37 - Nichts hören.

Kopfhörer sind eine tolle Erfindung, wenn es um Alltagsbewegung geht. Z.B. weil man gewisse Augen-überlastende und bewegegunsarme Aktvitäten durch aktivere und vielfältigere Szenarien ersetzen kann: Z.B. ein Audiobook hören und dabei gehen - statt es im Sitzen oder liegen irgendwo zu lesen.

Vielleicht hört es aber dabei schon auf?

Daran musste ich heute denken, als mein Sohn und ich uns in der Vor-Schulbeginn-Rushhour durch die Menschenmenge schlängelten. An jemandem vorbeiwollten und ich ihn von hinten freundlich anprach, damit er zur Seite gehen möge.

Nur, dass er nichts hörte. Und da er uns nicht sah, ging er weiter langsameren Schrittes vor uns her.

Das Frustrierende war für mich nicht etwa, hinter ihm stecken zu bleiben. Das Frustrierende war: nicht gehört zu werden.

Auch dieser Moment, wenn man jemanden mit Ohrstöpseln anspricht (um z.B. nach dem Weg zu fragen), er/sie einen zwar sieht, aber sekundenlang nicht reagiert - bis ein Ohrstöpsel rausgefädelt ist. In diesem superkurzen Moment fühle ich mich irgendwie unerwünscht, umständlich, lästig.

Obwohl ich eigentlich nur nach dem Weg fragen wollte. Oder nach irgendeiner anderen kleinen Information. Aber gleichzeitig auch in Verbindung gehe und mich für einen wenn auch kurzen Augenblick einem Menschen zuwende.

Mit Kopfhörern durch die Welt zu gehen - heißt irgendwie, sich von dieser und allen Menschen in ihr abzukoppeln. Das geschieht vielleicht sogar ganz bewusst - ich bin früher immer mit Kopfhörern und Musik gelaufen, gerade um beim Laufen den ganzen Großstadtstress samt -Lärm ausschalten zu können - aber es hat einen Preis. Man wird unasprechbar für andere. Man kriegt vieles nicht mehr mit - im Grunde fährt man einen Teil seiner Sensorik herunter, die u.a. auch eine Orientierungs- und Schutzfunktion hat. Alles was hinter einem passiert - ist komplett ausgelöscht. Das wiederum verändert Physiologie, Gangbild und neuronale Strukturen.

Unsere Feststeck-Situation löste sich dennoch elegant: Ein anderer Fußgänger bemerkte unseren vergeblichen Vorbeikommversuch und schob sich mit zwei schnelleren Schritten von der anderen Seite in das Gesichtsfeld des be-Kopfhörer-ten, um ihn auf uns aufmerksam zu machen. (Wir erreichten die Schule noch pünktlich!)

Das heißt nicht, dass man auf Kopfhörer verzichten muss. Ich höre für mein Leben gern Podcasts beim Spazieren oder Erledigungen gehen - meine persönliche Lösung besteht darin, immer nur einen Kopfhörer im Ohr zu haben, und den anderen einfach runterbaumeln lassen. Mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, um beide Ohren etwa gleich zu belasten. Auf diese Weise kann ich immer noch hören, was ich sonst vielleicht lesen müsste; aber ich bleibe ansprechbar und bekomme alle Umgebungsgeräusche mit.

Kopfhörer, wie andere technische Geräte, bleiben für mich eben trotzdem eine tolle Erfindung. Schade ist es nur, wenn sie für Rückzugs-, Abschottungs- und Ablenkungsbedürfnisse kompensieren, die eigentlich mit mehr Ruhe, tiefer menschlicher Zuwendung und packenden Lebenshinhalten viel besser befriedigt wären.

Außerdem ist es schön, gehört zu werden.