hier aus entwickeln wird - was ich an diesem Nachmittag sah, war manifestierte Neuroplastizität, so eindrucksvoll wie ich sie noch nie zuvor selbst erlebt hatte. Mir liefen Tränen übers Gesicht - mein Kind bewegte sich in einer Art und Weise, wie ich sie noch nie zuvor an ihm gesehen hatte.

Und mir wurde langsam klar, dass solche vermeintlichen "Wunder" eigentlich der Normalfall sein können. Die Tatsache, dass wir sie nicht ständig sehen und erleben liegt eben nicht darin, dass die neuroplastische Eviden trügt - sondern, dass wir - als Menschen, als Betroffene, als Eltern, als Ärzte und Therapeuten - wenig Erfahrung damit haben, welche Schlüssel eigentlich neuroplastische Vorgänge auslösen. Wir hängen noch so tief in dem veralteten fixierten Lern- und Therapiemodell, dass wir das "echte", natürliche Lernen erstmal (wieder) verstehen müssen.

Hier ein paar Aspekte, die auf dem Geh-Weg meines Sohnes aus meiner Sicht eine Rolle spielen:

  1. Der Ausstieg aus dem konventionellen Fördermodell. Mit Schulbeginn führten wir keine Physio-/Ergotherapie und auch keine Logopädie weiter. Mir war klar geworden, dass diese Therapien das Nervensystem viel zu wenig beeinflussten, und im Grunde mehr strukturelle Kosmetik waren als neuronale Anregung. Das heißt nicht, dass diese konventionellen Therapien nicht auch ihren Platz haben - aber man sollte sie regelmäßig auf Herz und Nieren für die eigenen Zwecke überprüfen.
  2. Voraussetzungen für spontanes, variiertes und engagiertes Bewegungslernen schaffen. Eine Sache, die mir durch meine Recherchen klar wurde: Die Umfänge von selbst engmaschigsten Therapieeinheiten (z.B. täglich 1-2 Stunden) waren immer noch viel zu gering, um neuronal effektiv sein zu können. Wir mussten Finnans Alltag so gestalten, dass er sich von sich aus, ohne es groß als "Therapie" einzustufen, in einer großen Bandbreite bewegen würde. Mehr Platz in meiner Wohnung, unterschiedliche Aktivitäten (Schwimmen, Planschen, Wandern, Schulwege), und herausfinden was ihm so sehr Spaß machte, dass er dabei die ganze Welt um sich vergessen konnte. Ich habe zum Beispiel nie freies Gehen mit ihm geübt - das ist etwas, was nur von ihm kommt, wie auch an dem denkwürdigen Tag letzte Woche.
  3. Zentralnervös wirksame Therapieformen. Mit dem Abschied von den konventionellen Therapien wendeten wir uns solchen zu, die direkter mit dem Gehirn arbeiteten. Rolfing/Osteopathie, modifizierte (selbstexperimentelle) Contraint-induced Movement Therapy, therapeutisches Reiten etc. Die über 50 Schritte von oben kamen, bestimmt kein Zufall, am Tag nach der ersten Rolfing-/viszerale Osteopathie-Sitzung seit Langem.
  4. Zeit lassen und nicht hektisch werden. Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse: Jeder motorische Prozess braucht Zeit. Seine eigene Zeit. Und es ist völlig ok, sie sich zu nehmen. Es ist auch völlig ok, eine Weile nicht zu wissen, was gerade am Besten ist; beim Herausfinden ruhig und gelassen zu bleiben, sich auch nicht von Experten unter Zeitdruck setzen zu lassen. Angst und Stress sind immer ein schlechter Ratgeber - um so mehr, wenn es um motorisches Lernen geht.
  5. Überhaupt, selbst zum Experten werden und sich ein Netzwerk von neuroplastisch arbeitenden und ermutigenden Fachleuten aufbauen. Die Verantwortung für das eigene Kind (oder auch für sich selbst) kann man nicht einfach auf einen Arzt/Therapeuten/Lehrer übertragen, auch wenn diese das noch so sehr wollen. Keiner kennt das eigene Kind so gut wie man selbst - und keiner wird sich jemals so für dieses Kind reinhängen, wie Eltern für ihr eigenes Kind. Klar kann man die Hilfe von Fachleuten in Anspruch nehmen - aber man sollte sie gut aussuchen, sich mit ihrer Arbeitsweise vertraut machen und das Gefühl haben, dass man sich mit dieser Arbeitsweise identifizieren kann. Und diese Hilfe kann lediglich das sein, was sie ist - Hilfe, und nicht unbedingt die ultimative Wahrheit.
  6. Widerstände aushalten. Seitdem ich denken kann, werde ich für meine Entscheidungen in Bezug auf mein Kind von allen möglichen Fachleuten kritisiert. Oft auch noch ungefragt, weil jeder meint, mitreden zu müssen, wenn man ein Kind mit Behinderungen hat. Ich kann nicht sagen, dass mir das nichts ausmacht - im Gegenteil, oft trifft mich diese selbstverständliche Einmischung und ungefragte Kritik sehr. Es braucht viel Kraft, um ihr Stand zu halten. Ich versuche mich dann immer daran zu erinnern, dass ich a) mein Kind von allen "Experten" immer noch am längsten kenne, b) sein ganzes Leben im Blick habe, während alle anderen nur Ausschnitte und befristete Zeiträume sehen und c) die Kritik mehr über die Bedürfnisse des Senders aussagt als über die Qualität meiner Entscheidungen.
  7. Selbst besser bewegen lernen. Das ist wahrscheinlich einer der konfrontierendsten, aber auch faszinierendsten Aspekte. Irgendwann fiel mir auf, wie sehr Finnans Lernforschritte und Bewegungsmuster mit meinen eigenen zusammenhingen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es eigentlich nicht verwunderlich, da natürliches Bewegungslernen sehr stark durch Imitieren von Bezugspersonen angeregt wird. Daher gestalte ich mein eigenes Bewegungsverbessern und -lernen nun viel bewusster. Finnans 50 Schritte fielen zum Beispiel genau in die Zeit, als ich - nach einer mehrwöchigen Trainingspause - im Ballett ein paar neue körperliche Muster bemerkte. Dies ist aus meiner Sicht übrigens auch eine riesiges Potential der Inklusion insgesamt - die Möglichkeit, von Behinderungen betroffenen Menschen ganz viel anregendenden Imitationspielraum zu geben.

Diese Aspekte illustrieren sehr deutlich, warum wir so wenig "überraschende" Heilungserfolge oder nicht für möglich gehaltene Fortschritte sehen - denn sie brauchen ein rigoroses Umdenken und in vielerlei Hinsicht ein gegen den Strom schwimmen. Das kann an der Substanz zehren und oft genug auch entmutigen. Aber es steckt so viel Potential darin - auch und vor allem, weil sich vieles vereinfacht und entspannt.

Nach wie vor ist für mich nicht ausschlaggebend, ob mein Sohn irgendwann komplett auf seinen Rollstuhl verzichten wird. Ausschlaggebend ist für mich, dass er in Bezug auf seine Möglichkeiten nicht durch vorgefasste Meinungen und Prognosen eingeschränkt wird. Meine Idee ist, dass er gar nicht mehr dran denken muss, was eigentlich für ihn möglich ist - sondern einfach macht, und uns alle überrascht.

Avoid the standing desk: A case for desk-work movement flow

I should first say that I am more than happy about the current trend towards standing desks in offices and schools. It is somewhat reassuring that the risks of long-term sitting are slowly making it into public awareness, and that some pionieering studies are already pointing to positive evidence with respect to standing workstations in the office.

Still, I have sort of mixed feelings around standing desks. The point being that of course it's tempting to react with standing, when sitting just doesn't pull it off in the long run.

But as with all tempting solutions to complex problems, the question is whether the problem is really being solved - and not just shifted to another one. And this is the issue I have with standing desks: At the end of the day it doesn't really make a difference whether I sat on a chair or stood at a standing desk for eight hours straight. In either case, there was probably little varation in my position, and possibly disstressful load on my already compromised posture (because if my posture is already affected from too little/variety-deficient movement, then it will probably not get better from neither sitting nor standing for hours at a time). Additionally, and this may be a personal experience: Focused thinking/completing/routine/approaching-deadline/writing/reading/analyzing work to me requires sort of a semi-meditative state - which I just cannot bring about effectively while standing. I need to be able to sink deeply into myself, I need to feel stable and be grounded. Allthewhile being flexible and adaptive.

So basically all these requirements made me decide to disassamble my simple IKEA-desk last week

Desk BEFORE

Desk BEFORE

and cut the desk's legs by more than a half,

Desk AFTER

Desk AFTER

in order to be able to work at my desk WHILE sitting on the floor.

Initially, it was Katy Bowman's work that got me started with floor-sitting while working. At first, it was not more than a charming way of getting off the office chair once in a while. An occasional interruption of the "normal" way of sitting at desk. After a short while it would get uncomfortable, and I would switch back to the chair.

Until I seriously started feeling significant changes in my body. I couldn't believe that something so seemingly subtle could have such an impact. Until, in the end, working on an office chair - became the exception.

It took quite a while, though. Because actually, sitting on the floor can be understood as a form of sports. And if you want to get better in a sport, you have to start training and make sure you get enough recovery, too. You shouldn't overdo it, and you need to allow time for adaptations to occur. You will experience occasional discomfort, even soreness. As in any kind of sports, you cannot suddenly start sitting on the floor all day long and expect to feel great about it.

But this is exactly what happens, when people think of "sitting on the floor": They don't consider the neccessary adaptation time and simply assume that it's just too hard.

Which, on the other hand, is just a good indicator for the athleticism that can be developed through floor-sitting. Need a demo? Here we go:

Hip mobility, anyone? The time lapse of course adding to what is one of the major points here: The many joint configurations that are experienced by the hips, knees, feet, and the upper body. We have deep flexion in the squat; abduction and external rotation of the hips in the tailor seat variations; knee extention in the straddles; extension (plantarflexion) of the foot in the kneeling positions. We have standing-up and sitting-down movements that build strength, positional control, mobility, and coordination. We can spontaneously engage in resting positions (laying down, but also squatting); we can "work" symmetrically or one side at a time, as in the lunge variations. (I can definitely confirm that I felt pretty warmed-up after making the video.)

In a normal setting, this kind of movement flow would take place on a larger time scale. You would spend some time in one position before spontaneously shifting to the next. But when you think about doing this over the course of serveral hours, instead of spending the same amount of time on a chair, you get a sense of how your body would change after a few months. And how much more blissfully and energetically you would leave the office after a hard day of work.

Of course, then you can also add some standing work to the mix. Because then it's just one configuration ("knees extended - hips extended") among many others.

And this way, the problem is really solved - and not just shifted to standing desks.

Wehret den Stehtischen: Eine Einladung zu bewegter Schreibtischarbeit.

Um es vorwegzunehmen: Ja, ich finde den aktuellen Stehtischtrend erfreulich. Ich bin heilfroh, dass die Risiken stundenlangen Sitzens langsam ins allgemeine Bewusstsein sickern, und dass auch erste Studien die Wirkungen des im-Stehen-Arbeitens positiv bewerten.

Trotzdem sehe ich das Thema Stehtische mit gemischten Gefühlen. Denn es ist natürlich ein verführerisch einfacher Ausweg, mit Stehen zu reagieren, wenn das Sitzen es auf die Dauer nicht reißt.

