47 - Ok der wahre Grund, warum effektive therapeutische Methoden unbekannt bleiben.

Im gestrigen Artikel schwang für mich etwas nach - etwas, was über die Idee hinausging, dem chronischen Schmerz die neuronalen Ressourcen zu entziehen.

Es hatte eher mit dem Ende des Artikels zu tun: Warum weiß eigentlich niemand im Alltag, in der therapeutischen Praxis - von all den bahnbrechenden Erkenntnissen und Erfolgen neuroplastischer Therapieansätze?

Komplexität hin oder her: Es gibt einen ganz bestimmten Grund dafür - den ich in meinem gestrigen Post noch nicht erwähnt hatte.

Interessanterweise - wurde er mir gleich im nächsten Kapitel von Norman Doidges neuem Buch geliefert.

Dieses zweite Kapitel - wieder so bahnbrechend. Ein Parkinson-Patient schafft es mit einer bestimmten Art von simplen, aber bewusst durchgeführten Gehen, sämtliche motorischen Symptome dieser Krankheit in den Griff zu kriegen. Wenn man bedenkt, wie Parkinson-Erkrankte sich normalerweise bewegen und zittern - ein absoluter Hammer.

Nun könnte man meinen, dass seine Entdeckungen einen Siegeszug durch die Parkinson-Gemeinde feiern müssten. Und tatsächlich sah es zunächst ganz danach aus: Er fängt an, sich an Parkinson-Gruppen in seinem Heimatland zu wenden, engagiert sich dort, und kann seine eigenen Erfolgen auch auf andere Patienten übertragen.

Aber dann.

Irgendwann beginnt es, in eben jener nationalen Parkinson-Community zu grummeln. Ärzte, die ihn nicht auch nur im Entferntesten untersucht haben, fangen an zu verbreiten, dass er gar kein echtes Parkinson habe, sondern nur Parkinson-ähnliche Symptome. Sein Buch, das auf seinen Heilungserfolgen beruht, wird in der Community unterminiert. Er wird dazu gedrängt, sein Engagement in der Community aufzugeben.

Die Leute nehmen ihm nicht ab, dass er mit dem simplen Akt des Gehens etwas geschafft haben könnte, was kein sonst eingesetztes Medikament geschafft hat. Es ist als wollten sie es nicht wahrhaben.

Ich musste an die Situation mit meinem Sohn denken, in der ich regelmäßig so etwas erfahre. Zum Beispiel erst dieses Jahr: Im Frühjahr dieses Jahres waren wir bei einem Orthopäden - zum ersten Mal, auf Empfehlung (ich bin immer auf der Suche nach Ärzten, die das große Bild sehen wollen und nicht nur die einzelnen Körperteile meines Sohnes - was sehr selten zu finden ist). Er untersuchte meinen Sohn, und bei der Anamnese gab ich an, dass mein Sohn schon seit zwei Jahren keine konventionelle Physiotherapie mehr erhalte und ich selbst mit ihm arbeite.

Der Arzt - verschrieb Physiotherapie und bestellte uns ein halbes Jahr später wieder ein.

Das Ergebnis der zweiten Kontrolle war selbst für mich besser als erwartet. All die Anfälligkeiten, die bei Zerebralparesen auftauchen können - kein Problem (allein die Füße sind auffällig - da muss ich mir noch was Gutes überlegen). Der Rücken kräftig, keine Kontrakturen in den Beinen, Knie- und Hüftgelenke absolut in Ordnung.

Natürlich hatten wir das Physiotherapie-Rezept nicht genutzt. Natürlich hatten wir einfach so weitergemacht wie vorher.

Der Punkt war: Der Arzt hat NIE, an keiner Stelle, danach gefragt. Weder hat er gefragt, ob mein Sohn in der Zwischenzeit physiotherapeutische Sitzungen bekommen hatte - noch, was wir sonst so mit ihm machen.

Warum wollte er das nicht wissen? Wenn ein Kind in einem für seine Behinderung bemerkenswert guten Zustand daherkommt - warum will ich als Arzt nicht herausfinden, woran das liegen könnte?

Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen; ich kann lediglich spekulieren.

Meine Erfahrung zeigt mir, dass Ärzte sich nicht besonders wohl damit fühlen, ihre Patienten als Partner zu akzeptieren; insbesondere dahingehend, um mit ihnen gemeinsam an therapeutischen Lösungen zu arbeiten. Die meisten mögen es nicht, wenn man ihr medizinisches Weltbild herausfordert - insbesondere, wenn man mit einfacheren Mitteln als den allgemein ärztlich akzeptierten daherkommt. Ich erlebe es oft, das Ärzte mich am liebsten wie ein Kind behandeln, das am besten nicht zu viel erzählen und lieber ihren "Verordnungen" folgen soll.

Und in genau dieser Problematik bleiben meiner Vermutung nach viele revolutionäre neue Therapieansätze stecken.

Das ist bitter.

Man könnte es schulterzuckend als Teil des Lebens hinnehmen - wenn nicht so wahnsinnig viel auf dem Spiel stehen würde. Die meisten Arzt-Patienten-Beziehungen sind nicht nur suboptimal - sie sind ein Skandal.

Nun ist es nicht so, dass nicht auch Patienten ihren Anteil daran haben - auch in dem von Doidge beschriebenen Parkinson-Fall ging der Widerstand zu einem großen Teil von den Erkrankten aus. Viele Patienten sind verängstigt, wenn sie mit Diagnosen und Prognosen konfrontiert werden - und wissen oft nicht anders, als einem Halbgott in Weiß zu folgen.

Daher haben beide Seiten die Chance, sich zu bewegen: Patienten müssen aus der Opferrolle herauskommen und anfangen, sich in den für sie relevanten Bereichen medizinisch zu informieren und Expertise aufzubauen. Jeder ist per se der beste Experte für sich selbst - diese Haltung braucht es.

Ärzte dürfen sich von dem Druck befreien, auf alles eine Antwort haben zu müssen. Eine partnerschaftliche Zusammenarbeit und die Ermutigung, dass der Patient durchaus sehr viel Kompetenz für sich selbst mitbringt, kann einem Arzt das Leben deutlich einfacher machen. Warum z.B. einem Patienten nicht mal Literatur über seine Krankheit mitgeben, oder ihn mit einer wissenschaftlichen Recherche beauftragen.

Einfach weil so wahnsinnig viel auf dem Spiel steht - und damit nicht noch mehr Heilungspotential irgendwo unnötig stecken bleibt.