34 - "Ich kann ihn nicht mehr tragen."

Der gestrige Artikel hat mich mal wieder darauf gebracht, wie selbstverständlich es geworden ist, heutzutage im Alltag nicht mehr schwer zu tragen. Schwere Lasten zu heben beschränkt sich höchstens noch auf Fitnessstudios (und auch da nur von einer Subgruppe praktiziert, die mit freien Gewichten trainiert) oder auf bestimmte Berufsgruppen (Umzugsunternehmen, Bauarbeiter).

Eigentlich hat das Heben von schweren Gewichten sogar einen richtig schlechten Ruf - als etwas, das Hexenschüsse hervorruft und den Körper abnutzt. (Ganz besonders gilt das für Frauen.)

Sogar das natürlichste der Welt, nämlich die eigenen Kinder zu tragen - wird an Kinderwagen outgesourct. Anderes ebenfalls: Die Einkäufe zu tragen ans Auto; die Möbel an Umzugshelfer; Gepäck an Rollkoffer.

Klar - dieses Outsourcing bietet große Annehmlichkeiten. Und da es leicht verfügbar ist, und alle es so machen, fällt es schwer, darauf zu verzichten. Aber vielleicht lohnt sich, es zu hinterfragen; denn der Körper ist nicht nur in der Lage, regelmäßig hohe Lasten zu bewegen - sondern braucht diese regelmäßigen Belastungen regelrecht, um aufzublühen und dauerhaft stark und gesund zu bleiben.

Ich wurde mit diesem Thema vor vielen Jahren sehr stark konfrontiert: als klar wurde, dass mein Sohn wahrscheinlich nicht so bald selbst laufen würde. Das gesamte erste Jahr war ich ohne Kinderwagen zurechtgekommen - stattdessen mit meinen Armen und drei verschiedenen Tragetüchern. Dabei ging es mir aber zugegebenermaßen nicht so sehr um den stärkenden Effekt des Tragens, sondern um die Nähe, die ich ihm geben wollte - einen Kinderwagen konnte ich mir für so ein kleines Kind irgendwie nicht vorstellen.

Bei recht großen Eltern wuchs er allerdings sehr schnell - und mit Beginn seines zweiten Lebensjahr sah ich mich außerstande, ihn weiter zu tragen. Ein Kinderwagen kam zu Hilfe. Später dann der erste Rollstuhl. Er wuchs und wuchs und wuchs.

Meine ersten körperlichen Probleme begannen kurz nach seinem zweiten Geburtstag - meine rechte Schulter war vom vielen Tragen und Heben, das seine eingeschränkte Mobilität erforderte, völlig hinüber. In den folgenden ein bis zwei Jahren fühlte ich mich körperlich dauer-überfordert - ständig meinen Sohn anheben, irgendwo hinsetzen; oder den Rollstuhl irgendwo hintragen; alles im Haushalt schmeißen, Einkäufe tragen. Ich wurde leicht verbittert; hatte das Gefühl, dass eine Frau all dieses Heben und Tragen nicht sollte tun müssen; und fühlte mich als Mutter eines nicht besonders mobilen Kindes himmelschreiend allein gelassen.

Bis ich irgendwann an DEN PUNKT kam.

An DEM PUNKT realisierte ich,

  1. dass das Problem nicht mein Sohn und das viele Tragen war - sondern, dass vieles in meinem Leben einfach zu viel war. Dass ich mehr Unterstützung brauchte. Dass ich einiges ändern und vieles weglassen musste.
  2. was für ein großes Glück es war, dass mein Kind mich zum Heben und Tragen brachte. Was für eine exzellente Trainingsmöglichkeit ich hatte, wenn ich schwere Einkäufe nach Hause trug. Usw.

Mit anderen Worten: Auf einmal begriff ich es als Riesen-Privileg, dass ich so viele Hebe- und Trage-Möglichkeiten direkt vor meiner Nase hatte. Und dass es keinen Grund gab, warum es irgendwann ein Limit nach oben geben sollte.

Klar war mir aber auch, dass ich meinen Körper zunächst besser vorbereiten musste - denn die Schulter- und sonstige Beschwerden waren klare Signale, dass meine Haltungs- und Bewegunsmuster nicht gerade optimal waren. Also begann ich mit einem General-"Aufräumen" dieser Muster - ein Prozess, den ich mittlerweile als lebenslang begreife und honoriere.

Mittlerweile genieße ich es, meinen Sohn zu heben, und mich mit ihm in allen möglichen Bewegungsvarianten zu engagieren. Interessanterweise sprang meine Bewegungsarbeit auf ihn über - er sucht selbst nach Möglichkeiten, sich im Rahmen seiner Bewegungsfähigkeiten immer ein Stück mehr herauszufordern.

Und das hätte ich vor ein paar Jahren auch nicht gedacht: Ich genieße es heutzutage geradezu, meine Einkäufe nach Hause zu tragen. Dieser Moment, wenn ich mir zwei schwere Taschen z.B. über die Schultern hänge - es fühlt sich an, als ob mein Körper aus Freude über die Belastung instantan entspannt.

Wo ist die Grenze? Ich weiß es nicht. Ich glaube, dass das eigene Körpergewicht ein guter Indikator ist, wie viel Trage-, Hebe- und Handling-Potential allgemein in einem steckt. Vielleicht nicht in allen Positionen und Richtungen - aber in jedem Falle habe ich, und die meisten von uns, wahrscheinlich noch viel Luft nach oben.