Nur muss man bei verführerisch einfachen Lösungen immer prüfen, ob sie das Problem nicht einfach verlagern, statt es wirklich zu lösen. Und genau dieses Risiko sehe ich beim Einsatz von Stehtischen: Am Ende des Alltages ist es unerheblich, ob ich acht Stunden auf einem Stuhl gesessen oder an einem Stehtisch gestanden bin. In beiden Fällen habe ich meine Position wenig variiert, und möglicherweise auf bereits schlechte Haltungen aufbelastet (denn wenn meine Haltung eh schon suboptimal ist - dann wird sie weder vom vielen Sitzen noch vom vielen Stehen so viel besser). Außerdem, auch wenn das eine persönliche Erfahrung sein mag: Fokussierte Denk-/Erledigungs-/Routine-/Nahende-Deadline-/Schreib-/Lese-/Knobelarbeit ist für mich ein semi-meditativer Zustand - und den kann ich schwer im Stehen erzeugen. Ich muss in mich versinken können, mich stabil fühlen, einen guten Bodenkontakt haben. Und dabei trotzdem flexibel und beweglich bleiben.

Genau diese Anforderungen haben mich dazu bewogen, letzte Woche die Tischbeine meines einfachen IKEA-Schreibtisches

Schreibtisch VORHER

Schreibtisch VORHER

um mehr als die Hälfte zu kürzen,

Schreibtisch NACHHER

Schreibtisch NACHHER

um so am Schreibtisch arbeiten UND auf dem Boden sitzen zu können.

Ursprünglich bin ich durch die Arbeit von Katy Bowman auf das Bodensitzen gekommen. Zunächst war es nicht mehr als eine charmante Idee, vom Stuhl wegzukommen. Eine gelegentliche zeitweise Unterbrechung der "normalen" Arbeit auf dem Bürostuhl. Nach einer Weile wurde es unbequem, und dann ging es zurück auf den Stuhl.

Bis ich merkte, dass das Bodensitzen meinen Körper tatsächlich veränderte. Bis schließlich das Arbeiten auf einem Stuhl zur Ausnahme wurde.

Bis dahin dauerte es allerdings. Denn im Grunde ist das Sitzen auf dem Boden eine Art Sport. Und wenn man in diesem Sport besser werden will, muss man dafür regelmäßig trainieren und regenerieren. Man darf es nicht übertreiben, und man muss dem Körper Zeit für die Anpassungen geben. Immer wieder kann es trainings-/anpassungsbedingten Diskomfort geben, sogar Muskelkater. Man darf, wie bei jedem Sport, nicht von heute auf morgen nur noch auf dem Boden sitzen und erwarten, dass das sofort total bequem ist.

Genau das passiert aber, wenn manche Menschen sich das Sitzen auf dem Boden vorstellen. Die meisten denken dann vor allem an "unbequem".

Im Grunde ist das aber der beste Hinweis auf die enorme Wirkung des Bodensitzens. Demonstration gefällig? Bitteschön:

Hip mobility, anyone? Auch weil die Positionen hier zur Verdeutlichung im Schnelldurchgang durchgespult wurden, lässt sich gut erkennen, dass die Hüfte, Beine und der Rumpf durch eine Vielzahl von Gelenkkonfigurationen kommen. Wir haben tiefe Flexion in der Hocke; Abduktion und Außenrotation in den Schneidersitzvarianten; Kniestreckung im Langsitz und in den Grätschvarianten; Fußstreckung (Plantarflexion) im Kniesitz. Wir haben Aufsteh- und Hinsetzbewegungen, die viel Kraft, Kontrolle, Beweglichkeit und Koordination brauchen. Wir können spontan in Ruhepositionen gehen (Kniebeuge und Hinlegen); wir können symmetrisch oder, wie in den Ausfallschritten, einseitig "arbeiten". Also mir war nach dem Drehen des Videos ziemlich warm.

Im Alltag würde dieser "Flow" natürlich auf einer längeren Zeitskala erfolgen. Man würde mehr Zeit in einer Position verbringen, um dann spontan zu wechseln. Aber wenn man sich vorstellt, dies zu machen statt mehrere Stunden auf einem Stuhl zu verbringen, dann bekommt man eine leise Ahnung, wie sehr der Körper sich nach ein paar Monaten verändern kann. Und um wieviel positiv gestimmter und energiegeladener man nach so einem Arbeitstag das Büro verlässt.

Klar kann man dann auch mal im Stehen arbeiten. Denn dann ist das einfach der Spezialfall "gestreckte-Knie-gestreckte Hüfte", und damit eine Variante neben vielen anderen, die der Körper im Laufe des Tages durchlaufen hat. Aber dann hat man das Problem wirklich gelöst - und nicht einfach auf Stehtische verlagert.

 

 

Die Bewegung eines Menschen zu kontrollieren heißt den Menschen zu kontrollieren.

Dass die Art und Weise und das Ausmaß, in dem wir uns bewegen, direkten Einfluss auf unsere Art und zu denken hat - ist einer der faszinierenden Aspekte, wenn man sich mit Bewegung beschäftigt. Bereits Moshe Feldenkrais hat zu seiner Zeit postuliert, dass Bewegung und Denken untrennbar sind; soweit, dass jeder Gedanke eine (noch so kleine) Bewegung auslöse, und genauso jede Art von Bewegung die Gedanken forme.

Und wie sollte es anders sein, wenn man bedenkt, dass beide Sphären vom Zentralen Nervensystem gesteuert werden und dass die Trennung von Körper und Geist eine historische und willkürliche ist.

Dass dieser Zusammenhang aber noch viel weitreichendere und sehr praktische Auswirkungen hat, wenn es um Lebenszufriedenheit und den eigenen Lebensentwurf oder gar Unternehmenserfolg geht, wurde mir letztes Wochenende so richtig bewusst.

Der Impuls zu dieser Einsicht kam mir im Rahmen eines Bewegungs-Workshops, der in den letzten zwei Tagen in Wien stattfand: Ido Portals "The Corset". Es war mein zweiter Workshop bei ihm, nachdem ich seine Arbeit irgendwann letztes Jahr entdeckt hatte. Für diejenigen, die mit Idos Arbeit nicht vertraut sind: Er vertritt einen weitgehen NICHT-spezialisierten Zugang zu Bewegung. Im Grunde hat er eine Art Bewegungs-"Kanon" zusammengestellt, der den Körper durch ein sehr breitgefächertes Bewegungsrepertoire führt: eine Mischung aus Gymnastik, Kampf, Tanz, Fortbewegung, Krafttraining, Alltag - in der die einzelnen Bereiche integriert in einander übergehen.

Fast noch interessanter als die konkreten Systeme, Progressionen und Bewegungen ist für mich die Philosphie, die hinter diesem Ansatz steckt: das Aufgeben von Bewegungsdogmen (jeder muss seine individuelle Ausführung unter Berücksichtigung bestimmer Prinzipien selbst finden); die Einsicht, dass man den Körper auch in vermeintlich dysfunktionellen Konfigurationen stärken muss (denn im Leben kann man auch nicht immer alles mit einer neutralen Wirbelsäule machen); die Botschaft, dass Training kein Selbstzweck ist (sondern immer Ausdruck in Bewegung finden muss - sei es Sport, Spiel, oder Bewegung im Alltag); den Körper auf vielen Ebenen robuster zu machen (also nicht nur Muskeln, Nerven und Bindegewebe mit Training zu stimulieren - sondern die gesamte Struktur und Physiologie über entsprechende Reize herauszufordern); und weder einem "no pain no gain"-Ansatz noch einer "everything in moderation" Auffassung zu folgen (Schmerz ist ein wichtiges Signal der Körpers genauso wie es manchmal auch sehr viel von etwas braucht).

In einer seiner Ausführungen während des Workshops, als es eben um das Thema Bewegung im Zusammenhang mit Mindset ging, sagte Ido etwas Interessantes:

If you control the movement - you control the people.

Wenn man also die Bewegungen von Menschen kontrolliert - hat man automatisch Kontrolle über die Menschen.

Hui.

Aus seinen nachfolgenden Sätzen wurde mir klar, dass er vor allem klassische, eher sportliche Bewegungs-Kontrollszenarien im Kopf hatte: fernöstliche Kampfkunst-Schulen, in denen über streng synchronisierte und auf den Winkel standardisierte Bewegungen jegliche Individualität und kreatives "Ausbrechen" abtrainiert wird. Oder die rigide festgelegten Bewegungen beim Militär, mit denen Rekruten von Anfang an folgsam gemacht werden. Mir persönlich kommt die Assoziation von z.B. dem streng reglementierten Bewegungsrepertoire von Ballettcorps-Mitgliedern, die durch ihren Gleichschritt und eine normierte Ästhetik bestechen sollen.

Aber nach dem ich eine Weile über diese Bemerkung nachgedacht hatte, wurde mir ihre viel weitere Bedeutung klar.

Vor meinem inneren Auge sah ich Büros, Cubicles und Klassenräume.

Kontrolle über Bewegung kann nämlich auch heißen, die Bewegungslosigkeit zu kontrollieren. Umgebungen zu schaffen, in denen Bewegung auf ein Minimum reduziert wird. In denen Menschen dazu angehalten werden, über längere Zeit in ein und derselben Gelenkkonfiguration zu bleiben (wie zum Beispiel beim Sitzen auf einem Stuhl).

Denn es ist ziemlich wahrscheinlich, dass so "ruhigstellte" Menschen nicht aus ihren gewohnten Mustern ausbrechen, oder auf verrückte (Bewegungs-)ideen kommen; dass sie nichts aufmischen, nichts Unerhörtes wagen und nicht allzu viel störende Leidenschaft zeigen. Et voilà - Kontrolle über den Menschen.

Ich meine das nicht im Sinne einer kollektiven Verschwörungstheorie ("die da oben wollen uns ruhigstellen"). Ich will auch keinem die Schuld dafür geben. In einer gewissen Weise ist es, auch historisch betrachtet, fast nachvollziehbar: Immerhin ging es in der Arbeitswelt und im Schulsystem ursprünglich darum, viele Menschen auf dem verfügbaren Raum zusammenzubringen und sie bestimmte Aufträge und Vorgaben abarbeiten zu lassen. Da ist es schlicht und einfach bequem, wenn diese Menschen nicht allzu viel rumhüpfen, sich einigermaßen bedeckt halten und die Abläufe nicht mit ihren körperlichen Bedürfnissen stören.

Und als Teil dieses Systems kann man sich natürlich darauf einlassen, und die Bewegungsarmut akzeptieren. Sie sich gut bezahlen lassen, und mit (vermeintlicher) Zukunftssicherheit abpolstern.

Aber wer es akzeptiert, dass die eigenen körperlichen Bewegungsbedürfnisse kontrolliert werden, akzeptiert eben auch, dass er selbst kontrolliert wird. Er akzeptiert, dass sein Lebensentwurf kontrolliert wird, seine Optionen, seine Leidenschaften, seine Fitness - und am Ende seine Gesundheit und Lebensqualität.

Die Alternative?

Warnung: Sie ist mit Sicherheit unbequemer, für alle Beteiligten. Sie braucht mehr Raum, örtlich und zeitlich. Sie muss mit den Widerständen einer bewegungsarmen Kultur fertig werden.

Sie besteht darin, die Kontrolle und Verantwortung für das eigene Bewegungsspektrum selbst zu übernehmen. Sich sein Umfeld dafür selbst zu gestalten. Oft aufzustehen; sich und andere herauszufordern. In Bewegung zu bleiben. Auch mal was nicht hinzukriegen und zu fallen. Aufzustehen, und kreativ zu werden. Sich nicht von schiefen Blicken und kontrollierenden Gesten beirren zu lassen.

Ein solcher, vielfältig bewegter Körper wird mit Sicherheit anders denken. Mehr auf sich hören. Besser mit Misserfolgen umgehen. Unverfrorener Neues ausprobieren. Am Ende gar stark, gesund und zufrieden den eigenen Weg gehen.

Könnte also ziemlich unkontrolliert zugehen, in den Unternehmen und Schulen von morgen. Aktiv, dynamisch. Vielleicht gar wild.

Aber die Mutigen und Innovativen unter ihnen werden dies nach Kräften fördern. Denn es könnten verdammt erfolgreiche Gedanken dabei herauskommen.

 

Mein Heureka-Moment in Bezug auf Unternehmergeist.

