Sind wir alle von (Schlaf-)Kissen abhängig? Die Geschichte eines Entzugs.

Wenn jeder Moment unseres Alltags ein Trainingsreiz ist - dann gibt es etwas in unserem Leben, das im Grunde einem Kraftmehrkampf-Ultramarathon entspricht:

Unser Schlaf.

Ein Riesen-Trainingsvolumen: hohe Frequenz (täglich!, manchmal mehrfach am Tag), hohe Umfänge (irgendwo zwischen 6 und 10 Stunden pro Tag). Davon abgesehen versetzt uns der Schlaf in ein besonders empfängliches zentralnervöses und hormonelles Aktivierungsprofil (think: Lern- und Regenerationsvorgänge), welches besonders sensibel auf Haltungs- und Bewegungsmuster reagiert. (Das wäre dann nochmal Stoff für einen separaten Blogpost.)

Die Frage ist jetzt: Was machen wir denn so in all dieser massiv-großen Schlafzeit? Welche Haltungen und Bewegungen trainieren wir?

Und das war genau die Frage, die ich mir Anfang letzten Jahres stellte - auch als Teil meines "Wohnzimmer-zu-Lebensraum"-Umbaus (über den ich vor Kurzem hier auf der Beyond Training Facebookseite geschrieben hatte).

Konkreter wurde daraus schließlich genau eine Frage: Warum schlief ich eigentlich auf einem Kissen? Und daraus, ebenfalls angeregt durch einen von Katy Bowmans Artikeln, eine Herausforderung: Ging es auch ohne, und mit welchen Konsequenzen?

Smartphone anschauen vs Schlafen. Die Darstellung/Analogie ist natürlich stark vereinfacht, da die Schwerkraft in beiden Fällen nach unten wirkt, und damit die Lastprofile und Krümmungen im Liegen anders sind als im Stehen. Trotzdem, in einem reduzierten biomechanischen Modell drückt das Kissen den Kopf-Nacken-Schulter/BWS-Komplex in ähnlicher Weise nach vorne wie die Handy-Interaktion. Was ich damit auch sagen will: Während wir uns um ersteres n ziemlichen Kopf machen, nehmen wir letzteres jede Nacht ohne Weiteres in Kauf. Kissen, anyone?

Smartphone anschauen vs Schlafen. Die Darstellung/Analogie ist natürlich stark vereinfacht, da die Schwerkraft in beiden Fällen nach unten wirkt, und damit die Lastprofile und Krümmungen im Liegen anders sind als im Stehen. Trotzdem, in einem reduzierten biomechanischen Modell drückt das Kissen den Kopf-Nacken-Schulter/BWS-Komplex in ähnlicher Weise nach vorne wie die Handy-Interaktion. Was ich damit auch sagen will: Während wir uns um ersteres n ziemlichen Kopf machen, nehmen wir letzteres jede Nacht ohne Weiteres in Kauf. Kissen, anyone?

Mir war schon eine ganze Zeitlang zuvor das Kissen ein wenig zu einem Dorn im Auge geworden. Zum Beispiel habe ich mich gefragt, warum die Vorwärts-Abweichung des Kopf-Nacken-Schulterkomplexes durch Smartphone-/Tablet-/Computer-Gebrauch schon seit Langem ein Hot Topic in der Welt der Orthpädie und Haltungskorrektur war - während wir nachts stundenlang mit einem nach vorne aufgepropften Kopf daliegen (zumindest bei Schlaf auf dem Rücken). Da ich außerdem sehr viel zwischen allen drei (Haupt-) Schlafpositionen (Rücken/Seite/Bauch) wechsele, war mein Kissen irgendwie immer überfordert. Insbesondere das Schlafen auf dem Rücken auf einem Kissen hinterließ irgendwie zunehmend Anspannung und Diskomfort.

Es ist übrigens, meiner Recherche nach, relativ unmöglich, eine wissenschaftlich gut begründete Position in diesem Thema einzunehmen. Es gibt meines Wissens keine sauberen Studien, die das Schlafen ohne Kissen untersuchen. Mit meiner Erfahrung des letzten Jahres kann ich auch annehmen: Es wäre schwierig eine solche Studie zu designen, da weder ein double-blind- noch ein crossover-design sinnvoll zu realisieren wären, oder höchstens über sehr lange Zeiträume (da die Anpassungsvorgänge mehrere Monate brauchen). Auch eine Modellierung ist nicht ganz ohne, da sie sehr stark von den Materialeigenschaften der Schlafunterlage abhängt, und diese sehr variieren kann. Aus biomechanischer Plausibiliät weist Katy Bowman (und die sehr wenigen anderen, die sich hier, hier oder z.B. hier editoriell mit dem Thema beschäftigt haben) darauf hin, dass das Kissen (ähnlich wie Schuhwerk) eine Art Orthese, in diesem Falle für den Hals-/Brustwirbel-Bereich, darstellt, und damit eigentlich der Dekompression der Wirbel- und umliegenden Strukturen und natürlichen Ausrichtung/WS-Krümmung im Wege steht (bzw liegt). Der Gebrauch des Kissens sei eine rein kulturelle Entwicklung, persönliche Präferenz und Gewöhnung; keine biomechanisch sinnvolle und erst recht nicht notwendige.

