56 - Sehen ist auch Bewegung - und damit trainierbar.

"Movement ist the most potent healer." Ido Portal auf dem Movement X Seminar in München 2015 (und wahrscheinlich viele andere).

Wenn wir an Bewegung denken - dann denken wir meistens automatisch an den "Bewegungsapparat", wie man im Deutschen so schön (mh, eigentlich ein ziemlich grässliches Wort, was leider die Körper=Maschine-Analogie ziemlich propagiert hat) sagt. An Körperteile - Arme, Beine, Kopf, Rumpf, Gelenke - alles, was unsere Knochen in irgendeiner Form bewegt.

Diese beschränkte Sicht auf Bewegung hat eine entscheidende Konsequenz: Sie schränkt unser Verständnis davon ein, welche (heilsame) Wirkung Bewegung auch auf andere Körpersysteme haben kann - zum Beispiel auf die Sinnesorgane.

Darauf bin ich beim Lesen eines Kapitels in dem hier schon mehrfach zitierten Doidge-Buch gekommen. In jenem Kapitel geht es um das Sehen.

Sehen ist ein gutes Beispiel, denn es wird in der Mainstream-Medizin normalerweise nicht in Zusammenhang mit Bewegung gebracht. Kein Arzt verschreibt bei Kurzsichtigkeit Augen-Bewegungstraining - sondern eine Brille. Jeder Augenpatient nimmt die Brille (oder Laserkorrektur) als die einzig mögliche Lösung hin. Mit anderen Worten: Das Auge wird als mechanisch-optisches System verstanden - und wenn die optischen Elemente (z.B. Linse) nicht mehr funktionieren, dann muss man halt über äußere korrigieren.

Nur selten wird darüber nachgedacht, warum diese Elemente nicht mehr funktionieren - erstaunlich eigentlich angesichts der Tatsache, dass Kurzsichtigkeit zu einer weltweiten Epidemie geworden ist. Die sich so schnell entwickelt, dass sie mit genetischen Faktoren bei Weitem nicht mehr erklärbar ist. Sondern mit unserer Lebensweise.

Dabei liegt die Sache einigermaßen klar auf der Hand: Die Fokussierung des Auges läuft einerseits über die Aktvität des Ciliarmuskels, der die Linse je nach Sehentfernung einstellt. Mittlerweile weiß man, dass auch die Längenveränderung des Augapfels dabei eine Rolle spielt - diese wird über die externen Augenmuskeln reguliert (von denen man eigentlich dachte, sie seien nur für das Tracken von Objekten verantwortlich). Bewegung der externen Muskeln kommt schließlich auch in einer unwillkürlichen Variante ins Spiel: Sogenannte Mikrosakkaden, d.h. sehr kleine (nicht sichtbare) ruckartige Augenbewegungen, die dafür sorgen, dass das Bild unserer Betrachtung ständig und scharf auf der Netzhaut erneuert wird.

All diese Muskeln reagieren wie andere Muskeln auch - sie können sich in chronisch ungünstigen Längen und unter zu hoher Spannung befinden. Z.B. wenn eine Person viel auf Bücher, PCs, Smartphones schaut, und zu wenig in die sehr weite Ferne. Oder wenn sie unter Stress ist. Damit verändern sich genauso chronisch die optischen Eigenschaften der Linse und des Augapfels - das Bild auf der Netzhaut wird unscharf.

Die Brille, schreibt Doidge in seinem Buch, sind in so einem Fall ein "quick fix": "Sie korrigieren Verschwommenheit und Kopfschmerzen, und sie sind zuverlässig. Aber Brillen heilen nicht das unterliegende Problem: Augenspannung und Kurzsichtigkeit sind nach wie vor da und werden sogar schlechter (das ist der Grund, warum die meisten Menschen mit der Zeit immer stärkere Brillen brauchen)."

Aber wenn die Augenmuskeln nichts anderes machen als andere Muskeln auch - dann kann man sie ebenso trainineren. Und genau das beschreibt Doidge mit Hilfe einigen Fallstudien - konkret mit Feldenkrais und verwandten Ansätzen.

Diese Augen-Bewegungstrainings sind noch nicht mal besonders komplex. Und müssen auch nicht bis ans Lebensende gemacht werden, wenn man seine Lebensweise ein wenig zu vielseitigerem Sehen hin anpasst (analog zu Bewegungsansätzen für andere Körperbereiche). Der Grund warum dieser Bewegungsansatz bei Sehprobleme kaum verbreitet ist (außer, dass Quick Fixes generell sehr beliebt sind) liegt eben darin, dass wir das Auge nicht als Teil des "Bewegungsapparates" wahrnehmen (ok - das ist das letzte Mal, dass ich dieses Wort verwenden werde). Wir haben kaum Bezug dazu, dass man das Auge genauso trainieren und entspannen kann wie z.B. den Rücken, Oberschenkel und Bizeps.

Immerhin weiß mit Dir, lieber Leser, jetzt wieder eine Person mehr Bescheid.

Weitere Infos zu dem Thema - hier die Protagonisten aus Kapitel 6 in "The Brain's Way of Healing":

Meir Schneider: http://self-healing.org/meir-schneider/

David Webber: http://www.davidwebberseeingclearly.com/