48 - Das Drama des inklusiven Kindes.

Heute fragte ich meinen Sohn, welches Thema er für den heutigen 100-Tages-Challenge-Artikel interessant fände. Sollte möglichst irgendwie mit dem Körper zu tun haben.

Spontan schlug er seinen halben Sturz neulich von einer Treppe in einem Schwimmbad vor.

Ich war ein wenig überrascht, dass er sich so "gerne" daran erinnern wollte.

Ich hatte den Sturz nicht gesehen. Ich war zwar auch mit im Schwimmbad gewesen; da ich aber noch zu tun hatte war ich schon nach einer Stunde aus dem Wasser gegangen und hatte mich zum Arbeiten auf eine Empore gesetzt. Mein Sohn blieb im Wasser und kam ein paar Mal zu mir hoch. Beim letzten Runtergehen war er vom Handlauf abgerutscht und ein paar Stufen gefallen. Er hatte sich beim Stürzen aber gut abgefangen; ich konnte zwar die Treppe von meinem Platz aus nicht einsehen - sah in aber ein paar Augenblicke später völlig unbeschadet zum Schwimmerbecken krabbeln und ein paar Bahnen schwimmen.

Im Nachhinein glaube ich, dass der Sturz ihn zwar natürlich ein wenig erschreckt hat - aber irgendwo auch gestärkt, und stolz gemacht. Das Fallen war ein Zeichen dafür, dass er alleine im Schwimmbad unterwegs war; dass eben niemand direkt neben ihm stand und ihn vom Hinfallen abhielt.

Fallen gehört zum Bewegen und lebending sein. Fallen will genauso gelernt und geübt werden wie alles andere.

Wieder ist mir durch seine Themen-Impuls bewusst geworden, wie sehr er tagtäglich vom Fallen abgehalten wird.

Gerade erst neulich etwa - als der Mitarbeiter des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes einen seiner zwei Besuche pro Schuljahr absolviert hatte. Dieser Dienst unterstützt reguläre Schulen dabei, Inklusion im Unterricht umzusetzen. Nach dem Besuch bekam ich (mal wieder) von ihm per Email eine Liste von Dingen, die er empfehlen würde - eine davon: Dass an Finnans Rollstuhl immer der Kippschutz ausgefahren sein sollte, um ihn vor Stürzen auf den Hinterkopf zu bewahren.

OK - dann sollten vielleicht alle Kinder immer mit Helm und Rückenprotektoren durch die Welt laufen? Ich lasse Finnan grundsätzlich selbst entscheiden, wie er sich im Rollstuhl sichert - er benutzt schon lange keinen Kippschutz mehr. Das Problem am Kippschutz ist, das man dann den Rollstuhl nicht mehr gut nach hinten kippen kann, um z.B. Kantsteine oder andere Erhöhungen hochzukommen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal überhaupt mal nach hinten gefallen ist; und wenn, dann weiß er, wie er sich gut abfangen kann.

Zugegeben: Auch gesunde Kinder werden heutzutage oft überbehütet und vor allen gefährlichen Situationen bewahrt. Aber bei Kindern mit Behinderungen steigert sich das zu einem richtigen Drama: Ich habe das Gefühl, dass ihnen nicht ein einziger Fehltritt vergönnt ist. Jedes Risiko wird im Keim erstickt. Wenn etwas nicht sofort todsicher funktioniert, dann wird es sofort für ungut befunden. Kinder mit Behinderungen bekommen im realen Leben kaum eine Chance, zu scheitern.

Mein Sohn schwamm seine Bahnen, und kam dann erneut hoch zu mir. Ruhig und sachlich erzählte er mir von seinem Sturz, und wie es ihm damit ergangen ist. Er machte eine Frau nach, die den Sturz gesehen und total blöd geguckt habe. Wir mussten beide sehr lachen, als er ihren Gesichtsausdruck nachmachte. Wir schauten an, wo er draufgefallen war und wo es weh tat. Ich drückte ihn - und so komisch es klingt, aber ich freute mich für ihn.