43 - Langeweile in der Alltagsbewegung

Ich habe das vage Gefühl, dass mein heutiges Schreibthema Fingerspitzengefühl braucht - mal schauen, ob das klappt, so müde vom Tag und inmitten anderer To Dos.

Es ist ein Thema, an das ich mich lange nicht so ganz rangetraut habe; weil es sein kann, dass vieles, was ich in den letzten Jahren und Monaten gesagt und geschrieben habe, damit ein wenig hinfällig wird. Und wer widerspricht schon gerne sich selbst.

Aber in der letzten Zeit wurde es konkreter. Und es hat mit meinem Paradethema "Bewegung im Alltag" zu tun.

Vor ein paar Wochen schaute ich, wie so oft und interessiert, eine Video-Lecture über Korrektur-/Mobilitätsübungen für den Alltag. Es war alles gut, die Übungen hilfreich und gut erklärt, und der Instruktor wusste wovon er sprach. Er ging geradezu auf, in seinem Stoff - man merkte, wie sehr er seine Bewegungs-Botschlaft lebte. Gelegentlich stieß er leichte "Aah"s als Zeichen der wohltuenden Wirkung der Übungen aus.

Ich hätte begeistert sein können, oder zumindest sehr erfüllt von dem Input, der so haargenau zu meiner eigenen Arbeit passte und mich wieder ein Stück weiterbrachte.

Fehlanzeige.

Zu meiner Überraschung fühlte ich - nichts.

Eine Art uneingeladene, aber sich dennoch nagend bemerkbare Langeweile.

Ich erschrak über mich selbst. Ich müsste das doch spannend finden! Das Gelernte an Klienten weitergeben! Froh sein über das neue Stück Know-how, was ich gerade erworben und embodied hatte! Der Mann ist schließlich einer der besten seines Faches!

Aber es ging nicht. Ich konnte mich definitiv nicht davon überzeugen, diese Lecture toll zu finden. Schließlich gab ich auf und beschloss, meine Langeweile zu akzeptieren.

Ich begann eine leichte Nervosität zu spüren. War das womöglich einfach doch nicht mein Thema? Hatte ich mich mit meinen Arbeits-Inhalten verrannt? Musste ich schon wieder von vorne anfangen? Musste ich die Fahne, mit der ich das Thema Alltagsbewegung und Weniger Sitzen propagiert hatte, wieder einholen?

Ich beruhigte mich wieder und begann mir die Sache genauer anzuschauen. Langsam begann sich die nebulöse Verwirrung ein wenig zu lichten.

Ich begann zu verstehen, dass ich das Thema Alltagsbewegung für meine Arbeit zum Teil missverstanden hatte: Ich war einem hippen Bewegungs-Zug verfallen, und auf ihn aufgesprungen - nämlich, dass der heutige bewegungsarme Lebensstil zu körperlichen Problemen führt, und dass es Konzepte braucht, um diesen körperlichen Problemen vorzubeugen und sie zu lindern. Das "Hippe" bestand einfach darin, dass diese neuen Konzepte in den Alltag integriert wurden - und nicht mehr in separates sportliches Training oder Termine beim Physiotherapeuten.

Klingt alles toll - nur leider ist das nicht mein Ding.

Ich kann mich einfach nicht hinstellen und glaubhaft sagen: "Mach Deinen Lebensstil ruhig so weiter wie bisher, extra Sport brauchst Du eigentlich auch nicht zu machen - ich gebe Dir einfach ganzheitlich-gesunde Gewohnheiten, Stretches und Bewegungen, die Du ganz unkompliziert zwischendurch im Alltag machen kannst und mit denen Du die körper- und lebens-auszehrenden Effekte dieses Lebensstils wieder in den Griff kriegst."

Das entspricht auch überhaupt nicht meinem eigenen Leben.

Meinem Leben entspricht hingegen: Dass ich VIEL Sport immer schon über alles geliebt habe, immer noch liebe - und dass täglicher Sport für mich einfach zum Leben gehört. Dass ich Stretches eigentlich erst so richtig lieben gelernt habe, als ich mit Ballett angefangen und sie das erste Mal so richtig gebraucht habe. Vorher: Who cares? Dass ich corrective exercises immer an der Grenze zu müßig und zäh erlebe. Dass ich den ganzen Tag vor dem Rechner zu sitzen und zwischendurch aufstehen und Liegestütz und Klimmzüge machen irgendwie umständlich-gekünstelt finde. Dass ich über die letzten Jahre nicht etwa mehr Bewegung in einen sitzbasierten Alltag gebracht - sondern das "Sitzbasiert" massiv gekürzt und Bewegung zum neuen Standard gemacht hahe.

Das ist nicht jedermanns Sache, und das ist auch in Ordnung. Ich verneige mich vor jedem, der mit Leidenschaft, ganztägig, seine Büro-basierte Arbeit schmeißt, sich liebevoll seiner Familie widmet UND seinen Alltag mit kleinen, häufigen Bewegungsgewohnheiten unterbricht und Haltungskorrekturübungen einstreut.

Aber so auf die Dauer - wirklich? Das ganze Leben lang ganztägig irgendwo sitzen, stehen, liegen - und dann ein wenig ganzheitliche Bewegungskosmetik betreiben? Vitamin D schlucken, weil man zu wenig Sonne abbekommt? Auf rigorosen Sport verzichten, weil man keine Zeit mehr hat, er nicht gut für die Gelenke ist oder diese bereits zu sehr weh tun?

Ich glaube einfach nicht, dass es auf die Dauer reicht, die negativen Auswirkungen des Lebensstils anzupacken und den Körper auf ein bestimmtes biomechanisches Haltungsideal zu trimmen. Ich glaube, dass man sich den Lebensstil an sich vornehmen und zu sich selbst passend machen muss, wenn man auf die Dauer sich selbst treu bleiben UND gesund bleiben will.

Antworten auf die Fragen, die ich hier implizit aufwerfe - Wie schaffe ich mir ein Lebensstil, der mir entspricht? Was hat es für Konsequenzen, den Lebensstil von Grund auf zu verändern? Wo kommt dann das Geld her? Ist man per se glücklicher, wenn man sich dauerhaft viel bewegt? Wie gestalte ich meine geliebte Arbeit und mein wundervolles Familienleben so um, dass sie in einer neuen Art zu leben integriert werden können? - habe ich nur zum Teil. Aber immerhin weiß ich, dass das für mich die stimmigen Fragen sind.

Ich glaube sogar, dass viele vermeintlich "gefährlichen" Fehlhaltungen, einseitige Belastungen & Co. nie zu Problemen führen - wenn man sich das Leben nach den eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Träumen so einrichtet, dass man sich dauerhaft glücklich und lebendig fühlt.

Das ist nur ein Teil dessen, was mir dazu durch den Kopf geht. Aber es ist ein Anfang. Dies ist bei weitem keine perfekte Wiedergabe meiner Botschaft - aber zumindest so ehrlich, wie es im Moment gerade geht.