38 - Mein Kind will nicht ins Training.

Viele Eltern kennen die Situation möglicherweise: Kind fängt mit Vereinssport an. Kind geht eine Weile regelmäßig und mit Freude ins Training. Aber dann, auf einmal, will Kind nicht mehr ins Training. Erst nur einmal nicht, dann gar nicht mehr.

So nun auch bei uns vor Kurzem.

Keine triviale Situation. Viele Eltern spüren instinktiv, dass das eine kleine "make it or break it"-Situation ist - mit einem gewissen Potential, dem Kind die betreffende Sport oder Sport allgemein für lange Zeit zu verleiden, wenn man Druck macht. Aber auch eine wichtige Lernerfahrung zu vergeben, wenn man das Kind nur gewähren lässt.

Die gängigen Taktiken in so einem Fall:

  • Dem Kind gut zureden
  • Dem Kind ausmalen, wie toll es im Training wird
  • Eine Belohnung versprechen
  • Strikt auf das Training beharren
  • Schlechtes Gewissen machen ("Ich habe Dich jahrelang ins Training gefahren und jetzt schmeißt Du alles hin")
  • Negative Konsequenzen illustrieren ("Wenn Du nicht trainierst, wirst Du auch nicht besser")
  • Nicht ins Training gehen lassen.

Das ist alles in Ordnung; und vielleicht ist es auch wirklich Zeit, eine andere Sportart zu probieren, oder eine Weile auszusetzen.

Aber egal, wie es ausgeht - diese Situation ist es wert, gebührlich behandelt zu werden. Ich glaube dass man als Eltern viel über das eigene Kind lernen kann, wenn es sich so vehement gegen etwas sperrt - und man kann dem Kind auch helfen, aus seinem eigenen Aufruhr zu lernen. Oder auch zu lernen, wie man Veränderungen gestaltet, oder auch mit Abschieden (von den beteiligten Personen oder aus Situationen) umzugeht.

Die folgenden Schritte können einem als Mutter oder Vater dabei helfen:

  1. Eigene Ambitionen und Standards von denen des Kindes trennen. Mich zunächst fragen: Warum ist es mir wichtig, dass mein Kind ins Training geht? Stecken da vielleicht meine eigenen unerfüllten Sport-Ambitionen dahinter? Habe ich Angst, dass mein Kind eine Chance verpasst, wenn es nicht früh genug und regelmäßig trainiert? Habe ich vielleicht bestimmte rigide Glaubenssätze in mir (z.B. "Was man anfängt muss man auch zu Ende bringen")? Fühle ich meinen Einsatz nicht gewürdigt?
  2. Validieren, validieren, validieren. Wenn ein Kind nicht ins Training will, dann hat das einen Grund. Vielleicht Müdigkeit, vielleicht einfach kein Spaß mehr an dem Sport; vielleicht kommt es mit dem Trainer oder den anderen Kindern nicht so gut zurecht; vielleicht spürt es instinktiv, dass es gerade zu viel ist und eine Pause besser tut. Es ist so wichtig zu realisieren, dass Kinder meistens ein viel besseres Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse haben - und dass das überhaupt nichts damit zu tun hat, dass sie einfach nur ihren inneren Schweinehund überwinden müssten. Es ist also für das Kind hilfreich, wenn man vorsichtig versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, ohne dabei übermäßig zu bohren. Es ist genauso wichtig, ihm die Botschaft zu geben, dass es ok ist, sich müde/schlecht drauf/überfordert/unmotiviert zu fühlen, und darauf mit einer Pause oder sportlichen Umorientierung zu reagieren.
  3. Das Kind mit dem Trainer sprechen lassen. Einfach nicht mehr hinzugehen halte ich für eine vertane Lernchance - es ist auch für das Kind (und wenn man Glück hat auch für den Trainer) wichtig, wenn es sagen kann, was Sache ist. Je nach Alter kann man das Kind entsprechend dabei unterstützen (dabei sein, oder beim Formulieren helfen, oder einfach die Hand halten).
  4. Verschiedene Optionen durchgehen. Wichtig dabei finde ich, dem Kind zu signalisieren, dass das alles kein Drama ist; dass es kein schlechterer Mensch ist und weiterhin geliebt wird, wenn es nicht ins Training geht oder aufhören will. Aber vielleicht gibt es auch andere Möglichkeiten: Z.B. einfach nur beim Training zuschauen. Oder ein paar Mal aussetzen. Oder es probieren, mit der Absprache, dass es jederzeit aus dem Training gehen und nach Hause kann. Die Idee ist: Das Kind darf dazu stehen, was ihm gut oder eben auch nicht gut tut - und ich unterstütze es dabei, dies in Integrität tun zu können, und respektvoll gegenüber allen Beteiligten.

Bei uns ging das Ganze an dem betreffenden Tag so aus: 1. Ich merkte, wie sehr ich daran hing, dass wir den ganzen langen Weg zum Trainingsort gefahren waren; dass ich im Grunde einen kompletten Nachmittag dafür einsetze; und dass die Trainerin sich in der Vergangenheit sehr dafür eingesetzt hat, dass er als einziges Kind mit einer Behinderung an dem Training teilnehmen darf und viel dabei lernt. 2. Als ich mit meinem Sohn sprach, merkte ich, wie sehr ihm zugesetzt hatte, dass er aus einer für ihn sehr schönen Spielsituation im Hort rausgerissen wurde, als ich ihn fürs Training (deutlich früher als sonst) abholte; ihm setzt, genauso wie mir, der lange Weg und die nicht barrierefreie Trainingsstätte zu - das Hinkommen vor dem eigentlichen Anfangen ist also schon sehr anstrengend. 3. Zunächst wollte er einfach nur Hause, als wir da waren - woraufhin ich sagte, dass ich mich auf jeden Fall in die Umkleidekabine setzten würde. Daraufhin wollte er mit; es wollte dann auch mit der Trainerin sprechen. Ich holte sie - und ließ die beiden zunächst alleine, aus irgendeinem Grund war mir das wichtig. Nach einer kurzen Zeit kam ich dazu und half wo nötig mit kurzen Erklärungen. 4. Ich fragte meinen Sohn nach dem Gespräch mit ihr, ob er jetzt doch trainieren, jetzt gleich nach Hause oder vielleicht einfach zuschauen wollte - er entschied sich fürs Zuschauen. Wie sonst auch, ließ ich ihn während des Trainings alleine - auch mir tat es gut, ein wenig durchzuatmen (und Kraft für den Rückweg zu sammeln :-)).

Es ist ok, nicht zu wollen. Oder was anderes zu wollen. Und wenn wir unseren Kindern dabei helfen, damit in Frieden zu sein, dann werden wir vielleicht auch weniger streng auf uns selbst hinabschauen - wenn wir uns mal partout nicht zum Bewegen aufraffen können. Oder sonst wie einfach mal nicht wollen.