28 - Warum ALLE(S) gegen umfangreiche Bewegungspraxis im Erwachsenenalter spricht.

Jeder von uns weiß, wie gut und wichtig Bewegung ist; und die meisten haben in ihrem Leben schon oft erfahren, wie sehr man Spaß man haben kann, wenn man eine heißgeliebte Sportart betreibt.

Und doch nimmt mit zunehmendem Alter bekanntlich der Bewegungsumfang ab - sowohl im Alltag, als auch in Bezug auf Sportarten, die man betreibt oder gar neu lernt.

Gemeinhin wird as auf die Alterungsprozesse des Körpers geschoben - und darauf, dass das Gehirn eines Erwachsenen motorische Fertigkeiten nicht mehr so gut lernt wie das Gehirn eines Kindes.

Andererseits wissen wir durch die wissenschaftliche und anekdotische Evidenz der letzten Jahrzehnte, dass diese beiden Annahmen nicht wirklich stimmen. Ja, es gibt Älterwerden-Prozesse, und ja, auch das Gehirn verändert sich - aber es gibt im Normalfall keinen Grund, warum ein Erwachsener Bewegungen und Sportarten nicht neu lernen und/oder auf einem hohen Niveau dauerhaft betreiben kann.

Aber es gibt da ein paar andere Aspekte - die mir leise dämmerten, als ich gestern aus meiner x-ten Ballettstunde in der Woche nach Hause ging. Nach einer Stunde, die wie gewohnt kein Feuerwerk an Können war, sondern disziplinierte Detailarbeit um, wenn überhaupt, mit einem klitzekleinen neuen Lernerfolg belohnt zu werden. Ich habe erst vor etwa anderthalb Jahren, im Alter von 37, mit Ballett angefangen - und kann ohne Übertreibung sagen, dass mich jede Stunde an meine körperlichen Grenzen bringt.

Was absolut normal ist. Als ich so nach Hause ging, wurde mir bewusst: Das geht Kindern auch so. Auch die brauchen viel Zeit, um etwas zu lernen, und sehen eine ganze Zeit lang sehr ungeschickt aus. Kommen zeitweise nur langsam voran. Schneiden in Wettkämpfen erstmal (oder auch dauerhaft) schlecht ab.

Es gibt aber einen Riesenunterschied: Bei Kindern stört sich niemand daran - weder die Kinder selbst, noch deren Freunde und Familie oder Trainer und Zuschauer. Und noch mehr: Kinder werden von ihrem Umfeld (oder einem Teil davon) dabei unterstützt, (trotzdem) weiterzumachen. Besser zu werden. Zu lernen. Erfahrungen zu sammeln. Sie werden ermutigt, angefeuert, abgeklatscht. Oder auch mal ermahnt, diszipliniert, angetrieben. Sie werden gefördert, und wenn sie auch noch Talent oder den richtigen Körperbau haben, dann sieht es noch viel besser aus. Es gibt eine Kultur, innerhalb derer das motorische und sportliche Lernen von Kindern ganz selbstverständlich geschieht.

Als Erwachsener hat man das nicht - und das muss einem klar sein, wenn man sich auf den Weg in einen bewegteren Alltag oder gar in eine neue Sportart macht.

Niemand fährt einen ins Training. Keiner kümmert sich darum, ob man tatsächlich ins Training gegangen ist oder nicht. Oder ob man im Alltag zwanzig neue Bewegungen gelernt hat. Keiner erfreut sich an den kleinen Ungeschicktheiten, oder den noch kleineren Verbesserungen. Keinen interessiert es so wirklich, ob man besser wird oder welche Ziele man in seiner neu begonnen Sportart gerne erreichen würde.

Und es kommt noch viel schlimmer.

Wahrscheinlich wird man auch noch für verrückt erklärt oder ein wenig belächelt, weil man mit 40 Bewegungen erlernt, die eigentlich nur Kinder neu anfangen. Weil man jeden Tag trainiert und an Bewegungsskills feilt. Weil man dafür Zeit frei räumt. Weil man an klitzekleinen Verbesserungen feilt, während andere auf dem Sofa liegen, Essen gehen, Überstunden machen - oder was Erwachsene halt sonst noch so tun.

Hinzu kommt, dass es nicht einfach ist, als Erwachsener gute Trainings- und Bewegungsinfrastruktur zu finden; Trainer, die bereits sind in Erwachsene zu investieren und sie gut auszubilden. Man muss eventuell bereit sein, mit Kindern und Jugendlichen zu trainieren; und man darf sich nicht davon abhalten lassen, dass man eine ganze Weile (kindlich) ungeschickt auszusehen.

Schwierige Herausforderungen.

Und doch bleibt uns bewegten Erwachsenen ein Riesenvorteil.

Als Erwachsener hat man gar keine andere Wahl als die Freude schon im Tun und aus sich selbst finden - denn es winken oft keine großen äußeren Belohnungen. Man ist gezwungen, an sich selbst zu glauben - auch wenn es sonst niemand tut. Man kommt gar nicht drum herum, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen - eben WEIL einen niemand ins Training fährt.

Dieses Gefühl, dass man etwas tut, weil man es einfach tun will - das kann einem keiner nehmen.

Genau DAS steckt in jeder meiner Ballettstunden - egal wie gut oder schlecht ich mich gerade anstelle.

Je mehr von uns die Grenzen des Lernbaren und des Akzeptierten herausfordern; je mehr Erwachsene ihr Leben lang neue Bewegungsfertigkeiten und Sportarten erlernen und damit das öffentliche Bild prägen - desto selbstverständlicher wird eine Kultur, in der Kinder und Erwachsene gleichermaßen besser werden, Spaß haben und vielseitig bewegt über sich hinauswachsen.