21 - Kinder sind keine Ausrede

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen sich mit zunehmender Zeit weniger bewegen.

Berufliches Eingespanntsein wird gerne genannt.

Aber für viele ändern sich die Prioritäten schlagartig, wenn das erste Kind auf die Welt kommt. Auf einmal ist da gar keine Zeit mehr für irgendwas.

Vielleicht denkt man noch "ja, wenn die Kinder erstmal etwas größer sind...." - nur stellt sich das als Illusion heraus, denn es ist immer irgendwas, solange die Kinder noch im Haus sind. Und je länger man die eigenen Bewegungsbedürfnisse hinausschiebt, desto schwieriger wird der Wiedereinstieg.

Das ganze verschärft sich, wenn die Familien-/Kinderkonstellation mit weiteren Herausforderungen verbunden sind. Weil man z.B. alleinerziehend ist. Oder das Geld halt nicht für alles reicht. Oder ganz viele Kinder hat. Oder Kinder mit Behinderungen hat. All diesen Szenarien ist gemeinsam, dass man zähneknirschend/heroisch/erschöpft die eigenen körperlichen Bedürfnisse/Träume/Wünsche von der Liste streicht.

Ich glaube, dass das ein riesiges Missverständnis ist. Wir denken das Ganze schlichtweg vom falschen Ende aus.

Wir denken fälschlicherweise, dass man die eigenen Bedürfnisse gegenüber der Bedürfnisse der Kinder verteidigen müsste; und das geht nun mal nicht, weil die Bedürfnisse der Kinder schützenswerter sind.

Aber was wäre, wenn das gar nicht so ist? Wenn unsere Kinder eigentlich erst der Einstieg zu einem besseren Verständnis unseres Körpers, einer regelmäßigen Bewegungspraxis, und sogar eine Art diagnostische und therapeutische Instanz in Bezug auf unsere Gesundheit und Fitness sind? Und zwar ab dem Zeitpunkt, ab dem sie auf die Welt kommen (und vielleicht sogar schon ein wenig vorher)?

Die folgenden fünf Punkte sollen das illustrieren:

1. Frühkindliche Entwicklungsschritte

Die meisten ernstzunehmenden Bewegungsschulen und Trainingsprinzipien beziehen sich explizit auf fundamentale, frühkindliche Entwicklungs-Meilensteine. Also Kopf heben, rollen, kriechen, hinsetzen, krabbeln, aufstehen, in der tiefen Kniebeuge hocken, stehen, gehen. Die Annahme ist, dass sich die menschliche Bewegungsfähigkeit nur bei einem angemessenen Durchlaufen dieser Schritte richtig entfalten kann. Bei vielen Menschen bestehen da Defizite, weil in dieser Zeit zu oft eingegriffen wurde (z.B. zu viel festhalten/unterstützen durch Eltern, oder der Versuch, diese Schritte zu beschleunigen). Es gibt also nichts einfacheres als diese Schritte zusammen mit dem eigenen Kind nochmal zu durchlaufen - in dem man ganz einfach dem Kind zuschaut und mitmacht.

Ein Trainingskonzept, das sich an der Bewegungsfähigkeit von Kindern orientiert: www.originalstrength.net

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2. Die Bedeutung des Tragens und Transportierens

Letzte Präsentation des Sportstudiums

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Der menschliche Körper ist nicht für Kinderwagen gemacht. Und damit meine ich den Eltern-Körper (vom Kind ganz zu schweigen). Der Körper der Mutter und des Vaters sind hingegen dafür gemacht, ihre Kinder bis zur Gehfähigkeit eng am Körper zu tragen. Das ist nicht nur für die motorische und geistige Entwicklung des Kindes unersetzlich - sondern auch für die körperliche Entwicklung und Kräftigung der Eltern. Es ist ein Krafttraining, was sich unendlich variieren lässt und genug Zeit für Anpassungen erlaubt (in dem Tempo, in dem die Kinder wachsen und schwerer werden).

Viele Eltern fühlen sich dem nicht gewachsen, oder entwickeln in dieser Tragezeit körperliche Beschwerden (z.B. Schulter-/Nacken-/Armprobleme). Ich glaube nicht, dass das am Tragen an sich liegt - sondern viel mehr daran, dass man sich insgesamt vielleicht zu viel "aufhalst". Dass man mit Kind trotzdem überall hin will und alles mitmachen muss. Hinzukommt, dass man vielleicht zu einseitig trägt/spielt/handelt, weil man es nicht anders gelernt hat und der Körper schon vor dem Kind nicht robust genug war. All das kann man aber wieder erlernen und aufbauen, ggf. mit kompetenter Hilfe.

