17 - Was wir über- und was wir unterschätzen - und zwar genau falschrum

Es gibt Menschen, die sagen, dass sie keine Zeit dafür haben, sich mehr zu bewegen. Oder sich regelmäßig auszuruhen. Oder sich damit auseinanderzusetzen, was sie essen und warum. Und mehr Zeit draußen zu verbringen, mit ihrer Familie oder mit wem auch immer sie sich so richtig rundum wohl fühlen.

Häufig sind das genau die Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken 50 bis 80Stunden-Arbeitswochen hinlegen. Oder auch "nur" 40.

Die Crux an diesem Zeitgeist-typischen Narrative ist: Kein Mensch ist in der Lage, über längere Zeit solch ein Arbeitspensum auf einem kognitiven und physiologisch topfittem Leistungsniveau abzuspulen. Die 40 bis 80 Stunden bestehen zu einem großen Teil aus Leerlauf (z.B. Meetings) und/oder aus Arbeit auf einem eingeschränkten Performance-Level. Deswegen braucht man dann auch so lange für sie.

Und die vermeintlich nicht vorhandene Zeit für Regeneration, Stärkung und Ausgleich - macht diese Bilanz nur noch präkerer, da sie Körper und Geist weiter schwächt.

Das heißt im Klartext:

Wir überschätzen das Arbeitspensum, zu dem wir als Menschen in der Lage sind UND

Wir unterschätzen das nicht-Arbeitspensum, das wir als Menschen brauchen.

Also alles - genau falschrum.

Jeder weiß es. Die ganze Welt redet darüber. Die Zeitungen, das Internet, Bücher - alles ist voll mit dieser Erkenntnis. Die Krankheitsstatistiken sprechen Bände. Und doch glaubt jeder irgendwo insgeheim, dass er/sie als einzige/r ungeschoren davon kommt.

Warum ist es so schwer, aus dieser Geschichte herauszukommen? Warum brauchen wir oft erst mehrere gesundheitliche Warnschüsse, oder einen kompletten Zusammenbruch?

Vielleicht weil ein Ausbrechen aus dieser Mühle im Grunde bedeutet, alles (oder zumindest vieles) Vorherige in Frage zu stellen. Zu bereuen. Keine Ahnung zu haben, wie man auch ohne das viele Keulen und Over-Comitten Anerkennung finden kann. Von anderen nicht verstanden oder sogar gemieden zu werden. Sich faul oder wertlos zu fühlen, wenn man nicht ständig am Anschlag rotiert und jongliert. Unerträgliche Schuldgefühle auszuhalten, weil man zu den eigenen Grenzen steht und sich nicht noch mehr aufhalst.

Machen wir uns trotz aller medialen Glorifizierungen nichts vor: Ein Bruch mit den bisherigen Lebensgewohnheiten und Glaubenssätzen hat zunächst absolut nichts heroisches. Es gibt kein Feuerwerk im neu erwachten Bewusstsein. Es gibt stattdessen eine Zeit der Zweifel, der Orientierungslosigkeit und durchwachter Nächte.

Und das ist nicht jedermanns Sache. Im vertrauten Schmerz zu bleiben ist oft bequemer als den eigenen, ungewissen Weg zu gehen.

Die Frage ist nur: Wie lange.