Meistens entwickeln sich Dinge im Leben (Lernvorgänge, Erkenntnisse, Wachstum) nach und nach, Schritt für Schritt.

Aber immer wieder gibt es diese besonderen Momente, in denen plötzlich alles anders ist. Aus dem Nichts kommende göttliche Eingebungen. Situationen, in denen es plötzlich Klick macht. Heureka-Momente.

Eine solche blitzartige, alles verändernde Erkenntnis traf mich völlig überraschend diese Woche zum Thema Entrepreneurship. Nachdem ich mich schon seit Jahren mit diesem Thema in allen Facetten beschäftige, wurde mir gestern urplötzlich mein größtes Missverständnis in Bezug auf die Gründung und Aufbau einer unternehmerischen Existenz klar.

Aber eins nach dem anderen.

Zufällig und sehr kurzfristig bekam ich von Matthias Notz, einem ehemaligen BEA-Kollegen, eine Einladung zu einer Entrepreneurship-Veranstaltung. Matthias führt mit großem Engagement die Geschäfte des Entrepreneurship Center an der Universität München (kurz EC), und dieses beinhaltet auch eine Art Accelerator für frische Gründer, das sogenannte "Lab". Das EC veranstaltet zwei Mal jährlich Pitch-Events, bei denen die "Alumni-Startups" des Labs einerseits und die neu aufgenommenen Gründer andererseits vorgestellt werden. Diese Abendveranstaltung wird durch Keynotes von interessanten Start-up-Gründern aufgelockert und schließt mit einem Networking-Teil ab. Das Ganze, ganz stilkonform, in der Großen Aula und im Lichthof der altehrwürdigen Universität.

Ich hatte für den betreffenden Abend eigentlich schon Pläne, und als Introvertierte sind solche großen und plakativen Netzwerk-Events eher nicht so mein Ding. Irgendetwas reizte mich aber an dieser Gelegenheit; so gab ich mir kurz entschlossen einen Ruck, verschob meine ursprünglichen Pläne etwas nach hinten, um zumindest bei einem Teil des Programms dabeisein zu können.

Was ich dort vorfand, war mehr als nur beeindruckend.

Denn all diese überwiegend sehr jungen Menschen waren nicht nur top vorbereitet für ihre zum Teil auf die Sekunde getimten Pitches erschienen, sondern hatten jetzt schon, in diesem frühen Stadium ihres Unternehmens, Großartiges geleistet. Fachlich. Business-planerisch. Vor allem aber persönlich.

Die Geschäftsideen dieser Teams hätten unterschiedlicher nicht sein können. Flüchtlings-Recruiting-Management, Reiseequipment-Verleih, ein Parkplatz-Anzeigesystem, Krebsdiagnostik, Vermittlung von Home-Wellnessangeboten....manches klang total gewagt. Anderes wiederum fast zu einfach.

Und klar: Manche dieser jungen Unternehmen werden es schaffen. Andere wiederum aufgeben müssen, oder ihre Ausrichtung komplett ändern.

Genau hier begann meine persönliche, drei-teilige Epiphany:

1. Es ist absolut unmöglich vorherzusagen, welche dieser Ideen es schaffen wird (und welche nicht).

Es gibt keine 100%igen Kriterien, anhand derer man einschätzen könnte, ob eine Geschäftsidee aufgeht oder nicht. Es ist völlig unerheblich, ob eine Idee anfangs aussichtslos erscheint. Es gibt nicht so etwas wie "zu verrückt", wenn es um Gründungsvorhaben geht. Erst wenn man loslegt und dem ganzen eine ernsthafte Chance gibt, lässt sich beurteilen, ob eine Unternehmung Erfolg haben kann oder nicht. Es gibt keine Garantien, und - das vergessen wir häufig - selbst Wahrscheinlichkeiten basieren immer auf Daten der Vergangenheit.

2. Es gibt auch keinen Weg vorherzusagen, ob ein Gründer/Unternehmer die notwendigen Skills für sein Businessvorhaben hat. Wahrscheinlich hat er sie zunächst eher nicht. Vielleicht muss er sie erst lernen. Aber auch das kann nur durch Anfangen und Tun geschehen.

3. Es ist völlig unerheblich, was andere von der Geschäftsidee halten. Egal ob Freunde, Kollegen, Investoren, Mentoren: Keiner kann vorab beurteilen, was am Ende rauskommen wird. Klar, Investoren und andere Förderer und Geldgeber müssen eine Entscheidung treffen - aber diese Entscheidung bezieht sich immer auf ihr momentanes Engagement auf Basis ihrer eigenen Einschätzung, und sagt nichts über den später eintreffenden tatsächlichen Erfolg oder Misserfolg des Startups aus.

*  *  *

All die Gründer, die dort auf der Bühne standen, hatten vermutlich oft genug skeptische Blicke geerntet, wenn sie anderen von ihren Vorhaben erzählt hatten. Wahrscheinlich haben sie oft genug selbst gezweifelt. Sie haben Absagen bekommen, waren mit fehlenden Ressourcen konfrontiert und mit nicht vorhandenem Bedarf für ihr Produkt. Und trotzdem hatten sie sich auf den Weg gemacht.

Und so dämmerte mir, etwas schmerzhaft, eben jenes große Missverständnis, und wie sehr mein eigener unternehmerischer Weg von meinen inneren Erfolgsaussichts-Beurteilungen geprägt war. Mir wurde klar, wie sehr es schon fast ein Reflex ist: jede unternehmerische Idee just im Moment ihres Auftauchens innerlich mit einer Potentialeinschätzung zu belegen. Vielleicht macht es erfolgreiche Unternehmer aus, dass sie diesen Reflex im Zaum halten, die Stimmen anderer ausreichend ausblenden können, und ohne sich groß beeindrucken zu lassen Schritt für Schritt weitermachen.

Es geht also nicht darum, eine Idee trotz ihrer Verrücktheit zu verfolgen - sondern durch unbeindrucktes Tun der Verrücktheit ihre Bedeutung zu entziehen. Von Bewertungen und gängigen Meinungen emotional abgekoppelt loszulegen und weiterzumachen. Und genau das traf mich an diesem Abend so viszeral wie nie zuvor.

"Was wollt ihr denn mit Bussen??" sei er vor der Gründung von FLIX-Bus gefragt worden, erzählte einer der beiden Keynotespeaker des Abends. "Dafür wollt ihr euren Job kündigen??" habe sie damals gehört, so die zweite Keynotespeakerin, Gründerin einer Tandem-(Jobsharing)-Personalagentur. ["Ihr wollt Privatwohnungen an Fremde vermieten??" belächelten übrigens viele den - ja, genau - Gründer von Airbnb].

Es hilft, sich bewusst zu machen, dass Verrücktheit nur in unseren Köpfen existiert - und dass es keine Notwendigkeit gibt, ihr übermäßig zu huldigen.

 

Es ist nicht alles Wurm im Leben.

Ich hätte nie gedacht, dass mein vor etwa vier Monaten erschienener Blogpost über das Scheitern mir zu einem höchst-bewegenden Vortrag verhelfen würde.

Und das auch noch vor einem höchst-ambitionierten und auf Achievements getrimmten Publikum, für das Scheitern eigentlich keine Option ist. So zumindest meinte es mein Kopfkino, als mich die Anfrage des Aluminvereins der Bayerischen EliteAkademie (BEA) erreichte, vor dem aktuellen 17. Jahrgang der BEA, und ggf. interessierten Alumni, einen Kaminabend zum Thema "Scheitern" zu gestalten.

Gleichzeitig wusste ich aus meiner eigenen Zeit als BEA-Studentin des 1. Jahrgangs, dass ich in diesem High-Performance-Publikum auch auf viel emotionale Intelligenz, Neugier und Aufgeschlossenheit treffen würde - und vielleicht habe ich gerade deswegen, trotz meines ursprünglichen Muffensausens, zugesagt, diesen Vortrag überhaupt zu halten.

Das Muffensausen lag in meinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen an diese von bayerischer Politik und Wirtschaft gepowerten Institution begründet. Als zielorientierte Physikstudentin mit vielseitigen Interessen passte ich damals zwar einerseits voll in die Zielgruppe; und doch war da immer das latente Gefühl, irgendwie komplett fehl am Platze zu sein.

Es lag weiß Gott nicht am Curriculum, an den Referenten, oder gar an den Mitstudenten. Die Inhalte und Themen waren ein absolutes Paradies für meine Neugier auf alles, und ich bin mir sicher, dass ich noch heute von ihnen zehre. Ich habe superspannende Lehrer, Praktiker und kluge Denker kennengelern; mit einem Mitstudenten verband mich meine längste Beziehung und bis heute tiefe Freundschaft; und auch mit anderen Mitstudentinnen und -studenten bin ich heute noch in einem bereichernden Kontakt. Ich würde die BEA ohne zu zögern, auch heute noch, jedem in Bayern Studierenden als fruchtbare Ergänzung zur Uni empfehlen.

Das fehl-am-Platz-Gefühl war eher mit dem mehr oder weniger unausgesprochenen Lebensentwurf verbunden, der an allen Ecken und Enden lungerte. Dieser Lebensentwurf sah vor, dass man im Eilschritt, mit maximalen Auslandsaufenthalten und besten Noten durch ein technisch-naturwissenschaftliches oder BWL-Studium marschierte, anschließend einen lukrativen und entwicklungs-perspektivischen Job bei einer Unternehmensberatung, einem Konzern oder Weltklasse-Mittelständler ergatterte und sich dann die Karriereleiter hochschraubte. Alternativ, und das war schon die sehr progressive Variante, konnte man sich nach dem bravourösen Studium auch als smarter, immer-erfolgreicher Unternehmer profilieren. Oder im akademischen Umfeld, am besten als deutschlandweit jüngster Professor auf seinem Gebiet. Das alles natürlich bei ständigem maximalen Leistungsoutput, einem vorbildlichen Netzwerk und einer strahlenden Familie, die man sich so ganz nebenbei auch noch aufgebaut hatte.

In diesem Lebensentwurf gab es keine Zweifel, keine Ahnungslosigkeit, kein Durchhängen, keine Abgründe, keine Umwege. Kein Aufhören und neu anfangen. Es gab nur ein stetiges, linear bis exponentielles Schärfen von Soft und Hard Skills und lückenlose Lebensläufe. Sogar Auszeiten und Veränderungen wurden mit einem irgendwie pädagogisch wertvollem Zweck belegt - natürlich musste auch aus Sabbaticals und Weltreisen irgendwas Greifbares herauskommen.

Mag sein, dass sich das ein wenig überspitzt anhört. Für mich war es real. Für mich war es z.B. ein Grund dafür, dass ich nach meinem Studium zunächst ein paar Jahre keinen Kontakt zur BEA und zum Alumniverein gesucht habe.

Ich kann mich genau daran erinnern, wie ich schließlich, nach etwa sieben Jahren, das erste Mal wieder bei einer BEA-Veranstaltung war. Nachdem ich meine verheißungsvolle Physik-Laufbahn beendet, erneut - diesmal Sport - studiert hatte, gerade wieder nach München gezogen und nicht nur außerehelich, sondern auch noch alleinerziehend schwanger war. Und völlig planlos, was ich nach der Geburt meines Kindes machen würde. Ich war nervös, als ich mich auf den Weg zum Veranstaltungsort machte. Eigentlich schämte ich mich schon fast dafür, dass mein Weg so eklatant von dem propagierten Lebensentwurf abwich.

Aber irgendwie war ich wohl unterbewusst auch deswegen zu dieser Veranstaltung gefahren, weil ich mich genau dieser Diskrepanz stellen wollte. Ich suchte nach einer Art Normalität, sogar Dazugehörigkeit/Gemeinschaft - trotz der gefühlt immensen Abweichung von der Normalität dieser Gemeinschaft. Vielleicht wusste ich schon damals unterschwellig, wie lebensnotwendig es für meinen Weg sein würde, den eigenen Wert nicht über das Erreichte zu definieren. Den eigenen Wert eigentlich über gar nichts zu definieren. Weil er keiner Definition bedarf.

