36 - Wir sind alle behindert - zumindest relativ zur Anforderung gesehen.

Es gibt diesen mittlerweile leicht ausgelutuschten Inklusions-Spruch: dass jeder Mensch irgendwie behindert ist.

Ausgelutscht deswegen - weil es ein relativ bemüht provozierender und politisch korrekter Versuch ist, Menschen mit "echten" Behinderungen von allen anderen Menschen nicht abzugrenzen. Z.B. wird in diesem Schema dann Kurzsichtigkeit als Sehbehinderung eingestuft.

ich würde gerne zeigen, warum dieser Spruch aber eigentlich seine volle Berechtigung hat - und wie weitreichend die Konsequenzen sind, wenn man ihn zur Abwechslung mal gründlich durchdenkt.

Es fängt mit der inklusiven Sichtweise auf Behinderung an - der Fachbegriff ist "Soziales Modell der Behinderung". In diesem Paradigma hat Behinderung nichts mit den motorischen und geistigen Fähigkeiten eines Menschen zu tun - sondern mit dem Ausmaß, mit dem äußere Faktoren ("Barrieren") ihn vom Bewältigen und Genießen seines Lebens abhalten. Das können einerseits konkrete physische Hürden sein (z.B. Treppen für Rollstuhlfahrer), aber auch Vorurteile und Berührungsängste, die es ihm schwer machen, Freundschaften aufzubauen; oder auch berufliche Anforderungen, die ihm den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren.

Wenn man diese Sichtweise jetzt verallgemeinert - dann bedeutet Behinderung nichts anderes, als eine Diskrepanz zwischen den Anforderungen des Umfeldes und den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Diese Diskrepanz - gibt es für jeden von uns, an ganz vielen Stellen. Allein auf der körperlichen Ebene: Wenn ich zum Beispiel keinen Rückwärtssalto kann - dann bin ich behindert, denn ich kann nicht an akrobatischen/gymnastischen/Parkour-Aktivitäten teilnehmen. Wenn ich nicht Schlittschuhlaufen kann, kann ich mich nicht besonders gut und schnell auf Eis bewegen. Wenn ich keine gute Ausdauer habe, dann kann ich nicht schnell irgendwo hinrennen. Wenn ich keine gute Hüftmobilität und -kraft habe, kann ich möglicherweise nicht schmerzfrei und nicht besonders weit gehen.

Diese Behinderungen merken wir im Alltag nicht so sehr, denn normalerweise umgehen wir sie mit Leichtigkeit. Ich gehe einfach nicht zum Turnen oder ins Parkour-Training; ich gehe nicht zum Eislaufen, und statt rennen oder gehen kann ich autofahren oder einfach weniger rausgehen. Das ist der Unterschied zur "echten" Behinderung, bei der die Barrieren so alltäglich sind, dass man sie nicht mehr umgehen kann.

Man muss sich aber klar sein, dass in beiden Fällen die Behinderung real ist. Und eben nicht nur ein provozierendes inklusives Konstrukt. Die Frage dabei ist: Wie groß ist der Umfang an Aktivitäten und Umfeldern, die mir durch meine ganz persönlichen Behinderungen verschlossen bleibt?

Und andersrum: Wie kann ich mir mehr dieser Aktivitäten und Umfelder erschließen - und damit mehr Freiheit und Genuss - in dem ich Neues lerne und neue Bewegungsfähigkeiten erwerbe?

Auch DAS gilt für alle Arten von Behinderungen - egal wie schwer und egal seit wie langer Zeit schon. Genauso, wie ich versuchen kann, mich Schritt für Schritt an einen Rückwärtssalto heranzuüben - genauso kann auch ein Mensch mit schweren Behinderungen lebenslange Erweiterungen seiner sensorischen und motorischen Fertigkeiten erleben.

Und vielleicht muss letzteres noch viel mehr in unser Bewegungsverständnis einsinken - als die Tatsache, dass jeder halbwegs gehfähige Mensch das Schlittschuhlaufen lernen kann. Denn das ist auch klar: "Relativ" ist IMMER unabhängig von der Ausgangssituation.