41 - Gut aussehen vs. Fliegen.

Als jemand der sich gerne bewegt, versuche ich möglichst viel gut und richtig zu machen. Bewegungen korrekt auszuführen. Meinen Körper optimal auszurichten. An motorischen Fertigkeiten zu feilen. Und das alles dann auch noch geschmeidig und gut aussehen zu lassen.

All das ist natürlich sehr löblich, und hat ohne Zweifel eine gute Wirkung auf meinen Körper.

Nur leider - hilft es nicht beim Fliegen.

Und genau darauf stieß mich durch Zufall ein tiefgehendes, reflektierendes Gespräch mit meinem Bruder.

Unser Thema war eigentlich ein ganz anderes - nämlich wie man, ganz allgemein, die eigenen Stärken und Talente so entfalten kann, dass das eigene (berufliche) Tun glücklich macht und erfüllt. Dass das eigentlich dem menschlichen Grundzustand entspricht. Was für Botschaften wir während unseres Aufwachsens dazu bekommen haben. Wie man sich mit der eigenen Authentizität aussöhnt, egal wie sie bei anderen ankommt.

Am Tag drauf schrieb ich meinem Bruder in einer Email:

[...] Ich würde sogar sagen, dass unser Gespräch mir einen ganz dicken Anstoß gegeben hat, mich mit diesen Stärken zu versöhnen. Also das in mir, was so geballt hart und direkt und fokussiert ist, und was ich in den letzten Jahren eher schon negativ konnotiert habe, mir wieder zu eigen zu machen. Es zu nutzen, auch wieder stolz darauf zu sein.

Und weiter:

Interessanterweise habe ich gestern und heute noch viel darüber nachgedacht, wie sehr diese negative Konnotation mich in den letzten Jahren beim Tanzen beeinflusst hat (es ist ein einfaches Beispiel, was gerade viel Raum in meinem Leben bekommt). Wie ich eigentlich immer mit einer latenten Angst in die Tanzstunden gehe: Irgendwas [Anm: technisch/choreografisch] nicht hinzukriegen, aber vor allem blöd auszusehen – oder auch, zu gut zu sein. Total verquert. Und wie das z.B. mich in Bewegungen hemmt, oder auch einfach darin Raum einzunehmen und mich zu halten.

Genau das war es.

Es hatte nicht unbedingt etwas mit dem Außen zu tun; wie ich nach außen sichtbar eine (Tanz-)Bewegung ausführte, oder ob alles technisch einwandfrei war. Es hatte hingegen alles damit zu tun, wie ich diese Bewegung innerlich erlebte.

Und das ist nicht nur im Tanz so - sondern in allem, was wir tun. Die wirkliche Schönheit einer Bewegung, oder einer beliebigen Tätigkeit entsteht nicht aus der Einwandfreiheit. Sie entsteht daraus, dass wir es in vollem Vertrauen auf uns selbst mit unserer eigenen Färbung tun.

Hier ist das Ende der Email an meinen Bruder:

Aus der heutigen Ballettstunde bin ich so glücklich rausgekommen, dass ich echt heulen könnte. Die war nicht besser/schlechter als sonst – aber ich habe es so dermaßen genossen, und bin gesprungen als ob niemand zugeschaut hätte. Wahrscheinlich sah es gar nicht so viel anders aus als sonst, aber ich hatte das Gefühl, dass ich fliege.

Fliegen - hat immer Vorrang.