Der Abend damals wurde übrigens supernett. Denn natürlich sind die Dämonen aus Scham und Minderwertigkeit vor allem im eigenen Kopf. Dann hilft es durchzuatmen, und die eigene Geschichte trotzdem zu erzählen. (Fast hätte mich daraufhin einer der anwesenden, natürlich erfolgreichen Mentoren-Unternehmer, an einen hochklassig spielenden Eishockeyverein, den er natürlich sponsorte, als Konditionstrainerin vermitteln können.)

Und so war die Einladung, an dieser Stätte von Mega-Erfolg jetzt einen Vortrag über meinen aktuellen Nicht-Erfolg zu halten, eine Art Neuauflage meiner fehl-am-Platz-Gefühle. Vielleicht sogar noch verstärkt von der Perspektive, vor den aktuellen Studenten zu sprechen. Die von einer BEA-Alumna der ersten Stunde doch eher die inspirierenden und glamourösen Erfolgstories erwarten würden.

Also wieder: Durchatmen, und trotzdem die eigene Geschichte erzählen. Die Geschichte von Zweifel, Ahnungslosigkeit, Durchhängen, Abgründen, Umwegen. Vom Aufhören und neu anfangen.

Aber auch: von der Freude und Lebendigkeit, den eigenen Weg zu gehen, und sich dabei partout von nichts beirren zu lassen.

Der Abend wurde nicht nur supernett - er wurde ein Bombenerfolg. Intensiv. Ehrlich. Nah. Dankbar. Was nicht minder am zweiten Referenten und Alumnus Simon Bierbaum lag, der seinen ein paar Jahre zurückliegenden Startup-Fail in einer sehr offenen und ehrlichen Weise teilte. Aber vor allem hätte mir kein besseres Publikum wünschen können für ein Vortragsthema, das eine echte Premiere für mich darstellte.

Die ganze Tragweite dieses Themas kam mir dann einige Tage später. Zufällig traf ich Irmi auf der Straße - eine BEA-Alumna aus dem 4. Jahrgang und eine derjenigen, mit der mich nach wie vor ein guter Kontakt verbindet. Auch sie eine vielseitig Interessierte, die ihre Zeit bei der BEA schätzt, aber seitdem ebenso ihren eigenen Weg gegangen ist. Wir unterhielten uns kurz, und ich erzählte ihr schon fast nebenbei von dem Vortrag, und wie bereichernd er für mich gewesen war. Wie ich schon fast überrascht war über das großen Interesse an diesem für die BEA eher Tabu-Thema.

Sie nickte wissend-lächelnd und sagte (ich paraphrasiere), dass auch sie ziemlich Erfolgserwartungs-geprägt aus ihrer BEA-Zeit herausgegangen war. Sie beschrieb es als einen ziemlichen Wurm, den man da so ins Ohr gesetzt bekomme. Und dass dieser Wurm über lange Zeit vor sich hinbrüte, und irgendwann sei dann alles im Kopf Wurm. Ich lachte und fügte an, dass dieser Wurm dann irgendwann explodiere und man erst dann merke, dass nicht alles im Leben Wurm sei.

Als ich dann weiterging wurde mir klar, wie schwer solche idealisierten Lebensentwürfe auf ALLEM lasten können. Wie massiv sie Horizonte einschränken, Kreativität dämpfen und Mut entziehen können - wenn nur stetiger Erfolg, Leistung und Sonnenschein als erstrebenswert und vorzeigbar gelten. Wir sehr wir alle wahrscheinlich danach dürsten, uns für unsere eigenen verquerten (Um-/Ab-)Wege, für unser eigenes, vielleicht auch mal langsames Tempo; für unsere phasenweise ziellose Planlosigkeit; und für unsere grandiosen, oder auch völlig profanen Misserfolge nicht schämen zu müssen.

Was wir dafür tun können?

Durchatmen, und trotzdem die eigene Geschichte erzählen.

*  *  *

Großer Dank geht an den Alumniverein der BEA, insbesondere Matthias Notz, Katharina Schüller und Linda Richter für das mutige Aufgreifen dieses Themas und für die Organisation des Kaminabendes. Außerdem danke ich Simon Bierbaum, dass er sich an dem Abend ebenfalls als Referent zur Verfügung gestellt und seine eigene Misserfolgsgeschichte geteilt hat. Und natürlich Irmi für die wunderschöne Wurm-Analogie.

Außerdem Riesendank an den 17. Jahrgang und alle anwesenden Alumni für eure Bereitschaft, euch auf dieses Thema einzulassen. Ich wünsche euch alles Gute und den Mut, möglichst viele Dinge in den Sand zu setzen - mit ganz viel Freude dabei!

Zum Thema: Why Generation Y is Depressed and Silent About it

 

100/100! - Fazit: 100-Blogposts-in-100-Tagen-Challenge

Mitte September zog ich aus, 100 Artikel für diesen Blog zu schreiben. Aber nicht innerhalb von zwei bis drei Jahren - was in etwa meiner gewöhnlichen Schreibfrequenz entsprechen würde - sondern innerhalb von gut drei Monaten. 100 Tage lang, jeden Tag einen Artikel.

Spoiler Alert: Es wurde kein heroischer Kampf, in dem ich tagtäglich irgendeinen inneren Schreib-Schweinehund überwinden und mir mühselig Zeit für das Schreiben freischaufeln musste.

Das Schreiben an sich war nicht die Herausforderung.

Das Herausfordernde war, jeden Tag die Bereitschaft zu finden, etwas von mir und meiner Welt preiszugeben. Etwas herzugeben, das des Hergebens wert war. Es zu tun, ohne - wie sonst - es über eine gewisse Zeit reifen zu lassen und dann daran zu feilen.

Es war daher eine für mich sehr dichte Schreibphase - und folgende Sachen habe ich aus ihr gelernt:

  1. Das jeden Tag schreiben ist mir fast immer gelungen - nur an etwa zehn Tagen nicht. In diesen Fällen habe ich an dem jeweils folgenden Tag zwei Artikel geschrieben. An den meisten Artikeln saß ich eine halbe bis maximal eine Stunde - nur an wenigen deutlich mehr. An etwa zwei bis dreien habe ich mehrere Tage geschrieben, d.h. parallel zu den, die ich an diesen Tagen veröffentlicht habe.
  2. Das Freimachen der Zeit war kein Problem. Ich hatte keinen festen Rhythmus für die Artikel - selten gleich als erstes am Morgen oder am Abend; meistens am Nachmittag. Da ich bei den Themen meist aus dem Tagesverlauf geschöpft habe, war das - zusammen mit meinen meist am Nachmittag optimalen Energieleveln - ein guter Zeitpunkt.
  3. Für die Themen habe ich zum Teil eine Liste geführt (sobald mir ein Thema in den Kopf kam, aufgeschrieben) und "abgearbeitet"; meistens jedoch habe ich mir meine Themen spontan gesucht.
  4. Meistens war ich nicht besonders zufrieden mit der Qualität und Tiefe meiner Artikel. Das meiste war mir zu oberflächlich - dadurch, dass ich keine wirkliche Zeit zum "Ausbrüten" und Nacharbeiten hatte. ABER: Trotzdem hatte dieses häufige, öffentliche Schreiben eine sehr reinigende Wirkung. Nicht so sehr kathartisch-spektakulär, sondern eher routiniert-ausgleichend. Ich merke so richtig erst im Rückblick, wie wertvoll das war (und ist).
  5. Das Schreiben war eine großartige Übung darin, von Nichts zu Etwas zu kommen. Also schnell und häufig eine leere Leinwand zu füllen. Den ersten Schritt zu machen. Einfach anzufangen.
  6. Der möglicherweise GRÖSSTE BENEFIT: Die Challenge war ein hervorragender Ideenkiller. Damit meine ich: Wie oft habe ich mir schon gedacht, dass ich unbedingt ein ganz bestimmtes Thema mal ausführlicher beackern will/muss/sollte; und war manchmal ganz überwältigt von der Fülle dieser vielversprechenden Themen. Mit der Challenge konnte ich sehr viele dieser Themen innerhalb eines kurzen Zeitraums anreißen - und dabei sehr genau merken, welchen von ihnen nach einem kurzen Artikel die Luft ausging; und welche mich weiter beschäftigten. Sehr erleichternd. Ich glaube es ist kein Zufall, dass sich gerade in den letzten Wochen für mich deutliche Veränderungen auch in Bezug auf meine beruflichen Aktivitäten ergeben haben.
  7. Ich habe die Artikel nicht weiter promotet; Hauptzweck dieser Challenge war einfach zu schreiben was ich wollte; egal ob das für andere Leser interessant sein könnte oder nicht. Die Besucherzahlen (Unique Visitors) lagen bei etwa 350 im September, und stiegen auf etwa 500 im November.
  8. Meine persönliche Erkenntnis: Tägliches Schreiben tut mir gut - tägliches Veröffentlichen ist hingegen nicht so sehr mein Ding. Ich schätze es, Texte auch mal ein paar Tage sitzen zu lassen und ihnen ordentlich Nacharbeit zukommen zu lassen. Andererseits hat das tägliche Veröffentlichen während der Challenge auch das tägliche Schreiben nach sich gezogen und mir sehr dabei geholfen, diese Schreibgewohnheit zu festigen. Die Herausforderung jetzt NACH der Challenge wird also darin bestehen, das tägliche Schreiben beizubehalten - auch ohne den Anker des täglichen Publikmachens.
  9. Die Länge der Challenge hat sich tatsächlich als sehr stimmig erwiesen - überschaubar genug, um nicht aufzugeben; und lang genug, um wirklich etwas über den Inhalt der Challenge, hier das Blogschreiben, zu lernen. Es war definitiv nicht mein wichtigstes Projekt in 2015 - aber ich bin froh, dass ich es angegangen bin.
  10. Die Themen, die mich gefühlt am meisten gepackt haben: 1) Mein Erleben von Inklusion und 2) Beispiele von Bewegung als Teil der Lebensweise und emotionale/soziale Aspekte von Bewegung. Nur am Rande gereizt haben mich dagegen HowTos, also konkrete biomechanische/physiologische Bewegungsanleitungen.

Spannend fand ich, wie zugeneigt mein Sohn dieser Challenge war. Nicht dass er die Artikel mitverfolgt oder gelesen hätte; aber er war immer daran interessiert, bei dem wievielten Artikel ich gerade war und es war selbstverständlich für ihn, dass ich mir die Zeit zum Schreiben nehmen würde, egal was bei uns an dem jeweiligen Tag so anstand. Ich hatte den Eindruck, dass er großes Verständnis für das Committment hatte, das ich mir selbst auferlegt hatte - und durch seine direkte und indirekte Unterstützung war es so, als ob diese Art von freundlicher Verpflichtung gemeinsam lebten.

Ich kann so eine Challenge, egal für was, definitiv empfehlen. Ich glaube, dass irgendeine Form von Veröffentlichung oder Dokumentation (für eine evtl spätere Veröffentlichung) ganz entscheidend für das Dranbleiben ist. Ob aufschreiben, auf Video aufnehmen, ein Foto machen - irgendein tägliches Zeugnis der Mühe, die man sich gemacht hat.

Ideen für weitere Challenges habe ich einige - aber zunächst werde ich mich über den Abschluss dieser freuen. Und ins neue Jahr kommen. Für das ich uns Challengern und Gechallengten nochmals alles Gute wünsche - und vor allem viel Freude bei all dem, was wir tun!

 

 

99 - Eins nach dem anderen bewegen.

In den letzten Monaten ging es in diesem Blog viel um Bewegung. Um einen neue Lebensweise, in der der Bewegung in den Alltag integriert ist. Darum, Bewegung viel weiter zu verstehen als innerhalb sport-spezifischer Trainingseinheiten.

