22 - Warum nachts aufwachen und grübeln nicht unbedingt ein Schlafproblem sein muss.

Genauso wie nicht alles Gold ist, was glänzt - ist auch nicht alles schlecht, was gemeinhin als problematisch oder pathologisch gilt.

Und das gilt ganz besonders für alles, was irgendwie mit Stress, Lebensgewohnheiten und körperlicher Aktivität zusammenhängt.

Nun ist ja seit Längerem bekannt, dass Stress und die Umstände, die das Gefühl von Stress auslösen, nicht unbedingt schlecht sein müssen. Sondern, dass es darauf ankommt, wie jeder, ganz individuell, diese Stressoren einordnet und subjektiv erlebt. Einer fühlt sich von der Menge seiner täglichen Termine getrieben und bricht irgendwann zusammen, ein anderer genießt jede Verpflichtung und schafft es, sich genauso täglich wieder zu regenierern. Wieder eine sitzt voller Anspannung und Ungeduld im unerwarteten Stau - und eine andere freut sich über die zusätzliche Entspannungszeit.

Aber was genau entscheidet darüber, ob uns eine herausfordernde Situation, suboptimale Gewohnheit oder eingegangene Verpflichtung auf die Dauer ausbrennt - oder uns belebt, wachsen lässt und erfüllt?

Warum leiden weltweit Millionen von Menschen an Burn-Out und Depressionen, auch wenn sie alle Annehmlichkeiten des Lebens genießen - während manche Menschen sich mit Freude aus jeder Niederlage und Unwegbarkeit herausarbeiten?

Ich glaube diese Frage braucht eine Perspektive, die tiefer geht als die üblichen Hinweise auf finanzielle Sicherheit, Jobzufriedenheit und regelmäßige Entspannungsübungen.

Ich glaube die Antwort hängt irgendwie damit zusammen, wie verrückt und konsequent man den Dingen folgt, die das eigene Herz höher schlagen lassen. Das eigene - nicht das eines anderen.

Daran musste ich denken, als ich heute während meines Mittagsspaziergangs den neuesten Tim Ferris Podcast mit Richard Betts hörte. An einer Stelle sprechen beide darüber, welche Qualitäten man braucht, um erfolgreich als Koch in einem populären Restaurant zu arbeiten. Richard beschreibt, wie man z.B. gut mit physischer Hitze zurecht kommen muss; wie man einfach einen Draht dafür haben muss, multitaskingfähig zu arbeiten und mehrere Timer gleichzeitig im Kopf zu haben. Und dass das einfach Typsache ist. Er beschreibt wie er selbst z.B. in der Nacht zuvor drei Mal aufgewacht ist und über etwas nachgedacht hat.

Hitze - Multitasking - nicht durchschlafen - eigentlich DIE klassischen Stresssoren bzw -symptome schlechthin. Auf die Dauer als krankmachend, leistungsschwächend und ausbrennend verschrien.

Aber dann sagt Richard Betts noch etwas: Dass er einfach so gepolt ist. Dass das nächtliche Aufwachen einfach so ist und zu ihm gehört.

Es macht ihm keine Sorgen.

Mir wurde auf einmal klar, wie recht er hat. Wie sehr wir bestimmte Umstände, Stressoren, Gewohnheiten und vermeintliche Symptome pauschal verteufeln, zur Krankheit stigmatisieren - obwohl sie vielleich einfach nur unsere ganz persönlichen Eigenarten, Leidenschaften und Lebenswege reflektieren. Wie z.B den Schlaf: Es ist bekannt, dass ein natürlicher Schlafrhythmus eine längere nächtliche Wachzeit beinhaltet. Dass man die Nachtschlafdauer verkürzen kann, wenn man tagsüber einen kurzen Schlaf hält. Man kann Schlaf nachholen, und andersrum: Oft bringt erst das sich Stressen über nächtliches Aufwachen den eigentlichen Stress.

Oder Multitasking: Ist wirklich Multitasking das Problem - oder sind es nicht vielleicht eher die Dinge, die wir multitasken, die uns stressen?

Vielleicht geht es also gar nicht darum, sich vor den eigentlichen Stressoren, wie Schlaflosigkeit, Termindruck, Leistungsdruck, übervolle Kalender, zu fürchten -

sondern davor, dass unser Tun - die Inhalte, die Art und Weise wie wir etwas tun, die Menschen mit denen wir uns umgeben, die Umgbungen, die wir uns schaffen - uns am Ende nicht wirklich berühren könnten; egal wie stress-mindernd wir alles verschlanken oder aussteigen.

Wir dürfen wahrscheinlich nie damit aufhören, nach den Dingen zu suchen, die unserem Leben wirklich Bedeutung geben; die uns ein kaum merkliches, aber stetiges Kribbeln im Bauch spüren lassen; die uns komplett verrückt vorkommen, und trotzdem das Herz höher schlagen lassen. Denn selbst, wenn dann alles über uns zusammenbricht - werden wir es mit Sicherheit nicht.