59 - Einschränkungen sind ein Geschenk.

Eine Lebenswahrheit, die mich seit ein paar Jahren beschäftigt und fasziniert:

Dass erst Einschränkungen, Begrenzungen, Mangel - uns wirklich schöpferisch aktiv werden lassen.

Ursprünglich ist mir diese Erkenntnis in der Kunst untergekommen: Dass gerade die Einschränkungen in Bezug auf finanzielle Mittel und Materialien, Kreativität so richtig in Wallung bringen lassen.

Aber ich glaube, dass dieser Zusammenhang zwischen Einschränkungen und Kreativität oder Produktivität nicht nur für künstlerische Aktivitäten gilt, sondern etwas sehr Universelles ist. Denn wenn wir solche Einschränkungen wirklich annehmen, und nicht über ihnen verzweifeln oder sie bejammern - dann können sie uns aus dem Gewohnten und Bequemen heraustreiben, in ganz neue Bereiche, die wir gar nicht in Erwägung gezogen hätten, wenn alles einfach verfügbar gewesen wäre.

Man könnte so weit gehen zu sagen, dass die Einschränkung an sich das Geschenk ist - und der kreative Prozess und sein Ergebnis "lediglich" eine Konsequenz.

Aber wie leicht ist es, sich von Einschränkungen blockieren zu lassen....

Allein schon körperlich und in Bezug auf Bewegung. Man könnte sich aufgrund von Zeitmangel davon abhalten lassen, etwas für seinen Körper zu tun. Oder fehlendes Geld dafür anführen, dass man sich einfach keine Fitness-/Tanzstudio/etc-Mitgliedschaft leisten kann. Eine alleinerziehende Mutter könnte anführen, dass sie keinen Babysitter hat und sowieso überfordert ist. Mein Sohn könnte an seiner körperlichen Behinderung verzweifeln. Ich könnte mir einreden, dass ich einfach zu großgewachsen bin, um Hiphop oder Ballett zu tanzen. Eine scharze Ballerina könnte einfach damit rechnen, aufgrund ihrer Hautfarbe sowieso nie professionelle Tänzerin zu werden. Ein 60-jähriger unbeweglicher Mann könnte es einfach aufgeben, in seinem Leben nochmal beweglich zu werden und richtig Spaß dabei zu haben.

Aber es hilft sich klarzumachen, dass die vermeintliche Einschränkung nur ein Hinweis auf eine große Stärke ist. Vielleicht sogar eine Botschaft für andere, sich nie von etwas abhalten zu lassen.

Vielleicht führt der Zeitmangel zu vielen über den Tag verteilten Bewegungen. Oder dazu, seine Arbeitszeiten und Lebensprioritäten grunsätzlich zu überdenken. Dann entdeckt derjenige mit wenig Geld vielleicht seine Liebe zu Körpergewichtsübungen draußen und zu Hause - oder verhandelt einen speziellen Tarif mit seinem Studio. Die alleinerziehende Mutter baut sich ein Kinder-Aufpass-Netzwerk mit befreundeten Familien auf - oder entwickelt ein neues Eltern-Kind-Bewegungskonzept. Mein Sohn findet sich Bewegungsmöglichkeiten, die mich regelmäßig in Erstaunen versetzen und die ihn langsam zu einem richtigen Trainingstier werden lassen. Ich lerne, wie ich meinen langen Körper am besten im Tanz einsetzen kann - ohne, dass es zu einem Manko wird. Die scharze Tänzerin wird Primaballerina - und nutzt ihre Hautfarbe, um sich erfolgreich für mehr Diversity im Ballett einzusetzen. Der 60-jährige merkt, dass ihn gerade seine Unbeweglichkeit eine Menge über seinen Körper lehren kann - und das wiederum, wie er ihn wieder in einen besseren Zustand kriegt.

Und es steckt noch ein viel größeres Geschenk in Einschränkungen: Sie lassen uns wirklich schätzen, was wir haben und was wir erreichen. Alles ist mit bewusstem und beständigen Einsatz erarbeitet - ein großes Glück, das wir nie für selbstverständlich nehmen.