39 - Das wahrscheinlich bedeutendste fundamentale Ernährungs-Missverständnis.

Der "Zufall" wollte es, dass ich gestern zwei Ernährungsartikel in meinem Facebook-Newsfeed hatte:

Heart surgeon speaks out on what really causes heart disease

Obesity: It’s Not About the Carbs

Ich finde Ernährungsempfehlungs-Artikel hochspannend. Dabei interessieren mich die Inhalte an sich nur sehr selten. Der Grund, warum ich sie trotzdem gerne lese: Die ganze Ernährungs-Literatur ist für mich ein wunderbares Lernbeispiel dafür, wie müßig das ganze Körperoptimieren ist. Damit meine ich: Wie widersprüchlich Empfehlungen sein können. Wie wissenschaftliche Evidenz aus marginal kleinen Effekten aufgebauscht wird. Wie sehr das ganze Thema von Modeerscheinungen und weniger von substantiellen Erkenntnissen geprägt ist.

Und all dem unterliegt ein fundamentales, möglicherweise alles prägende Missverständnis.

Nämlich: Dass der positive Effekt z.B. eines Lebensmittels für die körperliche Gesundheit bedeutet, dass man das betreffende Lebensmittel in der eigenen Ernährungsweise auf Kosten anderer betonen müsse. Denn das könnte nicht weiter entfernt von einer ausgewogenen Ernährung sein.

Ich will das an den oben verlinkten Artikeln demonstrieren.

Im erste Artikel geht es darum: Ein renommierter Herzchirurg schreibt einen Weckruf zur echten Ursache von Herzinfarkten: Nicht die Ablagerungen in den Gefäßen seien Schuld, und damit nicht die verteufelten Fette in der Nahrung - sondern Entzündungen in den Gefäßen, die von prozessierten einfachen Kohlenhydraten und zuviel mehrfach ungesättigten Fettsäuren kommen.

Im zweiten Artikel: Ebenfalls ein renommierter Arzt schreibt darüber, dass Kohlenhydrate eben nicht dick machen, sondern Fette.

Ich fand die beiden Artikel deswegen so interessant nebeneinander, weil sie sich eben nicht direkt widersprechen - aber auf ganz unterschiedliche Effekte schauen. Einmal auf Herzgesundheit, und im anderen Fall auf das Körpergewicht. Und damit zu ganz unterschiedlichen Schlüssen kommen, was Ernährung angeht.

Surprise.

Je nach dem, was man betrachtet, kommt man zu unterschiedlichen Antworten, wenn man nach guter Ernährung fragt. Ernährung kann sättigen, die Darmflora in Schuss halten, Entzündungen heilen, den pH-Wert des Blutes beeinflussen, den Hormonhaushalt ausbalancieren, das Hautbild verbessern, Muskeln wachsen lassen, Gehirnumbau-Prozesse fördern, das Immunsystem stärken, Herzkrankgefäße sauber halten und vieles mehr. Alles ist wichtig - jede Ernährungskomponente hat ihren Platz.

Wenn also irgendwo steht, dass Einweiß super ist - heißt das NICHT, dass man viel Eiweiß und weniger Kohlenhydrate essen sollte. Wenn irgendwo ein Vitamin oder eine essentielle Aminosäure als Wundermittel gepriesen wird - heißt das nicht, dass man sich darauf fokussieren und alles andere außer acht lassen sollte. Wenn Obst und Gemüse gerade das Ding sind - heißt das nicht, dass man auf Fleisch verzichten sollte.

Wir brauchen nach wie vor alles, in einer individuell ausgewogenen Art und Weise.

Der beste und zuverlässigste Weg dahin: Das Bauchgefühl, im wahrsten Sinne des Wortes (und wenn man die zentralnervösen Aspekte dieses Gefühls in Betracht zieht, dann macht es mehr als nur esoterischen Sinn). Denn die individuelle Nährstoff-Zusammensetzung für jeden, EINZIGARTIGEN Körper, die all das oben Aufgelistete abdeckt, und die jeden Tag, in verschiedenen Lebensphasen und im Verlauf der Jahreszeiten variiert - lässt sich nicht präszise berechnen (zumindest nicht mit den uns heute dafür zur Verfügung stehenden Ressourcen). Und warum auch den Aufwand betreiben, wenn unser Körper bereits die nötige Intelligenz dafür hat?

Es gibt noch ein weiteren Grund, warum man mit Evidenz-basierten Internet-Ernährungstipps und Diät-Büchern vorsichtig sein sollte - auch wenn ich damit auf den demnächst erscheindenden neuen Webcast mit Statistik-Queen Katharina Schüller vorgreife: Die Effekte, die als Ergebnis von wissenschaftlichen Studien proklamiert werden, sind häufig denkbar klein. Im einstelligen Prozentbereich. D.h. selbst wenn irgendwo rauskommt, dass ein bestimmtes Lebensmittel z.B vor Krebs schützt - dann ist der Effekt vernachlässigbar gering.

Heißt das, dass man alle ernährungswissenschaftlichen Erkenntnisse in den Wind schreiben kann, und nur noch auf seinen Körper hören darf? Natürlich (pun intended)! Andererseits spricht auch nichts dagegen, sich interessiert zu informieren; und wenn man solche Tipps mit der nötigen kritischen Distanz aufnehmen kann, dann können sie die zunehmende Verfeinerung des Bauchgefühls möglicherweise unterstützen.

Es gibt so viele wundervolle Lebensmittel auf dieser Welt - es wäre schade, wenn man sich mit einem Wust von widersprüchlichen und marginalen Erkenntnissen über sie den Appetit verderben würde. Bei Essen, wie so oft im Leben, sind Genuss und Gelassenheit die besseren Begleiter.