46 - Schmerz ist erlernt. Und verlernbar.

Auch wenn ich noch relativ am Anfang bin: Das neue Buch von Norman Doidge ist wie erwartet ein Knüller. Wie schon beim ersten Mal greift er gekonnt Neuroplastizitäts-Anekdoten und neuere wissenschaftliche Erkenntnisse auf und verpackt sie in ein leicht lesbares Buch mit Lebensveränderungs-Potential.

Hier ist ein Beispiel - zum Thema "chronischer Schmerz". Ich weiß nicht wie viele Menschen weltweit aktuell an chronischem Schmerz leiden - aber bekanntlich sehr viele. Und nach wie vor werden diese Menschen durch eine Armada von diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen geschleust - die bei vielen nichts ergeben und/oder nicht anschlagen.

Ein Grund dafür: Es besteht in der Medizin immer noch eine gewisse Uneinig- und Ratlosigkeit darüber, wie Schmerz eigentlich entsteht.

Das neuroplastische Modell, das Doidge im ersten Kapitel seines Buches präsentiert: Akuter Schmerz ist im Wesentlichen eine Schutzmaßnahme des Zentralen Nervensystems (ZNS), um eine brenzlige körperliche Situation, z.B. Verletzung, vor weiterer Eskalation zu bewahren. Schmerz entsteht also im Gehirn als Folge sensorischen Inputs aus der betreffonenen Stelle.

Bleibt dieses Schmerzsignal über längere Zeit bestehen, löst es neuroplastische Veränderungen im Gehirn aus: Vereinfacht gesagt entsteht durch das ständige Feuern der Schmerz-Neuronen ein Areal von neuronalen Verschaltungen, die das Schmerzmuster - im Grunde wie eine neu erlernte Fertigkeit- konstant aktivieren. Man hat den Schmerz also "gelernt" - auch wenn der ursprüngliche Auslöser (Verletzung) längst verheilt oder sich zumindest verbessert hat.

Jetzt wird es interessant. Im Sinne von "use it or loose it" können solche neu verschalteten Areale - genauso wieder "entschaltet", also verlernt werden, wenn man es schafft das Feuern der Neuronen zu unterbinden. Die Frage ist aber: Wie unterbindet man dieses Feuern - wenn es im Falle von chronischem Schmerz dauerhaft aktiv ist?

Hier kommt eine spezielle Eigenschaft des Gehirns zum Tragen: Nämlich das jedes Areal normalerweise für mehrere Funktionen zuständig ist. Für diesen speziellen Fall heißt das: Die schmerzprozessierenden Areale haben neben der Schmerzfunktion z.B. auch visuelle, haptische, emotionale, räumlich-orientierende und andere kognitive Funktionen. Und genau diese "Mehfachbelegung" kann man sich zu nutze machen - in dem man sich beim Auftreten des Schmerzes auf andere kognitive Aktivitäten verlagert. In dem von Doidge beschrieben Fall ging das über bestimmte Arten von Visualisierungen. Durch den ständigen Fokus auf die Visualisierung entzieht man dem Schmerz sozusagen die neuronalen Ressourcen. Dadurch werden die Schmerz-Verschaltungen weniger benutzt und nach und nach abgebaut.

Das funktioniert wirklich - der Arzt, der sich das Ganze ausgedacht hat, hat mittlerweise etlichen Leuten helfen können. Da könnte man sich fragen: Wieso weiß davon keiner, und wieso setzt man dieses Vorgehen nicht großflächig bei Schmerzpatienten ein?

Ganz einfach: Es dauert einfach immer wieder überraschend lange, bis sich Forschungsergebnisse oder auch erfolgreiche Pilotversuche in der Praxis verbreitet und etabliert haben - noch dazu bei einem komplexen Thema wie der Neuroplastizität. Für viele Ärzte und Therapeuten ist die Idee, direkt mit neurologischen Prozessen zu arbeiten, noch sehr neu und praktisch sehr weit weg. Wenn ich daran denke, über welche interessanten und innovativen Therapieansätze ich bei Recherchen bzgl der Zerebralparese meines Sohnes gekommen bin - dann ist die Diskrepanz zu dem, was wir z.B. hier in München in den gängigen Therapiezentren an therapeutischen Ansätzen geboten bekommen - immens groß.

Daher bin ich sehr dankbar, dass es Autoren wie Doidge gibt - die sich die große und wichtige Arbeit auferlegen, eine Brücke zwischen diesen bahnbrechenden Erkenntnisse und interessierten Anwendern zu schlagen. Allein durch das Lesen seines ersten Buchens, das mittlerweile mein meist empfohlenes Buch überhaupt ist, habe ich überhaupt eine Perspektive entwickeln können, mit derer Hilfe ich meinem Sohn z.B. das Fahrradfahren beibringen konnte. Außerdem hilft es mir besser zu verstehen, das in Bezug auf Heilung alles möglich ist - und man daher besser nie aufgeben sollte.