Klar - das wolle ich am eigenen Leib erfahren.

Mein erster ernstzunehmender Versuch, eine Nacht ohne Kissen zu verbringen, sagte mir im Nu eins: Ich war durch und durch dran gewöhnt, mit meinem Kopf-Nacken-Schulter-Bereich auf einer Erhöhung zu schlafen. Meine Schlafposition war davon geradezu abhängig, und ohne hatte ich erstmal das Gefühl, dass mein Kopf nach unten hing. Und mir Schmerzen bereitete. Von heute auf morgen würde es also definitiv nicht gehen. Es war interessanterweise nicht so sehr die geänderte Kopfposition, die das Liegen ohne Kissen beschwerlich machte - sondern der auf einmal stark erhöhte Druck auf den Kopf, an der Stelle, an der er auf der Matratze auflag.

Also doch Schritt für Schritt. In 10 Schritten:

1) Ich begann damit, dass ich ein flacheres Kissen nutzte.

2) Der nächste Schritt bestand darin, dass ich mein Kissen halbierte - d.h. von den in Deutschland üblichen 80cm x 80cm Kissen wechselte ich auf 40cm x 80cm und nochmal etwas flacher. Nach einigen weiteren Wochen/Monaten begann ich 3) - 9) mir über weitere Monate hinweg einfach irgendwas zunehmend weicheres und immer kleineres unter den Kopf zu legen (Schals, Tücher etc.), bis ich 10) auch das weglassen konnte.

Insgesamt dauerte dieser "Entzug" für mich etwa ein halbes Jahr.

Das Ergebnis: Sehr wohltuend. Ich finde das Schlafen ohne Kissen deutlich angenehmer als das Schlafen mit Kissen davor. Der Kopf fühlt sich jetzt stimmig zum Körper ausgerichtet an. Aber: es hat auch seine Zeit gebraucht. Während der ersten Monate hatte ich zwischenzeitlich Beschwerden im BWS-Bereich - bei denen ich nicht ausschließe, dass sie mit Anpassungsvorgängen durch die geänderte Schlafposition zusammenhingen. (Oder mit all den anderen neuen Sachen, die ich zur gleichen Zeit ausprobierte. Kausalitäten zu erkennen ist eine Kunst für sich.)

Einschränkung: Ich benutze das 40cm x 80cm Kissen immer wieder noch beim Schlafen in Seitlage. Manchmal auch nicht - hängt von der Tagesform ab.

Schlafen, wherever. (Photo Credits Björn Láczay "Toni am Feldkogel", unter CC BY-SA 2.0)

Schlafen, wherever. (Photo Credits Björn Láczay "Toni am Feldkogel", unter CC BY-SA 2.0)

Insgesamt macht mich das kissenlose Schlafen flexibler, d.h. ich kann auf verschiedenen Unterlagen besser eine bequeme Liegeposition finden.

Und noch etwas. Ich finde es ist immer ein erhabendes Gefühl, wenn man wieder ein (Körper-)Gadget weniger im Leben braucht. Die Krücken wegschmeißen, sozusagen, oder die Stützräder abschrauben kann; und der Körper wieder in irgendeinem kleinen oder großen Aspekt zu seiner inherenten Stärke und Belastbarkeit gefunden hat.

Auch meinem Sohn (8 Jahre) habe ich weitgehend das Kissen entzogen. Ist euch, sofern ihr Eltern seid, schon mal aufgefallen, dass Babys ohne Kissen schlafen, und dass man irgendwann das Kissen dann einbaut oder die Kinder danach fragen, weil man selbst eins hat? Mein Sohn hat noch ein superkleines (ich glaube ca 30cm x 60cm o.ä.) sehr sehr wenig voluminöses, was aber mittlerweile eher Deko ist. Auch er schläft in allen drei Schlafpositionen wunderbar ohne Kissen.

Fazit: Ich bleibe Kissen-frei. Allerdings, sofern man sein Leben lang bisher auf Kissen geschlafen hat, braucht die Anpassung sehr viel Zeit und zunehmende Progressionen - wie bei jedem Training. Das nächste wird sein, meine Matraze zu überdenken - die mir in der neuen Schlafposition eher ein wenig zu weich geworden ist.

Fazit II: Bevor man irgendetwas im Leben verändert, oder mit Haltungskorrekturübungen anfängt, sollte man erstmal schauen, was man auch quasi im Schlaf erledigen kann (auf diesen Satz habe ich mich schon den ganzen Artikel über gefreut).

Übrigens sollen die ersten Kissen entstanden sein, um den Kopf vom Boden, und damit von in Kopföffnungen krabbelnden Insekten, zu entfernen. Frühe Kissen waren hart - Holz, Stein. Historisch begleiten uns Kissen also schon lange, wenn auch nicht in der heute üblichen Fluffigkeit.

Es bleibt vielleicht noch die visuelle Abhängigkeit: so ein Bett mit Kissen sieht ja schon besser aus als ohne. Also kein Grund, die Kissen gleich wegzuschmeißen - aber vielleicht einfach beim Schlafengehen als Dekokissen, oder zusätzliche Wärmequelle, ans Fußende zu verfrachten.

(Photo Credit Banner: Luc De Leeuw, "Pillows", unter CC BY-NC-SA 2.0)