32 - Nur weil es auf Erfahrung basiert, ist es nicht unbedingt gut: Über das Sitzen und keulenschwingende Diskussionen.

Wenn Themen im Bereich der Gesundheits- und Trainings-Communities kontrovers diskutiert werden, dann wird in der Argumentation meistens eine oder eine Kombination der folgenden vier Keulen rausgeholt:

  1. Wissenschaftliche Evidenz
  2. Verweis auf Autoritäten (Gurus, Koryphäen, Hersteller, Anbieter)
  3. Eigene langjährige Erfahrungen ("Haben wir schon immer so gemacht")
  4. [Leider viel zu selten]: Eigene oder zumindest selbst nachvollzogene mathematische Modellierungen, grobe Abschätzungen und Berechnungen

Daran musste ich vor einiger Zeit mal wieder denken, nach dem ich ein längeres Gespräch mit einem Mitarbeiter eines Reha-Geschäftes, nennen wir es "A", führte. Hintergrund war, dass mein Sohn in absehbarer Zeit einen neuen Rollstuhl kriegen sollte - und es ging um die Beschaffenheit des Sitzes darin.

Standardmäßig haben Rollstühle eine feste Bespannung als Sitzauflage, auf der die Sitzpolster/-Kissen aufliegen:

Beispiel einer Sitzbespannung (hier ohne die Sitzauflage, die noch oben drauf kommt) für einen Kinderrollstuhl, Hersteller Pro Aktiv (http://www.proactiv-gmbh.de/rollstuehle_sitz_body_contour.html)

Beispiel einer Sitzbespannung (hier ohne die Sitzauflage, die noch oben drauf kommt) für einen Kinderrollstuhl, Hersteller Pro Aktiv (http://www.proactiv-gmbh.de/rollstuehle_sitz_body_contour.html)

Die Argumente dafür: Dadurch, dass die Unterlage immer etwas mitschwingt, ist das Sitzen/Fahren komfortabler, weniger belastend für die Bandscheiben, und die Wahrscheinlichkeit für Druckstellen nicht so hoch.

Jetzt hatte mein Sohn in den Jahren davor allerdings eine durch ein anderes Reha-Haus "B" gebaute Lösung unter seinem Popo: Statt der Bespannung eine Glasfaserplatte, und oben drauf noch eine maßangepasste Sitzschaumauflage:

Sitzschalenkonstruktion mit Glasfaserplatte (dunkel eingefärbt) und Sitzauflage, Hersteller 4ma3ma (http://www.4ma3ma.de/4ma3ma/images/sitzengr/Sitzen-2.jpg)

Sitzschalenkonstruktion mit Glasfaserplatte (dunkel eingefärbt) und Sitzauflage, Hersteller 4ma3ma (http://www.4ma3ma.de/4ma3ma/images/sitzengr/Sitzen-2.jpg)

Es handelt sich hierbei um eine Eigenentwicklung dieses betreffenden anderen Reha-Hauses "B"; man kann damit die Bespannung von Standard-Rollstühlen einfach ersetzen. Die Idee: Durch die festere Auflage und den angespassen Sitzschaum lässt sich die Sitzposition besser stabilisieren.

Nun ging es also darum: Was sollte mein Sohn für die nächsten Jahre bekommen.

Der Mitarbeiter des Geschäfts A, mit dem ich in dem hier beschrieben Gespräch war, hatte schnell klargestellt, dass die hauseigene Werkstatt nicht dafür ausgerüstet war, eine individuell angepasste Sitzeinheit zu bauen - auch war die entsprechende Expertise nicht im Hause. Außerdem war er der Ansicht, dass mein Sohn eine solche Konstruktion gar nicht unbedingt brauchte. Und die meisten Menschen, die einen Rollstuhl haben, auch nicht - solange sie in der Lage sind, sich selbst einigermaßen im Rollstuhl zu positionieren.

Ich legte (gefühlt) den Kopf nachdenklich schief und ließ vor meinem inneren Auge ein biomechanisches Modell entstehen. Insbesondere: Was es für die Stabilisation des Beckens bedeutet, ob eine Sitzunterlage immer leicht durchhängt (wie bei der Bespannung) oder eben nicht (wie bei der Glasfaserplatte).

An dieser Stelle kann man den Spezialfall des Rollstuhls getrost verlassen und die Frage verallgemeinern: Was ist eigentlich gutes Sitzen?

Halten wir es einfach: Ein funktionell optimales Sitzen ist dadurch gekennzeichnet, dass das Becken in Neutralstellung steht und über die Sitzknochen Kontakt mit der Sitzfläche haben, und die Wirbelsäule ihre natürliche Kurvenform hält:

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/correct-sitting-posture/)

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/correct-sitting-posture/)

Wie man aus dem Bild schon folgern kann: Diese Position braucht das Widerlager der Sitzfläche, um das Becken entsprechend stabilisieren zu können (und zwar auch ohne, dass man ständig daran denkt). Eventuell braucht sie sogar eine leichte Steigung nach hinten (zur Lehne hin), um diese Beckenposition bei habituell kurzer hinterer Oberschenkelmuskulatur überhaupt erst möglich zu machen.

