63 - Das Becken ist kein starrer Kasten (Spagat, anyone?).

Das Bild oben gibt so ziemlich die gängige Vorstellung vom Becken wieder.

Damit meine ich: Egal ob Functional Training, Orthopädie, Bewegungsanalysen oder klassische Balletttechnik: Während die Wirbelsäule und die Hüftgelenke sich durchaus bewegen dürfen und sollen - wird das Becken als eine feste Box gesehen, die die Organe und gelegentlich auch mal ein Kind beherbergt.

Ich will mich von dieser Sichtweise gar nicht ausnehmen - zumindest bis zur letzten Woche habe ich dieses Modell nie bewusst hinterfragt.

Letzte Woche hatte ich eine interessante Bewegungserfahrung bei einem Körper- und Bewegungsarbeitstherapeuten - nachdem ich in den letzten Monaten über einigen Hüftmobilitätsthemen gebrütet und in einigen Punkten nicht so wirklich weiter gekommen war. Beschwerden hatte ich keine - ich wollte einfach mit ihm erforschen, ob und wie ich mehr Hüft-ROM aufbauen könnte (ohne mich dabei kaputtzumachen).

Ich erwartete eine Art Reise durch meine Hüftgelenksgeometrie und vielleicht noch neuromuskulären Aspekten.

Stattdessen gab mir der Therapeut, ein ehemaliger Tänzer, einen Crashkurs in Beckenembryologie.

Hier ist der zentrale Aspekt, der für mich entscheidende Bedeutung bekommen sollte: Nämlich die Erinnerung daran, dass das Becken ja eigentlich aus ZWEI Knochen besteht, die beweglich miteinander und mit der Wirbelsäule verbunden sind. Das heißt: Das Becken ist in sich verformbar. Und das Bild kann man noch ergänzen dadurch, dass jede Beckenhälfte eher zu dem jeweiligen Bein gehört und sich mit ihm bewegt - als eine Schale zu sein, die an die Wirbelsäule angetackert ist.

Das hat evolutionäre Hintergründe. Bei Vierbeinern sieht man sehr deutlich, wie stark diese Beweglichkeit des Beckens ausgeprägt war:

Am Beispiel des Pferdes sieht man gut, wie das Becken bei Vierbeinern den Beinen folgt. Abbildung von http://www.nibis.ni.schule.de/~olengede/sleb/ag/pferde/sklett.htm

Am Beispiel des Pferdes sieht man gut, wie das Becken bei Vierbeinern den Beinen folgt. Abbildung von http://www.nibis.ni.schule.de/~olengede/sleb/ag/pferde/sklett.htm

Klar, und beim Übergang ins Zweibeiner-Dasein musste sich evolutionär etwas tun. Das Becken musste nun das gesamte darüberliegende Körpergewicht tragen, plus beim Sitzen auf dem Boden mit der Wirbelsäule zusammen Stabilität geben. Die Verbindung zur Wirbelsäule wurde nun betonter, und die knöcherne Struktur massiver.

Nun könnte man es durchaus bei Becken = Kasten belassen. Aber dieses Model stößt spätestens dann an seine Grenzen, wenn man seinen Körper so richtig, womöglich mit hohen Bewegungsumfängen und mit guter Bewegungsqualität benutzen will. Denn dann blockiert ein starres Becken u.a. die Bewegung der eigentlich sehr beweglichen Hüftgelenke.

Eric Franklin schreibt dazu in seinem Buch "Conditioning for Dance":

"...you block the swiveling action of the pelvic halves [...]. This action stops sacral movement and impedes the hip joints' movement. Overriding the natural movement of the bones with forces causes pressure in the hip joints."

Das heißt, dass die Bewegung des Hüftgelenks an die Bewegung des Steißbeins gekoppelt ist - und die ist nicht gegeben, wenn die beiden Beckenhälften nicht in sich rotieren können.

Hier ist ein Bild aus Franklins Buch:

In diesem Modell sieht man deutlich, wie mobil das Becken eigentlich sein kann - und wie diese Beweglichkeit wiederum den Bewegungsumfang des Hüftgelenks beeinflusst.

Meine Anregung für heute: Schau ob Du beim Gehen oder vielleicht Tanzen, oder beim Yoga oder Karate, oder sonstigen Aktivitäten eine Vorstellung von beweglichen Beckenhälften bekommen kannst. Und wenn Du dann die Gelegenheit hast - teste, ob und wie sich das auf den Bewegungsumfang Deiner Hüfte auswirkt, z.B wenn Du Dich in den Spagat setzt oder Dein Bein hebst/schwingst. Am Ende kannst Du dann noch feststellen, WIE VERDAMMT COOL DAS EIGENTLICH IST, wenn man innerhalb von Sekunden und ohne zusätzliche Anstrengung das Bein auf einmal höher/weiter kriegt!

Wie sonst im Leben auch: Starre Boxen sind halt selten nützlich.