24 - Warum gängige Zielsetzungen für die Katz sind: Lead vs. Lag Measures.

Wenn es um gesundheits- und fitnessorientierte Vorhaben geht, wird immer noch relativ viel mit klassischen Zielen gerbeitet: Gewichtsverlust von von x kg nach y kg. 1RM in der Kniebeuge oder beim Bankdrücken verbessern. Eine schnellere Zeit laufen. Mehr Sport machen. Eine bestimmte Platzierung bei einem Wettkampf erreichen.

So ganz langsam setzt sich aber auch die Erkenntnis durch, dass solche Zielvorgaben häufig nach hinten losgehen. Denn alles, was auf dem Weg dahin passiert, bleibt eher vage. Für das Abnehmen folgt man vielleicht einer Diät, oder groben Ernährungsvorgaben. Für Trainings- oder Platzierungsziele folgt man einem Trainingsplan. Aber das Problem dabei ist, dass man erst am Stichtag weiß, ob man es geschafft hat.

Die Lösung besteht, denkbar einfach, im Formulieren von verhaltensbasierten Zielen, die die eigentliche Zielvorgabe in Ziel-Gewohnheiten für den Alltag übersetzen.

Aber so ganz trivial wie es klingt ist es vielleicht nicht - es hilft, sich ein paar Dinge klar zu machen.

Ich stieß vor Kurzem eher zufällig auf diese Zusammenhänge, angeregt durch die Lektüre eines Business-Buches "The Four Disciplines of Execution" (4DX). Eigentlich geht es darum, wie man in Unternehmen ein spezifisches Set von vier Gewohnheiten implementiert, mit derer Hilfe man das schafft, woran viele Unternehmen scheitern: Nämlich Dinge wirklich auch umzusetzen.

Hier sind die Kernpunkte, die hinter 4DX stehen - das Spannende, und der Grund, warum ich sie hier anbringe: Sie lassen sich 1:1, ganz individuell, auf persönliche Ziele übertragen.

  • Wildly Important Goal (WIG): Das ist vielleicht der Knackpunkt für alles andere. Es geht darum, zu jedem Zeitpunkt nur EIN EINZIGES über alle Maßen wichtiges Ziel zu verfolgen. Also nicht fünf, oder dreißig. Die Idee dabei ist, dass die Erreichung des Ziels immer mit dem "Whirlwind", also dem Alltagschaos/Tagesgeschäft konkurriert - und mit jedem zusätzlichen Ziel sinkt die Erfolgswahrscheinlichkeit immens. Auf die persönliche Situation übertrage heißt das: Gleichzeitig Gewicht abnehmen und ein neues Trainingsziel zu setzen - ist zu viel. Eins nach dem anderen. Und das ist in einer Zeit, in der ein geschäftiges "mehr" immer besser ist, ganz schön herausfordernd.
  • Lag- vs. Lead-Measures: Ok, noch ein Knackpunkt, mit dem alles steht und fällt. Das eigentliche Ziel, also z.B. Gewichtsabnahme oder ein höherers 1RM muss zahlenmäßig spezifiziert und mit einer Deadline versehen werden. Also z.B. Reduziere mein Körpergewicht von 100kg auf 80kg bis zum 31.03.2016. Oder Ich erhöhe die Anzahl meiner Klimmzüge von 0 auf 3 bis zum 24.12.2015. DAS IST DAS LAG-MEASURE. Das Lag-Measure quantifiziert also die Zielvorgabe - ist aber nicht direkt beeinflussbar, sondern erst zum Zeitpunkt der Messung am Ende und zwischendurch überprüfbar. Die aktive Beeinflussung findet eben durch spezifische Gewohnheiten/Praktiken statt, z.B. im Falle der Gewichtsreduktion: Ich gehe jeden Tag eine Stunde/jede Woche fünf Stunden spazieren. Oder: ich esse pro Woche nur noch zwei Mahlzeiten, die Fleisch enthalten. Im Falle der Trainingsziele, z.B. für die Klimmzüge: 10min pro Tag Hängevarianten an Stangen üben. Oder pro Woche drei Sprungeinheiten von 20min (um eine schnellere Laufzeit zu erreichen). Die Quantifizierung dieser Gewohnheiten geschieht durch die LEAD-MEASURES. Die Lead-Measures sind also die "Ziel-Gewohnheiten", die 1.) ich direkt beeinflussen kann und 2.) das Lag-Measure vorantreiben.
  • Das effektivste Lead-Measure: Lead-Measures sind per se nie eindeutig. So wie ich z.B. einen Gewichtsverlust über weniger essen, anders essen, oder mehr bewegen, oder einer Kombination daraus erreichen kann; oder ein Trainingsziel durch Änderung der Trainingsinhalte, oder Erhöhung des Trainingsumfanges, oder -Frequenz. Die hohe Kunst besteht darin, das effektivste oder eine Kombination aus 2 bis 3 effektiven Lead-Measures zu wählen. Das, worauf ich mich schon im Vorfeld freue; von dessen Wirkung ich überzeugt bin; und was alle anderen aussticht. Dafür gibt es kein Rezept; man muss ein wenig den gesunden Menschenverstand, die eigene Erfahrung/Gespür und Experimentierfreude einsetzen.
  • Compelling Scoreboard und Cadence of Accountability: Ok, der letzte Knackpunkt. Das Ganze funktioniert nur, wenn man möglichst simpel dokumentiert und dranbleibt. D.h. man muss einen Weg finden, wie man seine Lead-Measures, z.B. in einem Excel-Sheet oder auf einem Poster trackt - und sich diese Zahlen wöchentlich anschauen.

Und das bringt mich zu einem anderen, häufig unterschlagenen Punkt: Ziele sind nur dann etwas Wert, wenn der Weg dahin erfüllt. Das heißt in diesem Schema der Lag- und Lead-Measures: Es mag sein, dass das eigentliche Ziel wünschenswert und attraktiv ist - und der Grund des immer wieder daran Scheiterns im falschen Lead-Measure liegt. Konkret: Vielleicht ist es einfach nicht mein Weg, mein Gewicht über weniger essen zu reduzieren. Vielleicht funktioniert es für mich besser, wenn ich dafür mindestens fünf Stunden pro Woche mit irgendwelchen Aktivitäten in der Natur verbringe. Oder vielleicht habe ich gar keine Lust, mich jeden Tag an die Klimmzugstange zu hängen - stattdessen könnte ich drei Mal pro Woche zum Klettern oder Pole-Dance gehen.

Es kann natürlich auch daran liegen, dass das Ziel insgesamt für mich nicht (mehr) stimmt. Vielleicht ist ein neuer Bankdrück-Rekord nicht wirklich ein Maß für Kraft. Oder eine schnellere Marathonzeit kein Ausdruck für eine ausgewogene Fitness. Oder auch ein reduziertes Gewicht kein Garant dafür, wie gut ich mich fühle. Aber egal ob Ziel oder der Weg dahin: Wenn ich es nicht schaffe, ein Ziel auf eine Art und Weise zu erreichen, die mich schon im Tun erfüllt - dann lohnt es sich zu prüfen, ob es wirklich noch meine Ziele sind, die ich auf meinem einzigartigen Weg erreichen kann

- oder nicht vielleicht Überbleibsel der Vergangenheit, die mehr mit "sollen" als mit "wollen" zu tun haben.

Denn für die - ist das Leben wirklich zu kurz.