64 - GESCHEITERT.

"Failure is simply the opportunity to begin again, this time more intelligently." (Henry Ford)*

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Als ich vor gut anderthalb Jahren meinen sicheren Angestellten-Job verließ, um mich nach einer Phase der Vorbereitung in die Selbständigkeit zu wagen - hatte ich immer ein wenig Bammel vor diesem potentiellen Moment:

Es nicht zu schaffen. Irgendwann zu realisieren, dass mein Unternehmen nicht genügend Geld abwirft, um meine Lebenshaltungskosten zu decken. Meine Selbständigkeit für gescheitert zu erklären.

Die Angst vor diesem Moment war sogar so groß, dass sie mich jahrlang von der hauptberuflichen Selbständigkeit abgehalten hat.

Dieser gefürchtete Moment des Scheiterns - ist seit gestern da.

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Dieser Text ist einer, um den ich mich eigentlich lieber drücken würde. Eine glamouröse Erfolgsstory zu schreiben wäre irgendwie sexier. Und ist es nicht so, dass Artikel über unternehmerisches Scheitern erst dann erscheinen, wenn der Verfasser es nach einem weiteren Anlauf doch noch bravourös geschafft hat? Und das Scheitern aus der Distanz als "wichtige Lernerfahrung" in seiner Erfolgsstory beschreibt? Ja, das ist mit Sicherheit inspirierend. Aber vielleicht braucht es auch ehrliche Berichte des Scheiterns - live aus dem eigentlichen Moment des Scheiterns. Klassische Misserfolgsstories. Weil es hautnah auch andere ermutigen könnte, es trotzdem zu wagen.

Und weil ich in diesem Moment des Scheiterns - so glücklich bin wie nie zuvor.

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Zu den Fakten. Ich sorge für meinen Lebensunterhalt seit dem ich 17 bin. Abgesehen von zwei abgeschlossenen Studienzeiten, die ich überwiegend mit Stipendien finanzierte, und einer ca. einjährigen Kind-Auszeit war ich mein Berufsleben lang Angstellte (obwohl ich nie wirklich dazu getaugt habe). Mit meiner Berufstätigkeit verbinde ich irgendwie eine ständige unterschwellig-nagende Unzufriedenheit. Obwohl ich viel ausprobiert habe, war jede Tätigkeit nach kurzer Zeit unbefriedigend; ich meist chronisch unter-stimuliert und auf eine quälend-unklare Weise nicht in der Lage, meine Stärken und Interessen voll einzubringen. Dies und eine schwelende Bossing-Dynamik an meinem letzten Arbeitsplatz führten dazu, dass ich zunehmend körperliche Symptome entwickelte und schließlich letztes Jahr die Kündigung einreichte, ohne einen konkreten Anschlussplan zu haben.

Während der anschließenden halbjährigen Arbeitslosigkeit entschied ich mich, eine Selbständigkeit vorzubereiten, die ich im ersten halben Jahr nach der Gründung mit Hilfe eines Existenzgründungszuschusses aufbaute. Die anschließenden sechs Monate, immer noch in einer Aufbauphase, bestritt ich mit einer Kombination von eigenen Ersparnissen und Pflegeleistungen, die mit der Behinderung meines Sohnes zusammenhängen. Meine Umsätze aus der Selbständigkeit betrugen in den gesamten 13 Monaten meiner Geschäftstätigkeit etwa EUR 500,-.

Letzte Woche kam, nach ein paar Wochen Nachdenk- und Rechenzeit, schließlich die Erkenntnis: Ich sehe nicht, wie ich meine momentane unternehmerische Situation wirtschaftlich signifikant verbessern kann und kann mir den weiteren Aufbau meiner Selbständigkeit schlicht nicht mehr leisten. Seit gestern bin ich, kurz und schmerzlos, wieder arbeitslos gemeldet.

Wie konnte das passieren?

Die Kurzversion: Ich habe es letztendlich nicht geschafft, ein marktfähiges Produkt/Service zu entwickeln. Das grobe Thema war zwar da, die Philosophie und Werte auch - aber es fehlte das klare Angebot. Im Laufe der Zeit wurde auch zunehmend offensichtlich, dass meine Vorstellung bezüglich meiner Zielgruppe(n) verschwommen waren oder zum Teil auch schlicht danebenlagen.

