62 - Das Risiko des Herdentriebs (und Wege daran vorbei).

Vielleicht kennst Du das Konformitätsexperiment von Asch. Sinngemäß ging es in dem 1951 durchgeführten Versuch darum, wie sehr Probanden sich einer Mehrheitsmeinung anschließen, auch wenn sie offensichtlch inkorrekt ist.

Man mag dem Experiment Schwächen anlasten - aber in etwas abgewandelter Form kennt jeder den Effekt. Insbesondere, wenn es kein glasklar-mathematisches Richtig oder Falsch gibt, können einen die Ansichten der Mehrheit ziemlich vom eigenen Weg abbringen.

In Bezug auf Lernen, Körper und Gesundheit - erleben wir das ständig, meistens sogar ohne es bewusst zu merken. Die vorherrschenden Ansichten und Standards können so tief in uns eingebettet sein, dass wir sie wie eine immerwährende, unerschütterliche Wahrheit ansehen.

Solche "Wahrheiten" sind z.B.:

  • Man muss eine Sportart jahrelang ausüben, um richtig gut in ihr zu werden.
  • Man kann ein bestimmtes Lernpensum nur innerhalb einer bestimmten Zeit bewältigen - und das auch nur mit einem Lehrer und Riesenaufwand.
  • Bestimmte Erkrankungen oder Behinderungen sind nicht heilbar.
  • Ein Erwachsener kann in etwas nie so gut werden wie jemand, der schon als Kind damit begonnen hat.
  • Tiefe Kniebeugen sind nicht gut für die Knie.
  • Eine neue Fremdsprache ist nur mit einem Akzent möglich, wenn man sie als Erwachsener lernt.

So könnte ich endlos weiterlisten.

Und jeder einzelne Punkt auf dieser Liste - schränkt die Entfaltung unseres Potientials ein. Je mehr Punkte auf dieser Liste, desto mehr wird dieses Entfalten eingeschränkt. Eine endlos lange Liste von Punkten....genau.

Es lohnt sich zu hinterfragen.

Wenn man hinter jedem dieser Herden-Antriebe ein wenig gräbt, könnte man auf Überraschendes stoßen.

  • Vielleicht sind die gängigen Sport-Lehrmethoden nicht besonders effektiv?
  • Vielleicht hängt die Bewältigung von großen Mengen Lernstoff von den Vorerfahrungen des Lernenden, seiner Art zu lernen, und seiner Einstellung gegenüber Prüfungssituationen zusammen?
  • Jeden Tag, wird irgendwo auf der Welt, die Prognose "unheilbar" wieder ein Stück mehr widerlegt.
  • Vielleicht gönnen Erwachsene sich nicht ausreichend Spiel im Sportlernen, oder bleiben nicht lang und oft genug dran...?
  • Warum genau sollen tiefe Kniebeugen nicht gut für die Knie sein? Könnten sie vielleicht sogar gut für sie sein?
  • Die Fähigkeit, eine neu erlernte Fremdsprache möglichst akzentfrei auszusprechen hat überwiegend mit dem Gehör, und weniger mit der Lautbildung zu tun. Und auch das Gehör lässt sich trainieren.

Und genau das ist der Weg am Herdentrieb vorbei: Hinterfragen. Tausendmal nachfragen. Weiterforschen. Ausprobieren. Recherchieren. Tim Ferriss zum Thema Meta-Learning lesen. Prüfen, wie das vorherrschende Paradigma überhaupt entstanden ist (z.B.: nein, Yoga Asanas sind nicht mehrere Tausend Jahre alt).

Und dann wird es nämlich richtig schön.

Denn dann kann man allen Ballast, Schrott und gelegentlichen Herden-propagierten Bullshit beiseite legen - und das machen, was wirklich funktioniert. Den Weg gehen, der wirklich Sinn macht. Viel schneller zum Ziel kommen. Oder auch länger brauchen, und zu einem Ziel kommen, was niemand für möglich gehalten hätte.

Der Herdentrieb ist deswegen so riskant - weil er viele dieser Möglichkeiten und Wege leicht auslöschen kann. Es ist unsere Verwantwortung, sie gegen die Masse zu verteidigen - denn dann wird die Welt wirklich zu einem besseren Ort.