Diese und andere habituelle Verkürzungen; also durch Lebensgewohnheiten veränderte Haltungsmuster generell, führen allerdings dazu, dass die meisten Menschen in ihrem Alltag, am Schreibtisch, beim Essen, im Auto, beim Trinken auf dem Barhocker eher so sitzen:

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/sitting-posture-patterns/)

(Von http://www.tfmstudio.com.au/posture/sitting-posture-patterns/)

In diesem Falle ist das Becken nach hinten gekippt; man sitzt halb auf dem hinteren Teil der Sitzhöcker, halb auf dem Steißbein. Was letzteres gar nicht gut findet. Der Lendenwirbelbereich hat die natürliche Lordose verloren; und alles, was darüber kommt (Brustwirbelbereich, Brustkorb, Schultergürtel, Halswirbelbereich) hat die neutrale Ausrichtung ebenfalls verlassen. Irgendwann tut dann irgendwas in dieser Kette weh (also nicht unbedingt das Becken - sondern vielleicht eher der Nacken).

Man kann aus diesen Bildern jetzt auch die Wirkung einer nicht-festen Sitzfläche verstehen. Durch das Körpergewicht entsteht eine Art Mulde - in der das Becken höchstens durch große Anstrengung in der Neutralposition gehalten werden kann. Genau das passiert nicht nur auf Rollstühlen, sondern auch auf Campinghockern, Sofas, Sesseln, Essstühlen und in Autositzen.

So, und jetzt kommt der lang erwartete Knackpunkt. Mit diesem Wissen um das korrekte Sitzen - heißt das EBEN NICHT, dass alle Sitzmöbel in unserem Alltag eine feste, die optimale Sitzausrichtung fördernde Sitzauflage haben.

Sitzmöbel werden nicht für gutes Sitzen gebaut.

Denn Designer und Hersteller von Sitzmöbeln gehen nicht danach, was die Ausrichtung fördert - sondern was von den meisten Menschen gekauft wird. Und gekauft wird das, was sich bequem anfühlt und auch in allen anderen Aspekten einen kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt. Und wenn ein Großteil der Kundschaft schon per se durch gängige Lebensgewohnheiten und generell zu viel Sitzen in einer nicht-optimalen Ausrichtung steht/sitzt/geht/läuft/springt - dann wird das Sitzmöbel-Angebot sich dementsprechend anpassen. Die Norm - liegt im Bereich der Dysfunktion.

Genau das versuchte ich, dem Reha-Haus-Mitarbeiter zu erklären (Keule Nr. 4). Worauf er die Keule Nr. 3 zückte, und auf die Erfahrung mit den eigenen Kunden verwies, die mit der standarmäßigen Bespannung gut versorgt seien. Ich traute mich nicht darauf zu verweisen, dass diese Erfahrung doch vor allem darauf basiert, dass er gar keine Erfahrung mit festen Sitzflächen haben kann, weil die hauseigene Werkstatt sie gar nicht herstellt. Kam mir zu konfrontativ vor. Stattdessen regte ich vorsichtig an, trotz dieser Erfahrungen die biomechanische Betrachtungsweise heranzuziehen (also zurück zu Keule 4.). Er verwies auf die größten Rollstuhlhersteller, die sich schon seit Langem mit diesem Thema beschäftigen und nicht umsonst die Bespannungsvariante wählen (Keule Nr. 2 - Autoritäten). Und überhaupt habe er mal eine Fortbildung bei XY gemacht, und so einfach sei das mit dem Sitzen gar nicht (nochmal Keule Nr. 2 - Guru/Koryphäe). Ich hörte ihm eine Weile nur zu - was ihn irgendwann dazu einlenken ließ, dass es ja toll ist, wenn jemand sich so damit auseinandersetzt wie ich. Ich verwies versöhnend auf die Komplexität des Themas, und darauf, dass sich in den letzten Jahrzehnten viele Forschungserkenntnisse ergeben haben, die noch gar keinen Eingang in die therapeutische und Versorgungs-Praxis gefunden haben - und dass andererseits viele Ansätze noch gar nicht erforscht sind (mäßig gelungene Anwendung von Keule Nr. 1). Davon ließ er sich wenig beeindrucken und kam wieder mit Keule Nr. 3. Am Ende einigten wir uns darauf, dass sowieso alles sehr individuell ist und es auf den Einzelfall ankommt (der gängigste Ausgang einer solchen Diskussion, wenn alle Keulen genügend oft geschwungen wurden). Anschließend verabschiedete er sich, weil er weiterarbeiten müsse.

Und mein Fazit aus der ganzen Sache?

  • Man sollte nie aufhören, besser verstehen zu wollen, was man eigentlich so macht. Man sollte die eigenen Ergebnisse nicht nur durch die Empirie an sich, sondern auch durch ein entsprechendes, gerne auch zunächst sehr einfaches, Modell zu erklären versuchen. Denn das könnte einen auch auf unerwartete neue Lösungen stoßen.
  • Wenn man sich auf jahrzehntelange Erfahrungen beruft, sollte man nicht übersehen, mit welchen Filtern und Bias man die eigenen Ergebnisse bewertet.
  • Man sollte sich gut überlegen, ob man mit potentiellen Kunden unbedingt argumentative Keulen schwingen muss - oder stattdessen nicht vielleicht einfach zuhört und versucht nachzuvollziehen. Und das als Teil der Arbeit ansieht - statt als deren Unterbrechung.
  • Normen entsprechen nicht unbedingt dem Optimum - sondern dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Mehrheit. Das gilt nicht nur fürs Sitzen - sondern auch für Bewegungsumfänge, offizielle Ernährungsempfehlungen und Arbeitsplatzergonomie.

Wir werden aus guten Gründen bei der maßangepassten Sitzeinheit bleiben. Und dafür sehr weit fahren müssen, weil kaum ein Reha-Geschäft diese bisher anbietet. Ich hoffe, dass es für die Zukunft der Sitzmöbel weniger um Verteidigung der bisherigen Erfahrungen und dysfunktionalen Normen - sondern mehr um Lernen, Innovationen und Unterstützung besserer Ausrichtung geht.