Gleichzeitig auch darum, dass es keine Fähigkeits- und Altersbedingten Limits gibt. Mit dem richtigen Vorgehen und der nötigen Zeit kann man sich wahrscheinlich so ziemlich alles erarbeiten. Und wie bereichernd es ist, wenn man sich in seinen Bewegungserforschungen von nichts abhalten lässt.

Und wie in allem Guten und Wunderbaren gibt es auch hier ein kleines Risiko.

Die Gefahr des Zuviel. Overwhelm. Überforderung.

Denn wenn man erst einmal erkennt, dass im Grunde alles möglich ist, und was es alles gibt - dann ist es leicht, es alles zu wollen. Am besten innerhalb eines Jahres. Mit ausgeklügelter Organisation und Trainingsplanung versucht man geschickt, an vielen Dingen gleichzeitig zu feilen.

Für mich war 2015 so ein Jahr, das mir sehr den Kopf geöffnet hat in Bezug auf Bewegung. Es war ein wundervolles Jahr, in dem ich Dinge erreicht habe, auf die ich früher überhaupt nicht einmal gekommen wäre - z.B. im Tanz, aber auch in Bezug auf die Beweglichkeit und Bewegungsfertigkeiten meines Körpers. Mit großem Interesse tauchte ich in Workshops, Facebook-Gruppen, Blogs und meine eigenen Trainingserfahrungen ein und entwickelte ein völlig neues Verständnis dafür, wozu mein Körper in der Lage ist und in der Zukunft sein kann. Hiphop, Ballett, gymnastische Elemente, Rehabilitation chronischer Schulterthemen, feilen an fundamentalen Bewegungsmustern - es gab so viel zu tun. Und mir passte es gar nicht, wenn etwas davon auf der Strecke blieb.

Bis ich nach und nach realisierte, dass es so nicht ganz funktionieren kann. Denn es gibt einfach zu viel Bewegung, als dass man sie jede Woche komplett einmal durchlaufen könnte.

Und wie sonst im Leben auch, liegt die Lösung in einer Haltung, die ich Sequentielles Priorisieren nennen würde: Für Zeiträume von etwa 2-3 Monaten superklaren Fokus auf ein bis zwei Schwerpunkte legen. Je nach verfügbarem Trainings- und Bewegungsumfang kann man das für mehrere Bereiche machen. Für mich sind diese Bereiche aktuell: Ballett und Oberkörper-Basics. Als nächstes werde ich mein Augenmerk wieder verstärkt auf Hüftmobilität und fundamentale Bewegungsmuster legen. Und danach vielleicht an konkreten Oberkörper-dominierten Bewegungen arbeiten. Und dann irgendwann wieder verstärkt mit Squat-Variationen arbeiten.

Für mich ist dieses Fokussieren immer eine Herausforderung - aus ganz klassischen FOMO-Gründen ("Fear of missing out"): Also die Angst, dass das, worauf ich mich gerade nicht fokussiere, mir verloren gehen könnte. Ja - man kann sich schon ziemlich Stress machen im Leben.

Aber die nächsten zwei Wochen werde ich zunächst einen ganz anderen Schwerpunkt setzen: Pure Regeneration. Meine neuen Spitzenschuhe ein wenig "einlaufen". Ganz viele heiße Bäder nehmen, und möglichst viel Sonne tanken.

Mein Bewegungsmotto für 2016? Mut zur Lücke.

 

98 - Die Top 5 Mythen rund um das Meditieren.

So langsam dämmert es vermutlich jedem: Ein Leben ohne Bewegung ist relativ hoffnungslos. Bewegung hat eine ähnlich essentielle Rolle wie Nahrung, Wasser und Sauerstoff - nur dass ein Mangel an Bewegung eine längerfristigere tödliche Wirkung hat als ein Mangel der drei letztgenannten Elemente.

Gleichzeitig meinen immer noch viele Leute, ohne Meditation auskommen zu können.

In vielen Kreisen ist Meditation irgendwo zwischen Esoterik und Müßigang angesehen - purer Luxus oder lästige Langeweile.

Dabei ist Meditation sogar wissenschaftlich längst über eine Form spiritueller Praxis hinausgewachsen: Die Effekte von regelmäßigem Meditieren auf das neuronale und endokrine System sind relativ eindeutig. Kurzgefasst: Es gibt kaum etwas, das das Nerven- und Hormonsystem so dermaßen runterfahren und ausbalancieren kann (d.h. von sympathischer zu parasympatischer Dominanz) wie regelmäßiges Stillsitzen.

Dass es trotzdem noch längst nicht gängige und unspektakuläre Praxis ist, sondern häufig skeptisch beäugt, liegt vielleicht an ein paar Mythen, die sich rund um das Meditieren ranken. Hier sind die Top 5 - und ihre relativierenden Fakten:

1. Richtiges Meditieren heißt keine Gedanken zu haben.

Stimmt nicht! Ist auch gar nicht nötig. Es gibt viele verschiedene Zugänge zur Meditation - aber den meisten ist gemeinsam, dass man alle Gedanken, die hochkommen, einfach unaufgeregt vorbeiziehen lässt, ohne sich über sie zu ärgern. Meditieren bedeutet in dem Sinne bewusst wahrzunehmen, dass man denkt, und es annzunehmen, egal was da komme.

2. Für richtiges Meditieren muss man perfekt sitzen können und es stundenlang machen, und überhaupt alles perfekt machen.

Auch das trifft nicht zu. Man kann sitzen, oder auch liegen wie man will! Bequem darf es dabei auch sein. Es hilft, wenn es eine Position ist, in der man gut atmen kann - und dafür darf man sich so viele Polster, Kissen, Stühle und Matten hernehmen wie man will. Schon fünf Minuten reichen. Wichtiger ist eher die Regelmäßigkeit als die Dauer. Entscheidend ist, nicht in einen "spirituellen Ehrgeiz" zu verfallen, der einen dazu drängen will, ganz spezifischen Meditationspraktiken zu folgen und sie vor allem immer "richtig" machen zu müssen. Relax - oder nimm einfach wahr, wenn Du es nicht bist.

3. Meditieren ist nur etwas für hochspirituelle Menschen.

Es stimmt schon, dass im Grunde alle Glaubensrichtungen in irgendeiner Form das Stillsitzen praktizieren. Das heißt aber nicht, dass man an irgendetwas glauben muss, um meditieren zu dürfen. Meditation ist eine Hinwendung zu sich selbst, in der Stille, mit großer Bewusstheit. Und das ist völlig ausreichend.

4. Stillsitzen ist schwer zu ertragen.

Da ist zugegebenermaßen etwas dran - es kann, vor allem am Anfang, extrem heraufordernd sein, auf einmal mit sich selbst alleine ganz still zu werden und nichts zu machen. Denn damit konfrontiert man sich auf einmal mit Gedanken, Gefühlen und Bildern, die im Lärm des Alltags komplett ausgeblendet werden können. Aber genau darum geht es - dieser Herausforderung mit zunehmender Gelassenheit und Gleichmut zu begegnen. Oder andersherum gesagt: Was sagt es mir, wenn ich nicht bereit bin, mich vielleicht fünf Minuten pro Tag darauf einzulassen?

5. Für Meditation muss es ganz still im Raum sein.

Auch das hat nichts mit Meditation zu tun. Klar, es ist angenehm, wenn es im Hintergrund nicht gerade superlaut ist und nicht ständig Menschen um einen herum laufen. Aber Meditation hat grundsätzlich mit der inneren Stille zu tun - und einer bewussten Wahrnehmung jeglichen äußeren Lärms, wenn vorhanden. Davon abgesehen: Für ein paar ruhige Minuten pro Tag findet sich mit Sicherheit ein einigermaßen ruhiger und geschützter Ort - und sei es ganz einfach das Klo.

Meditation ist also weniger das physische Tun - als eher eine innere Haltung. Natürlich unterstützt das Tun diese Haltung, aber es ist wichtig, sich nicht auf ganz-bestimmte-und-nur- die Meditationspraktiken zu versteifen, sondern zu akzeptieren, dass die Umwelt jeden Tag ein wenig anders sein wird. Dann kann man nämlich dem Meditieren unheimlich viel abgewinnen - und sei es einfach das Gefühl, sich selbst sehr innige Zeit zu widmen.

 

97 - Was ich von einem Ballettgeschäft über gute Geschäftsmodelle gelernt habe.

Spitzenschuhe stehen bekanntlich nicht so oft auf der Sportartikel-Einkaufsliste erwachsener Menschen. Auf meiner bisher auch nicht - bis gestern.

Wer sich jetzt nicht angesprochen fühlt, weil er in absehbarer Zeit vermutlich keine braucht: Abwarten, und weiterlesen. Denn was im Grunde als ganz normaler Besuch eines Ballettgeschäftes begann, wurde für mich zu einer Lektion in gut funktionierenden Geschäftsmodellen in dreifach schwierigen Branchensituationen: 1) Offline-Einzelhandel und 2) Sport und Fitness und 3) weit abseits von jeglicher Laufkundschaft und attraktiven Innenstadtlagen.

Schwierig weil bekanntlich, oder angeblich, jeder nur noch im Internet einkauft, und eigentlich nur noch zum Anprobieren in Geschäfte geht. Und offline höchstens in City-Fußgängerzonen shoppt. Und dass es der Gesundheits-/Sport-/Fitnessbranche an funktionierenden Geschäftsmodellen fehlt, habe ich bereits an früherer Stelle erläutert.

Zunächst zum Hintergrund. Ballettbedarf fällt sicherlich in die Kategorie des spezialisierten Fachhandels, und insbesondere Spitzenschuhe zu kaufen ist eine sehr spezielle Angelegenheit. Der Grund dafür liegt darin, dass dieser Schuh dafür sorgen muss, dass ein extrem individuell geformter Körperteil (der Fuß) über eine extrem kleine Auflagefläche das gesamte Körpergewicht sicher trägt. Der Schuh muss also sehr fest/stabil sein und gleichzeitig extrem gut zur Fußform passen. Das sind viele extreme Anforderungen - dementsprechend muss man den Schuh natürlich extrem sorgfältig aussuchen. (Genug der Extreme jetzt.)

Die meisten Tanzsportbedarfsläden gehen aber mit diesem Artikel genauso um wie mit allen anderen: D.h. man kommt als Kunde in den Laden, sagt dass man Spitzenschuhe braucht, wird dann beraten und probiert die verfügbaren Modelle an.

Das kann gut gehen oder auch nicht - es ist ein wenig Glückssache: ob bei den im Geschäft verfügbaren Modellen ein passendes dabei ist; außerdem hängt die Beratung davon ab, wieviele Kunden gerade sonst so im Laden sind, und wieviel Erfahrung die Verkäuferin mit dem Anpassen von Spitzenschuhen hat.

