26 - Escape the inevitable (regelmäßig).

Ich bin großer brand eins Fan - und war nochmal ganz besonders entzückt über das aktuelle Schwerpunktthema "Immobilien". In Wahrheit ging es nicht nur im Immobilien, sondern um Wohnen allgemein: Wie wollen/müssen wir leben, erfolgreiche Wohnbau-Förderkonzepte, Baumängel, Landflucht usw.

Der Grund meiner Entzückung über das Thema: Weil ich glaube, dass Wohnen, obwohl es doch mit der fundamentalste, zentralste und Wohlbefindens-einflussreichste Bereich unseres Lebens ist- eine viel zu geringe Würdigung und Betrachtung in der Öffentlichkeit erfährt. Höchstens dann, wenn es um Preisentwicklungen, Mietspiegel oder architektonische Aspekte für eine wohnmäßig exklusive Gesellschaftsschicht geht - aber die physiologische Qualität des durchschnittlichen Wohnens wird selten thematisiert. (Auch in der brand eins ist dieser Aspekt ein wenig zu kurz gekommen - ich hoffe auf eine Fortsetzung!)

Diese Nicht-Würdigung wird durch die aktuelle Immobilien- und Urbanisierungsdynamik verstärkt. Der weltweit zunehmende Zuzug in Großstätdte führt zu einem Mangel an verfügbarem Wohnraum und zu steigenden bis explodierenden Miet- und Kaufpreisen. Man kann froh sein, wenn man überhaupt was findet, und geht dafür ordentlich Kompromisse ein. Das schnelle Hochziehen von neuen Wohnanlagen hat Baumängel zu einem Routine-Vorkommnis gemacht. Die Wohndichte steigt.

Schon seit längerem ist bekannt, dass das Leben in der Stadt einen messbaren Einfluss auf den psychischen Zustand von Menschen hat, z.B. Neurosen weit häufiger vorkommen als auf dem Land.

Aber es gibt noch eine Reihe weiterer, körperlicher Risikofaktoren, die das Leben in der Stadt mit sich bringt:

  • Unnatürliche Lichtverhältnisse setzen dem Biorhythmus zu: Auch nachts gibt es ein Dauer-Hintergrundleuchten, und zusätzlich Straßen- und Hofbeleuchtung. Geht man dazu über, das Schlafzimmer komplett abzudunkeln, verliert man ebenfalls den Stimulus des natürlichen Lichts als Taktgeber für die innere Uhr.
  • White Noise: Auch akustisch gibt es eine Dauerberieselung, sowie Lärmspitzen z.B. durch Verkehr, große Menschenmengen, Baustellen. Das ist besonders schwierig, da man sich schwer abschirmen kann (es sei denn man will ständig mit Ohropax rumlaufen).
  • Baumängel, Baufälligkeit und unnatürliche Bauweisen: Hierdurch kann es zu einer Vielzahl von Effekten kommen - zusätzliche Lärmbelästigung durch ungenügende Schalldämmung/-trennung; Feuchtigkeit/Schimmel; Trinkwasserbelastung.
  • Schadstoffbelastung der Luft: Klar, wo viel Verkehr....und diese Schadstoffe lagern sich kumulativ im Körper ab. Atemwegsprobleme, -infekte sind die Folge - aber, da die Schadstoffe über verschiedene Kanäle im Körper abgelagert werden, wahrscheinlich auch solche Symptome, die man mit dem Atmen auf den ersten Blick gar nicht in Zusammenhang bringt.
  • Verdichtete Nachbarschaft: Wo viele Menschen wohnen braucht es ein besonders hohes Maß an Rücksichtsnahme und Kommunikation - oder es knallt halt öfter. Häufig wird diese menschliche Interaktion und Räume/Konzepte dafür aber nicht eingeplant. Nachbarschaftskonflikte, zusätzliche Lärmbelästigung, Sachbeschädigung sind die Folge und können auf Dauer ebenfalls belastend auf den Körper wirken.
  • Wenig Raum für Grünflächen und Rückzugsmöglichkeiten: Der Körper braucht Rückzug und Stille genauso wie Stimulation. Das wird in Städten zunehmend schwieriger, weil erstens die Räume dafür beengt sind und zweitens das Abkoppeln dieser Räume vom städtischen Dauertrubel schwer machbar ist.

Die Attraktivität des Stadtlebens wird trotzdem so bald wahrscheinlich nicht sinken, die Vorteile liegen auf der Hand. Daher ist eher die Frage, wie man diese herausfordernden Aspekte des städtischen Wohnens ausgleichen kann. Regelmäßig aus den unvermeidlichen Belastungen der Stadt aussteigt. Sich Oasen und Rückzugsmöglichkeiten schafft. Sich die "Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem" schafft, wie die Zeitschrift Schöner Wohnen es vor einigen Jahren formuliert hat, "von vollkommener Ruhe und urbaner Kultur; von unberührter Natur und moderner Architektur".

Für diese Überbrückung wird man Wege finden müssen, und zwar bitte auf eine nachhaltige Art und Weise. Per Öffentlichem Nahverkehr, oder anderen Transportmitteln, die uns heute vielleicht noch gar nicht bekannt sind. Vielleicht ist es auch eine Möglichkeit, sich zwei Wohnumfelder - ein urbanes, und eins irgendwo weit zurückgezogen auf dem Land - zu schaffen, an denen man jeweils längere Phasen am Stück verbringt. Vielleicht könnte man sogar so ganze (ländliche) Landstriche vor dem Aussterben bewahren.

In jedem Fall könnte man auf diese Weise immer wieder Stille aufnehmen, in echter Dunkelheit schlafen, sich von der Sonne wecken lassen, neue Gerüche wahrnehmen, saubere Luft in den Körper lassen, und die Füße mit Wald- und Wiesenböden verwöhnen.

Und sehr viel mehr - muss man für die Gesundheit eigentlich nicht tun.