 

3. Kinder sind Spiegel der eigenen Dysfunktionen.

Wir wissen, dass Kinder über Imitieren von uns lernen. Oft unterschätzen wir aber, in welcher Detailtreue sie von uns lernen. Wie eng sie Haltungs- und Bewegungsmuster übernehmen - derer wir uns gar nicht bewusst sind. Und genau darin liegt das große (Bewegungs-)Geschenk: Was uns bei unseren Kindern auffällt (oder vielleicht gar nicht uns, sondern Ärzten und Therapeuten), können wir auch bei uns selbst suchen, und uns so mit der Zeit bzgl unserer eigenen Fehlhaltungen und ungünstiger Bewegungsgewohnheiten bewusster werden. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass man ein Kind mit Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen nie getrennt von seinen Eltern sehen oder gar therapieren kann. Das erlebe auch ich persönlich wieder aufs Neue - obwohl mein Sohn, nach klassischem Verständnis, eine körperliche Behinderung hat und ich nicht, kann ich seine spezifischen Bewegungseinschränkungen in abgewandelter Form auch bei mir finden. Und wenn ich mich aufmache, über bestimmte korrektive Übungen und Bewegungsformen diese Einschränkungen anzugehen, dann kann er wunderbar mitmachen - ohne dass es im klassischen Sinne Therapie ist.

4. Sich von kindlicher Begeisterung und Ehrgeiz anstecken lassen.

Wir alle sind von Natur aus dazu verschaltet, Freude an Bewegung zu haben. Nur irgendwann vertrocknet diese Verschaltung aufgrund von Lebensgewohnheiten und -umfeldern. Häufig verkommt Bewegung dann zu einer weiteren Sache auf der ToDo-Liste - aus Pflichtbewusstsein, weil man ja was für die Gesundheit tun sollte. Und weil man eigentlich gar nicht mehr weiß, an welcher Art von Bewegung man Spaß hat - oder auch, weil man bestimmte Aktivitäten als Erwachsener einfach nicht mehr macht oder gar anfängt.

Kinder sind mit all dem Bewegungskrampf nicht zu kriegen, und folgen unbeirrbar ihren Bewegungsleidenschaften und -ambitionen. Und genau davon können wir uns was abschauen. Z.B. eine Zeitlang mal konsequent alles ausprobieren, was die Kinder so machen. Oder irgendetwas anfangen, wofür es im Erwachsenenalter eigentlich zu spät ist - einfach so, weil es sich gut anfühlt. Und es ist erlaubt, darin aufzugehen und alles andere einfach mal stehen und liegen zu lassen. Warum nicht sogar richtig gut darin werden, mit 30, 40, 50 und darüber hinaus - oder nach einer Weile einfach zu etwas Neuem wechseln.

5. Autonomie, Teamwork und Stärken stärken.

Ich glaube wir müssen davon wegkommen, Kinder als hilflose Lerner anzusehen, die sich blind irgendwelche Abhänge hinunterstürzen, wenn man mal nicht aufpasst. Wie schon in 1. erwähnt - Kinder sind von Geburt an großartige und bewegungskompetente Lehrer! Außerdem sind Kinder auch schon relativ früh (viel früher, als wir das insbesondere in den westlichen Bewegungskulturen annehmen) in der Lage, ihre eigenen Grenzen einzuschätzen, wenn ihnen nicht ständig jemand erzählt, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Das gilt insbesondere für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und Behinderungen. Klar, als Eltern müssen wir Risiken kalkulieren und bei Bedarf eingreifen - aber wir sollten Kinder nicht vom Hinfallen abhalten. Dann auch das will gelernt sein.

Natürlich können Kinder nicht von Anfang an alles - aber sie können meistens sehr viel, wenn wir genau hinschauen. Und dann können wir anfangen, unsere Fähigkeiten mit den Fähigkeiten und Stärken unserer Kinder zu kombinieren. Wenn z.B. mein Sohn und ich zum Wandern in die Berge gehen - dann kann er aufgrund seiner Körperbehinderung natürlich nicht hochlaufen. Aber er kann seinen Rollstuhl antreiben, wenn ich ihn hochschiebe - so können wir zusammen viel steilere Passagen schaffen, als wenn nur ich aktiv bin. Oder er steigt streckenweise aus seinem Rollstuhl und läuft mit seinen Gehstöcken, während wir den Rollstuhl als Gepäcktransporter hernehmen. Auf dem Abstieg kommen wir super runter, wenn er mit bremst, während ich den Rollstuhl halte. Auf diese Weise haben wir beide eine vielseitige und stärkende körperliche Erfahrung, wir schaffen mehr, wenn wir zusammenarbeiten; und er merkt, dass es seinen Einsatz braucht, was ihm wiederum seine Selbst-Kompetenz erleben lässt.


Fazit: Es geht darum, nicht trotz - sondern GEMEINSAM MIT den eigenen Kindern gesund, stark und fit zu werden. Nicht, weil man "muss", sondern weil es Freude macht. Sich zu ergänzen. Sich gegenseitig mit Begeisterung anzustecken. Voneinander zu lernen. Sich selbst und dem Kind etwas zuzutrauen. Hinzufallen. Es einfach zu halten, nicht zu viel vorzunehmen.

Dann fallen die Zeitmangel-Bewegungs-Ausreden wie von alleine weg.