So, und hier machte die gestern von mir besuchte Ballettboutique Anita alles anders: Mein Spitzenschuhkauf war zu keinem Zeitpunkt dem Zufall überlassen. Es war von Anfang an klar, dass ich mit perfekt passenden Spitzenschuhen (und ein paar Accessoires) rausgehen würde. Und so hat das Ganze in der Praxis funktioniert:

  1. Der Besuch des Geschäftes funktioniert nur mit Termin. Man ruft also an, oder schreibt eine Email und vereinbart einen festen Termin. Bei dem Telefonat fragt die Inhaberin, Ingrid Müller, ein paar Informationen ab: Ob es die ersten Spitzenschuhe sind, welche Straßenschuhgröße man hat, ob man bereits irgendwelche Schoner, Strumpfhosen etc hat, die man zum Termin mitbringen würde. Meinen Termin bekam ich für drei Tage später.
  2. Während des Termins ist kein anderer Kunde vor Ort - die Verkäuferin nimmt sich also mindestens eine Stunde voll auf mich fokussierte Zeit. Nach ihren Angaben ist diese Zeitplanung sehr individuell - bei manchen Kunden können es auch schon mal mehrere Stunden sein.
  3. Der Verkaufsraum hat eine ziemlich kleine Fläche - das Sortiment ist hingegen riesig. Und ich meine riesig. Nach Angaben der Inhaberin das größte Fachgeschäft in Europa. Auch wenn ich das nicht überprüft habe - man sieht, dass eine sehr große Auswahl von Kleidung und Schuhen im Bereicht Tanz, Gymnastik und Eiskunstlauf vorhanden ist. Der Laden liegt in Trudering am Stadtrand von München, in der Nähe der S-Bahn-Haltestelle (knapp 20min vom Zentrum) und eigenem Parkplatz.
  4. Meine Anprobe ist bereits vorbereitet als ich ankomme: Auf der Theke liegen eta 20 bis 30 Paare Spitzenschuhe in meiner Größe bereit; außerdem auch die Strumpfhose und Schoner. Klar, dass die Strumpfhose die exakt passende Größe hat, die Frau Müller im Moment meines Reinkommens absgeschätzt und nicht etwa erfragt hat.
  5. Die Anprobe verläuft nach einem erprobten Schema: Von dem großen Berg an Schuhen probiere ich ausschließlich eine Seite an, und zwar die des größeren Fußes. Über 50min hilft mir die Inhaberin dabei persönlich in den rechten Schuh, und lässt mich (mit Festhalten) auf die Spitze gehen. Dabei achtet sie sehr penibel auf meinen korrekten Stand, und schaut sich den Sitz eines jeden Modells genau an. Schuhe, in denen ich nicht richtig über der Spitze stehe, sowie solche in denen ich zwar gut stehe die aber für mich gefühlt superunbequem bis schmerzhaft sind, sortiert sie sofort aus. So arbeiten wir uns zu 5-6 Favoriten vor - erst diese probiere ich auf beiden Füßen, plus dann auch ausschließlich auf dem linken (kürzeren) Fuß. Irgendwann sind es dann die Top 2, die vom Sitz und Tragegefühl in etwa gleichwertig sind - und diese letzte Entscheidung treffe ich dann aus dem Bauch heraus. Was nur deswegen funktioniert, weil ich halt vorher 20-30 Modelle gefühlt habe. Von Reinkommen bis Rausgehen sind etwa 75min vergangen.
  6. Cross-selling: Klar, dass ich auch die Schoner und die Strumpfhose bei ihr kaufe - letztere nicht ganz günstig, aber so gut sitzend wie kaum eine andere zuvor.
  7. Selbstverständlich legt sie meine Auswahl, alle probierten Modelle und die Top 5-6 in ihrer Kundenkartei an - wenn ich also nächstes Mal wiederkomme, kann sie das neue Fitting gleich mit den Favoriten beginnen.

Ergebnis:

Für mich: Ich gehe erfolgreich und zufrieden aus dem Laden - und vor allem mit dem Gefühl, dass ich mich auf meine Auswahl total verlassen und meine ersten Spitzentrainings-Erfahrungen auf gutem und top passenden Material machen kann. Dass ich dafür möglicherweise ein wenig mehr bezahlt habe (was ich nicht sicher weiß, da ich keinen Vergleich habe) erlebe ich als absolut angemessene und gute Investition. Ich werde definitiv wieder einen Termin vereinbaren, wenn ich meine Schuhe ersetzten muss - oder, wenn ich ein neues Trikot brauche.

Für die Ladenbesitzerin: Wenn man es genau überlegt, sorgt ihr Vorgehen für so gut wie fest garantierte Umsätze. Dadurch, dass sie durch ihr großes Sortiment und ihre Beratungskompetenz das Anpassen (übrigens nicht nur von Schuhen, sondern auch Trikots etc) nicht dem Zufall überlässt und sich so intensiv um jeden Kunden kümmert - geht mit Sicherheit jeder mit der gewünschten Ware und wahrscheinlich mit noch mehr heraus. Ihr Vorgehen erlaubt es ihr, die Fläche des Ladens klein zu halten, und lieber in ein großes Sortiment zu investieren, was wiederum dem Kunden zu Gute kommt. Ich vermute, dass Kunden bei ihr tendenziell wiederkommen und sie empfehlen, was ihren Bedarf für Marketing wahrscheinlich gegen Null gehen lässt.

Und was kann man daraus lernen?

Eigentlich sollte dieses Vorgehen für den Kauf eines solch speziellen Artikels selbstverständlich sein. Die meisten Geschäfte machen es aber nicht. Es lohnt sich also immer zu überlegen, wie man es wahrscheinlicher machen kann, dass der Kunde genau das bekommt, was er sich wünscht - auch wenn es nicht den gängigen Geschäftspraktiken der Branche entspricht.

Funktioniert das immer?

Weiß ich nicht. Vielleicht funktioniert das vor allem dann gut, wenn es um sehr spezialisierte, individuell angepasste Produkte/Dienstleistungen geht. Wenn der Kunde sehr genau weiß, mit was er am Ende herauskommen möchte. Wenn es ihm also nicht unbedingt darum geht, "einfach nur mal zu schauen" oder es sich nochmal zu überlegen. Aber wer weiß, vielleicht kann man sich auch bei etwas allgemeineren Gütern und Services so ein maßgeschneidertes Vorgehen überlegen.

Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass ich neben meinen neuen Spitzenschuhen, an ganz unerwarteter Stelle, Erkenntnisse zu erfolgreichen Sales-Prozessen erworben habe. Was ich aus beidem machen kann, wird sich natürlich erst in der Praxis zeigen. Aber es zeigt mir mal wieder, dass es sich immer und überall - auch in traditionellen Branchen - lohnt, nach innovativen Geschäftsmodellen Auschau zu halten und von ihnen zu lernen. Ich hoffe, dass meine kleine Analyse auch für andere hilfreich sein kann - und wünsche uns allen in diesem Sinne schon mal alles Gute und viel Unternehmergeist für 2016!

96 - Seit zwei Jahren nicht mehr gejoggt.

Neulich fragte mich ein entfernter Bekannter, ob ich denn noch regelmäßig joggen gehe.

Ich schaute ihn kurz verduzt an - bis ich realisierte, dass wir uns schon länger nicht gesehen/gesprochen hatten.

Dann, immer noch verduzt, realisierte ich, dass ich seit zwei Jahren nicht mehr joggen gewesen war. Und dass ich gar nicht gemerkt hatte, wie schnell das zweite eigentlich an mir vorbeigegangen war.

Nachdem Laufen etwa zwanzig Jahre lang fester und regelmäßiger Bestandteil meiner sportlichen Aktivitäten war, hatte ich vor zwei Jahren einfach damit aufgehört. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich sogar in diesem Blog Bilanz dazu gezogen und meine Motive für die Lauf-Abstinenz beschrieben.

Ohne es so richtig bewusst geplant zu haben - bin ich dabei geblieben. Und daran, dass ich es jetzt erst gemerkt habe, merke ich sehr deutlich, dass mir weiterhin nichts gefehlt hat.

Aber jetzt, da ich es gemerkt habe - hier ein paar Beobachtungen/Erkenntnisse/Konsequenzen aus dem zweiten Jahr ohne Laufen:

  • Man kann tatsächlich sehr gut ohne Laufen auskommen, und trotzdem konditionell in einer ausreichend guten Verfassung sein.
  • Die Frage ist immer: In guter Verfassung für was? Welche Art von Ausdauer-Leistungsfähigkeit brauche ich für meine sportlichen Aktivitäten und für meinen Alltag? Ich kann diese Frage relativ klar beantworten: 1) Täglich viel in flachem Gelände gehen können (Größenordnung 5-12km) 2) 4-6 Ballettstunden pro Woche in guter Konzentration bewältigen zu können, und in höherer Intensität ein paar Stunden Hiphop (Intervallbelastungen!) 3) Mit meinem Sohn im Rollstuhl auf Berge bis ca 1200m gehen können.
  • Die obigen Aktivitäten haben keine wahnsinnig hohe Ausdaueranforderungen. Trotzdem glaube ich, dass ein Körper auch mal intensive Herz-Kreislauf-Atem-Belastungen braucht. Hier könnte ich mich nach wie vor verbessern, ich glaube die könnte ich öfter vertragen. Ich habe nach wie vor keine einfach in meinen Alltag integrierende Lösung gefunden (außer gelegentliches zur-S-Bahn-Rennen).
  • Ich gehe deutlich weniger Spazieren als im ersten Jahr. Der Hauptgrund dafür besteht einfach darin, dass ich mein Tanzpensum im letzten Jahr ziemlich erhöht habe, insbesondere die Anzahl meiner Ballettstunden pro Woche. Dies hat einen großen Teil der Spaziergehzeiten ersetzt - einfach aus Zeitgründen, aber auch weil mein Bewegungsdrang durch das Tanzen bedient wird. Das ist soweit ok - der einzige Nachteil ist, dass ich so unter der Woche weniger Zeit draußen verbringe.
  • Die Bergwanderungen mit meinem Sohn sind im letzten Jahr zu einem regelmäßigen Wochenendprogramm geworden (alle zwei Wochen) - das gibt mir auch wieder Zeit draußen und eine Kraft-Ausdauerbelastung für den ganzen Körper. Allerdings ist diese in den letzten Monaten wieder ein wenig gesunken, einfach dadurch, dass mein Sohn jetzt längere Strecken mit seinen Gehstöcken alleine geht, und ich ihn nur noch kurze Strecken schiebe. Was unglaublich und toll ist, ich hätte das nie erwartet. Und ein gutes Beispiel, wie Bewegung im Alltag sich ständig verändert, wenn Fähigkeiten und Umstände sich verändern.

Das Entscheidende aber: Ich fühle mich superwohl mit meinen Aktivitäten - ich freue mich sehr auf meine Tanzstunden, meine vielen "Gehwege" im Alltag und auf die Touren in den Bergen. Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass ich mich zu irgendetwas voller Selbst-Disziplin überwinden müsste. Das heißt nicht, dass das alles so bleiben muss - im Gegenteil, in dem Maße wie sich meine Interessen, Alltagsgewohnheiten und körperlichen Fertigkeiten verändern, wird sich mein Aktivitätsprofil verändern. Es gibt kein richtig/falsch/gut/schlecht - sondern nur: Was macht mir gerade Freude?

Ich glaube es klingt schon heraus, dass ich nicht vorhabe, in absehbarer Zeit wieder laufen zu gehen. Das ist absolut nichts gegen das Laufen, sondern einfach meine ganz persönliche momentane Situation. Wer Freude am Laufen hat, dem gönne ich es sehr! Aber wer eigentlich keine hat, braucht sich nicht um jeden Preis, weil es angeblich so gesund sein solle, dazu zu überreden. Es gibt viele andere schöne Sachen - man muss sich nur auf die Suche begeben.

95 - Pausieren, als ob man krank wäre.

Über Bewegung und Training gibt es mittlerweile mehr Informationen, als man in einem Leben je verarbeiten könnte. Jedes Mal geht es um die Frage, mit welcher Art von Arbeit, mit was für Progressionen und Belastungsschemen man ein höhere Leistungsniveau erreicht und seine Fähigkeiten verbessert.

Dafür, das Erholung ein zentrales Element für die Steigerung von Performance ist, wird sie dagegen eher stiefmütterlich behandelt.

Das mag daran liegen, dass es ein ziemlich komplexes und herausforderndes Thema ist: Das Erholungsbedürfnis des Körpers zu bestimmen, ist nach wie vor nicht ganz einfach. Denn es gibt so viele körperliche Systeme, die unterschiedlich auf Belastungen reagieren können: Während zum Beispiel die Muskeln und das Gewebe durchaus noch standhalten könnten, kann es bereits sein, dass das Zentrale Nervensystem oder das Hormonsystem eine Pause brauchen. Das kann schnell passieren, wenn man ganz neue Bewegungsmuster lernt, die erst noch zentralnervös verschaltet werden müssen. Oder wenn man neben dem Training gerade akut andere Stressoren hat, die das Hormonsystem ordentlich durcheinanderbringen.

