58 - Immer weniger Don'ts.

Eine Entwicklung im Trainings- und Bewegungsbereich, die ich mit Freude zur Kenntnis nehme:

Das Primat der "geometrischen" Sicht auf Körper und Bewegungen bröckelt.

Das heißt? Folgendes:

Jahrzehntelang war die Fitness- und Therapieszene geprägt von erhobenen Zeigefingern und peniblen Haltungs- und Bewegungskorrekturen, oder gar Tabuisierungen ganzer Bewegungsarten. Hier nur ein paar Beispiele:

Die aufrechte Position im Stehen hat sich an einer senkrechten Linie zu orientieren.

Fundamentale Bewegungen haben nach bestimmten Vorgaben zu erfolgen, z.B. "Knie nicht über die Zehen" bei Kniebeugen; oder "Rücken gerade lasse" beim Bücken und Aufheben; oder "Fuß in Neutralstellung" beim Laufen.

Und dann gab es da noch die "NO GOs": z.B, tiefe Kniebeugen (schlecht für die Knie!), oder diese herrliche Übung (im Yoga Pflug genannt) (schlecht für die Halswirbelsäule!)

oder auch der gefürchtete W-Sitz (schlecht für die Hüftgelenke!)

All diese Verteufelungen und Schwarz-Weiß-Philosophien sehe ich, wie gesagt, in der Auflösung begriffen. Gottseidank - denn es wäre doch seltsam, wenn die Evolution uns mit einem extrem vielseitigen Körper ausgestattet, aber dann einen Beipackzettel dazu designt hätte. So nach dem Motto: Ihr seid zu all diesen Bewegungsvarianten fähig - aber bitte meidet diese 32.

Aber genau das beschreibt im Gegenzug das Missverständnis, das all diesen Bewegungsgeometrisierungen und -tabuisierunge zu Grunde liegt, und das immer mehr entlarvt wird: Beschwerden entstehen eben nicht durch falsche Bewegungen und -ausführungen - sondern durch einen Mangel an Bewegungsvielseitigkeit und ein zu geringes Intensitätsspektrum in Körpern, die durch diesen Mangel degeneriert und atrophiert sind. Im Normalfall sehnt sich unser Körper nach dieser Vielseitigkeit und auch hohen Belastungen - denn genau dann kann er seine größte Stärke ausspielen: seine enorme Anpassungsfähigkeit.

Daher mein Appell: Bitte viele tiefe Kniebeugen (ohne Gewichte reicht auch); bitte die gesamte Wirbelsäule beugen, strecken und drehen; und bitte kindlicher Intuition vertrauen, wenn sie den W-Sitz einnimmt. Und am besten nicht nur eins oder drei davon, sondern alles; natürlich anhand eines sinnvollen Aufbaus.

Ich hoffe auf jeden Fall, dass dieser ermutigende Trend weitergeht - damit Bewegung wieder ihre Spontanität und Farbvielfalt bekommt, die sie schon immer hatte.