Über den wahren Grund für fehlende Bewegungsvielfalt im Alltag (und nein, es ist NICHT Zeitmangel oder der innere Schweinehund)

Sich in Alltagssituationen vielfältig zu bewegen klingt eigentlich absolut machbar: Öfter mal die Treppe nehmen, und dabei bewusst auf den Gang achten; hier und da mal anders zum Arbeiten hinsetzen, oder auch hocken, oder aufstehen; einfach mal zwischendurch eine neue Bewegung ausprobieren, oder eine neue Sportart; sich irgendwo dranhängen und hochziehen; die schweren Einkäufe zur kleinen Rumpfstabililisations-Trainingseinheit machen. Insgesamt in einer Bewegungs-erforschenden und -spielerischen Haltung durchs Leben gehen; schauen, was sich gut anfühlt, was passt, was funktioniert - und so nach und nach das eigene Bewegungsrepertoire aufbauen und stetig erweitern.

Machbar, ja - und dennoch ist es nicht immer so ganz einfach, sich die Alltagsbewegungen zur Gewohnheit zu machen. Auf Zeit-/Prioritätenmangel schieben das manche, oder auf eine gewisse innere Trägheit, die einen doch gerne auf dem Stuhl oder Sofa sitzen, oder das Auto nehmen lässt.

Mich hat diese seltsame Diskrepanz zwischen der vermeintlichen Einfachheit und der so schwer überwindbaren Prioritäts- und Motivationsproblematik vor allem dieses Jahr, im Vorlauf zur Gründung von Beyond Training, sehr beschäftigt. Das machte irgendwie keinen Sinn. Warum würden alle möglichen lapidaren Dinge jemanden davon abhalten, etwas tief evolutionär verankertes, wohltuendes, in den Alltag einzustreuen?

Bis ich darauf kam, dass da möglicherweise noch etwas anderes Bewegungs-hemmend wirken könnte. Und zwar noch viel mehr, als Zeit, Prioritäten und innerer Schweinehund zusammen.

Es gibt da nämlich noch etwas anderes, das evolutionär sehr tief in uns verankert ist:

Unser Wunsch nach Zugehörigkeit.

Dass wir von anderen gesehen und anerkannt, und in eine Gemeinschaft aufgenommen werden wollen. Evolutionär hing unser Überleben von dieser sozialen Zugehörigkeit mehr ab als von vielen anderen Faktoren.

Im Umkehrschluss: Wir wollen 1.) nicht als Außenseiter dastehen. Und 2.) wollen wir uns auf keinen Fall blamieren und zum Gespött anderer machen.

Letzteres ist vielleicht nicht so sehr evolutionär erwachsen - sondern eher aus unserer Sozialisation, in der Fehler unerwünscht waren, Anderssein eigentlich nur störte, und in der Erfolg oft davon abhing, wie gut man mitgemacht und funktioniert hat.

Zur Illustration: Kennst Du vielleicht das Gefühl, wenn Du mit Kollegen vom Mittagessen wieder ins Büro gehst, und Du Dich am Aufzug von der Gruppe löst, um als einziger die Treppe zu nehmen? Oder es dann doch nicht tust, um Dich nicht abzusondern bzw die anderen als Bewegungsmuffel dastehen zu lassen?

Foto "I admit, I don't normally do this in the office..." von April Rinne unter CC BY-NC-SA 2.0

Foto "I admit, I don't normally do this in the office..." von April Rinne unter CC BY-NC-SA 2.0

Oder: Könntest Du Dir vorstellen, als einzige in einem Großraumbüro mit Deinem Laptop zum Arbeiten auf den Boden zu setzen? Zwischendurch einen Handstand an der Wand zu machen, um den Kopf freizukriegen? Dir Zeit für ein paar Dehnübungen, einen Spaziergang, ein paar Klimmzüge im Türrahmen zu nehmen, während alle anderen viel zu beschäftigt für solche Spielereien sind?

Und dann, selbst wenn Du Dir einen Ruck gegeben hast, die vermeintliche Blamage: Was ist, wenn der Handstand nicht auf Anhieb gelingt? Deine Dehnübungen ihren Namen kaum verdienen, und nicht ein einziger Klimmzug rausspringt?

Da ist wieder eine Diskrepanz: Auf der einen Seite leben wir in einer Alltagskultur, die sehr von Bewegungsarmut und Körperlosigkeit geprägt ist - und es ist schwer daraus "auszubrechen", wenn man dazugehören will; auf der anderen Seite bekommen Alltags-Bewegungsexperimente gefühlt nur dann Anerkennung, wenn sie das Zeug zum Youtube-Upload haben.

In gewisser Weise werden wir mit all diesen Diskrepanzen leben müssen, wenn wir unseren eigenen Bewegungsweg gehen wollen.

Und da das Jahr noch jung ist - wie wäre es mit zwei radikalen Vorsätzen:

1.) Die Angst vor dem Nicht-Dazugehören einfach zu akzeptieren, als ganz normale Begleiterscheinung des Gehens ganz ureigener und außergewöhnlicher Wege. Trotzdem alleine die Treppe nehmen, einen Handstand machen oder auf dem Boden arbeiten. Endlich die neue Sportart ausprobieren, die man in unserem Alter eigentlich nicht mehr macht. Vielleicht merken wir, dass die Angst zum großen Teil unbegründet ist, und dass diejenigen Menschen, die über unsere Bewegungsversuche ein wenig die Nase rümpfen, uns eh nicht gut tun. Vielleicht finden wir nach und nach aber sogar Mitstreiter, einen nach dem anderen, wenn wir uns an irgendwelche Lüftungsrohre hängen.

2.) Uns so oft es geht, so richtig, nach Strich und Faden - zu blamieren!

Ein ureigenes, bewegendes und lebendiges 2015 wünscht euch

Patricia