Aus diesen Gründen kann man dem regelmäßigen und akuten Erholungsbedürfnis des Körpers durch eine Mischung aus Planung und einen guten Gespür begegnen. Planung ist vor allem dann wichtig, wenn man regelmäßig und intensiv aktiv ist; während das spontane Reagieren auf Belastungen die kurzfristigen Aktivitätsspitzen des Alltags berücksichtigt.

Das klingt einfach, ist aber in der Praxis nicht so ganz ohne. Denn gerade wenn man Spaß an Bewegung hat und sich gerne selbst (heraus-)fordert, dann ist es leicht, die Signale des Körpers zu überhören, oder die geplanten Pausen zu verkürzen. Auch wenn man es eigentlich besser weiß - nämlich dass der Körper sich seine Pausen irgendwann selbst holt. Durch Verletzungen oder Krankheiten, oder sonstige Unpässlichkeiten. Daher bin ich große Anhängerin der Idee, regelmäßig so zu tun, als ob man krank wäre - ohne es eigentlich zu sein. Einfach für einen Tag, oder einige Tage oder Wochen, je nach Bedarf, sehr schonend mit sich umzugehen. Z.B. weniger Termine wahrzunehmen. Mal einen ganzen Tag, nur so, im Bett zu verbringen. Weniger arbeiten. Weniger machen, besser essen. Nur für eine Zeit lang.

Manchmal mag das vielleicht ein wenig viel des Guten sein - aber es ist genau diese Pausen-Gewohnheit, die das Gespür für die Bedürfnisse des Körpers verbessert. Unsere Wahrnehmung davon, was in ihm abgeht, verfeinert. Und es ist einfach ein schönes Gefühl (und vielleicht eine ungewohnte Ausnahme?), wenn man so achtsam und fürsorglich mit sich selbst umgeht.

Mit einer unverschnupften Nase kann man ein heißes Erkältungsbad eh viel besser genießen.

94 - Normwerte sind nicht die Lösung.

In Bezug auf Bewegung und insbesondere Beweglichkeit gibt es jede Menge Richtlinien, im Sinne von: Zu welchen Bewegungsumfängen der Körper in der Lage sein sollte. Z.B. wie viel Außenrotation oder Abduktion das Hüftgelenk bei einem gesunden Menschen hergeben sollte, oder zu welcher Extension oder Rotation die Wirbelsäule in ihren verschiedenen Abschnitten in der Lage sein sollte. Alles was drunter, aber auch alles was drüber liegt - gilt als potentiell verletzungsanfällig.

Mag sein, dass solche deutlich größere Beweglichkeit selten ist und uns daher als Freakshow erscheint.

Aber man darf dabei nicht vergessen, worauf unsere angeblichen "Normwerte" beruhen: Nämlich auf Daten einer weitgehend sitzbasierten Bevölkerung. Oder wenn nicht sitzbasiert, dann zumindest innerhalb repetitiver Bewegungsmuster tätig.

Diese Standardwerte sind von daher eher als Richtwert für alles, was pathologisch drunter liegt sinnvoll - aber sagen nichts über das grundsätzliche Beweglichkeitspotential des Körpers aus. Denn mit viel Geduld, hoher Konsistenz und einer sinnvollen Progression kann der Körper auch auf stetigem Wege in ganz neue Mobiliäts-Welten gebracht werden, auch ohne die gefürchtete Verletzungsanfälligkeit. Es muss ja nicht gleich Contorsion sein - sondern einfach die Freude an ganz neuen und sehr persönlichen Normwerten und daran, sich selbst mit neuen Bewegungsfähigkeiten zu überraschen.

93 - Die schlimmsten Tage des Jahres und warum es gut ist, sie in Ehren zu halten.

Diese Zeit des Jahres finde ich besonders schwierig. Klar, es gibt immer Tage und Phasen, die schlecht laufen; an denen irgendwie gar nichts geht, alle(s) sich gegen einen verschworen hat und nichts gelingt. Aber diese Vor- und auch die Nachweihnachtszeit erlebe ich regelmäßig als besonders dunkel, im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist die Zeit, in der mich schnell etwas aus dem Gleichgewicht bringt, in der ich anfälliger bin für Infekte wie auch für emotionalen Schmerz - und in der ich mich tendenziell eher mal hoffnungslos und überfordert fühle. Klar, das liegt einerseits an zu wenig Sonnenlicht (ich versuche daran zu denken, schon im Spätherbst ein wenig Vitamin D zu ergänzen - meistens fällt es mir aber leider erst dann ein, wenn die schwere Zeit so richtig zuschlägt), und an diesem Advents-/Weihnachts-Hype, dem ich immer sehr ambivalent entgegenstehe (d.h. Glühwein gerne - aber all diese weichgezeichnete Geschenk-/Familien-/Kinderträume-Action löst irgendwie stressige Assoziationen bei mir aus); und wahrscheinlich einem generellen Jahresend-Erholungsbedürfnis. Dieses Jahr vielleicht noch zusätzlich befeuert durch eine gewisse Ungewissheit und Nervosität bezüglich meiner nächsten beruflichen Schritte. Und meinen vorwurfsvollen inneren Stimmen, nach denen ich mit knapp 39 eben diese berufliche Situation doch eigentlich viel besser im Griff haben sollte, und überhaupt ALLES besser im Griff haben sollte.

Und wenn mich solche schwierigen und niedergeschlagenen Tage so richtig übermannen - dann würde ich am liebsten aufhören, an mich zu glauben, und daran, dass ich in diesem Zustand überhaupt noch etwas zustande bringen kann. Dann würde ich am liebsten alles absagen, mich zurückziehen, und mich tausendmal dafür entschuldigen, dass ich gerade nichts gebacken kriege. Auf keinen Fall zieht es mich dann in Situationen, in denen mein Können gefragt ist, ich Fehler machen oder scheitern könnte, oder gar Ablehnung von anderen Menschen erfahren könnte.

Und manchmal ist das ok. Zum Beispiel am ersten Tag meiner Periode.

Aber selten.

Denn wenn man es genauer anschaut, dann können solche Tage eine wunderbare Lektion sein.

Eine Lektion darin, sich selbst Erlaubnis zu geben: Zu Fehlern, zu Imperfektion, zu 60% Leistung (oder gar weniger). Dazu, dass alles schief gehen darf und anderen nicht passen könnte, was man so von sich gibt.

Schritt für Schritt, in aller mit-sich-selbst-hadernden Seelenruhe arbeitet man sich einfach durch die anstehenden Punkte des Tages. Manchmal vielleicht unter Tränen, und manchmal bekommen auch andere diese zu sehen. Kein Drang danach, etwas übers Knie zu brechen oder mit dem Kopf durch die Wand zu gehen - erlaubt ist nur das, was geht. Und mit dieser Seelenruhe geht auf einmal sehr viel. Dieses langsame, erwartungslose Erledigen fängt dann auf einmal irgendwann an, genau den schwierigen Zustand zu verändern, der es ursprünglich ausgelöst hatte.

Warum also die schlimmsten Tage des Jahres nicht einfach ein wenig genießen. Sie schätzen, als eine Art Regulativ für den sonst gängigen High-Performance-Dauerantrieb. Sie als Teil eines natürlichen Auf- und Ab-Zyklus akzeptieren - und als eine Zeit, in der es reicht, einfach nur ich selbst zu sein.

 

92 - Ein Dankbarkeits- und nicht-Dankbarkeits-Ritual.

Es gibt eine Positive-Psychologie-geprägte Übung, die wohl weitreichend bekannt ist: Aufzählen/aufschreiben, wofür man dankbar ist. Die Idee ist, dass es selbst in schwärzesten Zeiten Dinge gibt, die wohltuend sind. Z.B. ein Dach über dem Kopf und genug zu essen zu haben, oder jemanden sehr zu lieben.

Ich bin vor ein paar Monaten nach längerer Zeit wieder über dieses Ritual gestolpert - und vor Kurzem habe ich daraus wieder eine regelmäßige Praxis gemacht. Diesmal fragte ich auch meinen Sohn, ob er mitmachen wolle - jeden Tag, vor dem Schlafengehen, fünf Dinge aufzuzählen, für die wir dankbar sind. An einem Tag fängt er an und listet seine fünf, am nächsten Tag mache ich den Anfang.

Dann kam von ihm aber eine kleine Ergänzung: Er schlug vor, auch Dinge aufzuzählen, für die wir nicht dankbar sind. Erst war ich geneigt, ihm zu erklären, dass es bei der Übung ja gerade darum ginge, sich auf die guten Sachen zu fokussieren - aber nach einem kurzen Moment verstand ich seine Idee. Warum sollte man nicht auch den nervigen, unschönen und beängstigenden Sachen Raum geben, statt sie hinter den dankbaren stehen zu lassen.

Meistens machen wir es nun so, dass die Dankbarkeits-Auslöser die nicht-Dankbarkeits-Punkte überwiegen - aber gestern war es bei ihm auch mal andersherum. Warum auch nicht. Wie schön eigentlich, dass so auch die schwärzesten Dinge den Augenblick bekommen, den wir sonst gerne nur für erfreuliche Aspekte reservieren. Ein sehr positiver Umgang mit ihnen - und ehrlicher allemal.

91 - "Exzessives Gehen" ODER: Die Unfehlbarkeit des kindlichen Körpergespürs

Erneut erlebe ich, wie bereits beschrieben, eine Situation, in der die körperlichen Fähigkeiten meines Sohnes von seinem direkten Umfeld heruntergeredet werden. Oder missverstanden - das bleibt abzuwarten.

Kurz zusammengefasst hat er vor Kurzem etwas ganz Besonderes geschafft: Eine Schulwoche komplett ohne Rollstuhl, nur mit seinen Gehstöcken. Davon mehrfach auch seinen Schulweg zu Fuß und mit öffentlichem Verkehrsmitteln bewältigt. Verständlicherweise superstolz darauf.

Ich hatte auch den Widerstand erwähnt, den sein neuer Fortschritt bei einigen Mitarbeitern seiner Schule ausgelöst hat.

Nachdem wir Eltern heute ein kurzes Tür-und-Angel-Gespräch mit seiner Klassenlehrerin geführt haben, wird mir so langsam die dahinterstehende Dynamik bewusst. Dass das, was eigentlich Inklusion sein sollte - ein Flickenteppich aus medizinischen Dogmen, Schubladen und einem Misstrauen gegenüber dem Entwicklungspotential eines Kindes ist. Es scheint schwer zu sein, sich darauf einzulassen, dass ein Kind, welches normalerweise mit dem Rollstuhl unterwegs ist, auf einmal auf seine Füße kommen will.

Die Lehrerin war komplett aufgelöst. Offenbar hatte sie mit einem Mitarbeiter des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes gesprochen, der ihr tatsächlich gesagt hatte, dass so viel Gehen für meinen Sohn mit seiner "Krankheit" (so hatte sie die Zerebralparese tatsächlich genannt) nicht gut sei. Genauer gesagt benutzte sie den Begriff "exzessives Gehen", und offenbar war ihr gesagt worden, dass dies eine Belastung für die Gelenke u.ä. sei. Als ich ihr vor Augen hielt, wieviel er so im Alltag und in den Bergen läuft, sagte sie sie "hoffe", dass er davon keine Langzeitschäden davontragen würde.

