44 - Sinn in Alltagsbewegung

In meinem gestrigen Artikel entblößte ich meine tief versteckte Langeweile in Bezug auf Haltungskorrekturübungen und Lebensstil-kompensierende Alltagsbewegungen.

UND JETZT?

Heißt das jetzt nach einfach nach Lust und Laune machen, Schreibtischarbeit weitgehend meiden (=aus gut bezahlten Jobs aussteigen??), einseitige Belastungen und Fehlhaltungen akzeptieren?

Nein. Oder höchstens zum Teil.

Ich glaube es geht zunächst darum zu wissen/herauszufinden, was man in seinem Leben haben will und warum.

Die obenstehenden Tweets haben heute meine Aufmerksamkeit erregt. Im Grunde enthalten sie bereits das Kerndilemma - und gleichzeitig die Lösung der heutigen Lebensstil-Problematik:

  1. Der heutige bewegungsarme Lebensstil verlangt an vielen Ecken und Enden, dass wir unsere natürlichen Bedürfnisse einer professionellen/sozial verträglichen/gesellschaftlich genormten Fassade opfern. Also z.B. mehr Sitzen, als gut für uns ist, länger arbeiten und weniger schlafen, als wir an Erholung brauchen; schlechter und schneller ernähren als uns eigentlich nähren würde. Diese Liste ist ellenlang. DER PUNKT IST: All diese kleinen Opfer dienen wirklich im Wesentlichen dieser Fassade - sie machen nicht etwa unsere Arbeit wirkungsvoller, unser Leben reicher oder irgendwelche Kunden heiler. Das ist wichtig zu unterscheiden, weil es uns helfen kann mehr und öfter Nein zu sagen, wenn es angeblich schon wieder irgendwo brennt und wir genauso angeblich unverzichtbar beim Löscheinsatz sind.
  2. Wenn mein Unternehmen, oder Umfeld allgemein, mir verbietet, auf dem Boden zu sitzen/früh nach Hause zu gehen/für ausreichend Regeneration zu sorgen - was sagt das über das Unternehmen aus? Wenn ich mir das verbieten lasse - was sagt das über mich aus? Wenn ich mich nicht traue, weil es komisch aussehen könnte - wem genau tue ich damit einen Gefallen?
  3. Die Lösung besteht darin, klare Grenzen zu ziehen: Bin ich bereit, meine physiologischen Bedürfnisse den professionellen Erfordernissen unterzuordnen? Was ist für mich akzeptabel, was ist ein Dealbreaker?

Ich glaube das Bewegung, Übungen, Ausgleich und auch Haltungskorrekturen dann erfüllend (und nicht langweilig!) sind, wenn sie SINN machen. Wenn sie in einem größeren Bild stattfinden, das einem für mich ganz persönlichen erfüllenden Lebensstil wiederspiegelt. Wenn ich von dem, was ich in meinem Leben tue, aus ganzem Herzen überzeugt bin, es gegen nichts in der Welt eintauschen würde - und dann Bewegungsformen und -möglichkeiten finde, die wie selbstverständlich daraus entspringen und dazu passen.

Mich haben z.B. alle Sportarten, die ich in meinem Leben bisher betrieben habe - immer zu einem neuen Bewegungsverständnis und zu Arbeit an Bewegungs- und Haltungsmustern gebracht. Oder auch die Behinderung meines Sohnes, die mir nach und nach die Funktionsweise des Zentralen Nervensystems näher bringt. Durch meine beruflichen Stationen wurde mir klar, dass ganztägig im Wesentlichen im Sitzen zu arbeiten absolut unphysiologisch und für mich nicht auszuhalten ist. Dass ich meinen Bewegungsdrang nicht einem durchgetakteten Arbeitstag unterordenen will - und dass ich bereit bin, nach Alternativen zu einem solchen Arbeits- und Lebensverständnis suchen. 

Vielleicht hier noch eine einfachere Formulierung: Wenn ich z.B. meiner Arbeit nur nachgehe, weil sie mir finanzielle Sicherheit bietet, weil mir gerade nichts besseres einfällt, oder weil alle es so machen - dann kann ich noch so viele Aufsteh-/Geh-/Liegestüzt-Unterbrechungen im Alltag machen oder noch so viel auf dem Boden arbeiten: Ich werde immer nur in Kompensation zu einem unerfüllten Lebensbereich arbeiten. Wenn ich allerdings absolut überzeugt von meiner Arbeit bin, selbstbestimmt agieren kann und Verantwortung für mich übernehme - dann werde ich vielleicht einen Weg finden, sie an drei Stunden pro Tag zu schaffen und den Rest des Tages mit Bewegung und anderen mir wichtigen Dingen verbringen. Das Kraftvolle in jedem dieser Bereiche wird sich gegenseitig verstärken.

Genauso wie Fliegen immer Vorrang vor gutem Aussehen hat - so ist der Sinn hinter allem wichtiger als zur Schau gestellte Professionalität.