Ich mache ihr keinen Vorwurf. Sie kennt sich mit den genauen Aspekten dieser Behinderung nicht aus, sondern gab im Grunde nur das wieder, was ihr der angebliche Experte für diese "Krankheit" (sorry, ich kann es nicht lassen) gesagt hatte. Der wiederum sieht meinen Sohn bei seinen Hospitationen an etwa zwei bis drei Tagen im Jahr; weiß nichts über die Entwicklungen der letzten Jahre und sonstige Alltags-Bewegungsgewohnheiten. Und hält offenbar stark an bestimmten medizinischen Dogmen fest, die alle darauf hinauslaufen, dass jemand wie mein Sohn sich nicht zu viel bewegen sollte, und wenn, dann nur in bestimmten vorgeschriebenen Rahmen.

Ich habe keine Ahnung, wie man darauf kommen kann, die natürlichen Bewegungsimpulse eines Kindes korrigierend bewerten zu müssen. Wenn jemand noch ein unverfälschtes und unfehlbares Gespür für seinen Körper hat - dann ein Kind. Einem Kind, was Freude am Laufen hat und jede Gelegenheit zum Gehen nutzt zu sagen, es solle lieber mehr Zeit im Rollstuhl verbringen - da fällt mir nicht mehr viel ein. Ausgerechnet das Gehen - eine der fundamentalsten menschlichen Bewegungen überhaupt. Etwas besseres könnte dieses Kind sich im Moment kaum ausgesucht haben.

Das heißt nicht, dass es immer ein Zuckerschlecken ist. Natürlich ist es auch anstrengend, und mein Sohn wird Zeit brauchen, um sich an sein neues Gehpensum zu gewöhnen. Eine Weile wird er das sicherlich auch in der Schule merken. Ich halte diese Weile für sehr gut investierte Zeit.

Ich hoffe, dass wir als Eltern dieses Hintergrunddrama so gut wie möglich abfangen und dafür sorgen können, dass unser bewegungs-freudige Sohn in Zukunft in seinen Schritten bedingungslos ermutigt und unterstützt wird. Schade nur, dass das offenbar nicht überall eine natürliche Reaktion auf seine bewundernswerten Fortschritte ist.

 

 

90 - Mehr Bewegung: Die Schule der Zukunft

Vor drei Tagen passierte es: ich war Zeugin einer Art Schule, die wirklich funktionieren könnte. Die ganzheitlich war, einem Kind riesigen Spaß machte und hochrelevantes Wissen vermittelte.

Das Irre war, dass ich es fast nicht gemerkt hatte. Obwohl ich mir viel Gedanken darüber mache, wie Lernen wirklich gut funktionieren kann - bin ich immernoch relativ fest in der Vorstellung von Schule = Gebäude + Curriculum verhaftet. Erst als ich am Abend den Tag Revue passieren ließ, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Das war passiert: Ich war mit meinem Sohn auf einer dieser Wochenendwanderungen gewesen - und das eigentlich Spektakuäre war, dass er fast vier Stunden, mit nur sehr kurzen Pausen, mit seinen Gehstöcken gelaufen war. Ein absoluter Rekord für ihn; noch dazu, weil wir das erste Mal auf einem nicht rollstuhl-tauglichen Weg unterwegs gewesen waren, und er im Grunde das erste Mal komplett vom Bahnhof bis fast zur Hütte selbst gelaufen war.

Diese enorme Leistung war so präsent in diesem Tag, dass ich fast übersehen hatte, was sonst noch so auf dem Weg los gewesen war. Und was schon öfter auf solchen Wanderungen oder anderen bewegungslastigen Ausflügen aufgetaucht war, ohne dass ich es als etwas Besonderes wahrgenommen hatte.

Während wir also so langsam und gemächlich einen Schritt vor den anderen setzten - waren wir fast die ganze Zeit im Gespräch.

Da wir in den Bergen waren, lag es im Grunde nahe: Mein Sohn wollte wissen, welcher der höchste Berg der Erde war. Nichts besonderes, auf den ersten Blick. Aber hier sind die Fragen, die wir im weiteren Verlauf unseres Gesprächs besprachen:

  • Wieviel mal größer ist der Mount Everest als der Berg, auf den wir gerade gehen?
  • Wieviel mal größer als ich? Als unser Haus?
  • Kann man auch mit dem Rollstuhl auf den Mount Everest gehen?
  • Muss man da Sauerstoff mitnehmen? Warum? Kann man auch ohne?
  • Gibt es da Gewitter?
  • Liegt da auch im Sommer Schnee?
  • Wie lange braucht man da hoch?
  • Wo liegt der eigentlich?
  • Wie macht man das mit Gepäck, Essen und so?
  • Wieviel kleiner als der Mount Everest ist der größte Berg am Tegernsee?
  • Ist der Mount Everest größer als die Zugspitze?

Innerhalb weniger Stunden gingen wir also durch Themen wie Bruch-/Prozentrechnung (der höchste Berg am Tegernsee verhält sich zum Mount Everest ungefähr so wie ein Stück Pizza zur ganzen Pizza, wenn man sie in vier Teile teilt); Geografie und Geologie; menschliche Physiologie (Atmung, Trainingseffekte); Meteorologie (Temperaturabnahme mit zunehmender Höhe, Klima, Niederschlag); Ausrüstung und Logistik (Organisation einer Expedition, Basis-/Höhenlager, Transportmöglichkeiten).

Das was mich dann beim abendlichen Revue passieren so traf:

  1. Mein Sohn hatte völlig spontan sein eigenes, für ihn in dem Moment relevantes Curriculum entworfen. Aus der Umwelt heraus, in der er sich gerade befand; und angeregt durch die Aktivität (das Wandern), das ihm so viel Freude machte. Ein Riesenunterschied zu normalen Schulen - in denen a) das Curriculum und die Reihenfolge vorgegeben sind und bei weitem nicht das Interesse und Aufnahmefähigkeit eines jeden Kindes treffen sowie b) Stillsitzen belohnt wird. Lernen funktioniert aber dann am besten, wenn der Lernende voll engagiert und körperlich sowie emotional involviert ist.
  2. Ich hatte kaum Wissen über den Mount Everest. Ich habe mich noch nie eingehender mit ihm auseinandergesetzt und habe ein wahrscheinlich klassisches, bruchstückhaftes weniger-als-Halbwissen. Mein Ziel war also nicht, die Fragen meines Sohnes allwissend-meisterhaft zu beantworten - sondern möglichst plausibel abzuschätzen. Er lernte durch unser Gespräch also, wie man sich Dinge erschließt, vernünftige Annahmen macht, intelligent rät und grob überschlägt. Auch das ist konträr zu konventionellen Schulen - wo der Lehrer die allwissende Instanz darstellt, die den Lernstoff zu den Kindern transportiert. Aber wir wissen alle: Wissen ist nicht das entscheidende Kriterium für späteren Erfolg im Leben - sondern die Fähigkeit, sich Dinge auf Baiss von lückenhaften Informationen sinnvoll ableiten zu können.

Es steckt noch mehr in dieser Situation: Z.B. die Fragen von Kindern nicht als Fantasien abzutun, oder als etwas, das nervt; oder mit einem "das lernst Du irgendwann später"/"das ist noch zu schwer für dich"; oder mit kindischen Simplifizierungen zu beantworten. Mir versetzt es jedes Mal einen Stich, wenn Lehrer sagen, dass die Kinder nicht "vorlernen" sollen - besser kann man den völlig natürlichen kindlichen Lerndrang wohl nicht abtöten. Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder nicht linear lernen, sondern basierend auf ihren jeweils aktuellen Erfahrungen. Komplexe Zusammenhänge brauchen oft Zeit, bis sie sich kognitiv "setzen" - d.h. nur, weil man etwas immer wieder erklären muss, heißt es nicht, dass es müßig ist. Sondern dass das Kind sich eine weitere (Gehirn-)Wiederholung holt - wie beim Training der Muskeln u.ä. auch.

Vielleicht hatte es einen großen Vorteil, dass ich erst gar nicht so richtig gemerkt habe, dass wir auf unserer Wanderung Schule gemacht hatten: So war ich weit davon entfernt, unserem Gespräch Struktur zu geben oder es sonstwie pädagogisch zu gestalten. Stattdessen konnte ich es genauso interessiert, neugierig und verspielt angehen wie mein Sohn.

Mit Sicherheit hat nicht nur er etwas gelernt.

89 - Langsam Langsamkeit lernen.

Es war Feldenkrais, der sagte, dass man eine Bewegung zunächst langsam ausführen können muss, bevor man sie schnell meistern kann.

Schwer für jemanden wie mich, die, gerade was Bewegung angeht, alles gerne schnell macht und lernt.

Aber in meinem Sohn hatte ich einen exzellenten Therapeuten in Bezug auf geduldige Langsamkeit. Und bei kaum etwas anderem zeigte sich das mehr, als bei unseren gemeinsamen Wanderungen.

Apropos schnell: Normalerweise brauche ich bei solchen leichteren Bergtouren immer nur halb so lange wie auf den Weg-/Streckenmarkierungen angegeben. Es ist noch nicht mal so, dass ich es eilig habe, oder schnell sein will - mein Körper pendelt sich einfach bei einem bestimmten Rhythmus ein, und ich genieße dieses Auspowern gegen die Schwerkraft.

Wenn ich mit meinem Sohn wandere, dann brauchen wir zwei- bis dreimal so lange wie auf den Markierungen angegeben (je nach dem, wie viel er selbst mit seinen Gehstöcken läuft). Als wir mit diesen Wanderungen anfingen und er zunehmend mehr selbst lief, schlug ich ihm immer wieder vor, dass ich ihn eine Weile schieben könnte, damit wir schneller vorankommen können (und ich mich auspowern konnte).

Bis ich es irgendwann ließ. Und seine Selbst-Lauf-Strecken immer länger wurden - heute, mit vier Stunden, ein absoluter Rekord.

Ich ließ mich, stattdessen, auf sein ruhiges, meditatives Tempo ein. Und bin ihm ewig dankbar.

Es ist eine gute Erinnerung daran, nicht immer nur überall hineilen zu müssen. Sich weniger vorzunehmen, und es dafür voll auszukosten. Menschen und ihre Lernprozesse nicht zu beschleunigen, sondern sich auf sie einzulassen.

Ich habe gelernt, langsam zu gehen - und bin superstolz darauf.

88 - Wer alles mitreden will, wenn man ein Kind mit Behinderungen hat.

Wahrscheinlich machen alle Eltern irgendwann die Erfahrung, ungebetene Ratschläge oder Kommentare zum Kind zu bekommen. Lehrer, Erzieher, Ärzte, oder gar Fremde auf der Straße: Alle meinen, das Kind vor Schlimmerem bewahren zu müssen.

Wenn man ein Kind mit einer Behinderung hat, erweitert sich die Liste derjenigen, die ihren Senf dazu geben wollen. Nach der letzten Inklusionsepsisode rund um meinen Sohn musste ich den Kopf schütteln bei der großen Anzahl von Menschen, die regelmäßig meinen, ungefragt seinen Zustand und seine Entwicklungsschritte steuern oder kommentieren zu müssen:

  • Klassenlehrerinnen
  • Hort-Erzieher
  • Hortleiter
  • Schulleiterin
  • Mitarbeiter des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes
  • Orthopäde
  • Mitarbeiter der Audiopädiatrie-Praxis
  • Schulbegleiterin 1
  • Schulbegleiterin 2
  • Heilpädagogische Fachkraft
  • Mitarbeiterin des Referats für Bildung und Sport (als Träger des Hortes)
  • Der Regierungsbezirk

Warum eigentlich?

Traut man uns Eltern nicht zu, das Leben mit unserem Sohn fürsorglich und verantwortlich gestalten zu können, und uns Hilfe/Ressourcen zu holen, wenn wir sie brauchen? Ist es die Unfähigkeit zur Gelassenheit beim Anblick eines Kindes mit Behinderungen und ein Aktionismus-Drang als Kompensation dafür?

Interessanterweise sind es meistens die Leute, die weder selbst eine Behinderung haben noch engere Angehörige mit einer Behinderung, die am lautesten rufen.

Wie wäre es mit einem stillen, gelassenen Mitgefühl als mutige Alternative zum Miteden?