Warum ich überhaupt mit dieser Unklarheit in die Selbständigkeit gestartet bin? Weil es die einzige Chance war, diese Klarheit überhaupt zu gewinnen. Mit jahrelangem darüber Nachdenken bin ich nicht wirklich weiter gekommen (obwohl ich wirklich gut im Nachdenken bin!). Ich wollte mich endlich in den Ernstfall begeben.

Dass ich es nicht irgendwie mit Ach und Krach zum Laufen gebracht habe, hat wahrscheinlich noch den oben bereits angerissenen Hintergrund: eine tiefe und lebenslange Sehnsucht nach der Antwort auf die Frage, was beruflich so wirklich mein Ding ist; was mein unverwechselbarer Beitrag sein kann auf dieser Welt. Und nachdem ich in meinem bisherigen Berufsleben teilweise sehr schmerzhafte Kompromisse eingegangen bin, um trotz dieses nicht-so-genau-Wissens-wofür-mein-Herz-wirklich-schlägt meinen Lebensunterhalt bestreiten zu könen - war ich einfach nicht mehr bereit, in eine halbherzige Geschäftstätigkeit zu investieren. Ich wollte nur noch ganz oder gar nicht - und ich war bereit, den Preis dafür zu zahlen: Nämlich, dass mir das Geld ausgehen könnte, bevor ich einen Treffer lande.

Warum JETZT?

Das ist eine gute Frage. Könnte es sein, dass ich einfach noch ein Jahr länger gebraucht hätte? Ich hätte doch meinen inhaltlichen Fokus ändern können, einfach eine neue Richtung ausprobieren, eine andere Zielgruppe ansprechen. Warum ausgerechnet jetzt der Gang zum Arbeitsamt, wenn meine Ersparnisse noch ein paar Monate gereicht hätten?

Gerade bei einer Solo-Freiberuflichkeit, in die man finanziell selbst reinbuttert, ist es in der Tat schwierig, einen Scheiter-Zeitpunkt festzulegen. Ich glaube am Ende hängt das sehr individuell von der persönlichen Situation ab. Ich bin alleinstehend mit Kind - von daher trifft mich die Kostenseite meiner Existenzgründung in vollem Maße, während ich die Verantwortung habe, ausreichend und langfristig für mein Kind und mich zu sorgen. Zwar hatte ich meine Ersparnisse über drei Jahre vor meiner Kündigung extra mit dem Ziel aufgebaut, eine spätere Selbständigkeits-Anlaufphase zu überbrücken - aber mir ist gleichzeitig klar, dass ich auch an anderes Unvorhergesehenes denken muss und auch dafür finanziellen Puffer brauche. Eine, sagen wir, verheiratete kinderlose Frau, die vielleicht über ihren Ehemann familienversichert und auch sonst versorgt ist, könnte eine solche Entscheidung möglicherweise länger hinauszögern.

Naja, oder auch nicht. Denn am Ende muss man wohl sich selbst gegenüber ehrlich sein: Hat das, was ich da tue und wie, wirklich Aussicht auf Erfolg? Wie haben sich die Umsätze entwickelt - und glaube ich wirklich, dass sie sich in absehbarer Zeit besser entwickeln werden oder dass ich andere Einnahmequellen erschließen kann? Macht das alles noch Sinn?

Ich glaube sehr fest an bewusste Schlussstriche. Ich glaube es ist zermürbend, wenn man an einer schal gewordenen Selbständigkeit festhält und jedem Strohhalm nachrennt, den man nur irgendwie zu fassen kriegen könnte - obwohl er vielleicht nicht wirklich dem eigenen Sweetspot entspricht.

Und jetzt? Wovon leben? Was passiert mit Beyond Training?

Was ich mit Beyond Training mache, insbesondere mit der Webseite und diesem Blog, weiß ich noch nicht genau. Im Grunde habe ich BT immer als eine Art Plattform für verschiedene Projekte gesehen; möglicherweise lasse ich diese Plattform daher einfach weiter bestehen. Vielleicht werde ich sie aber auch ganz schließen - time will tell.

Ich habe während meiner Selbständigkeit freiwillig in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt und werde in der nächsten Zeit erneut aus einer Mischung von Arbeitslosengeld, dann etwas weniger eigenen Ersparnissen und jenen schon erwähnten Pflegegeldern leben.

In Bezug auf meine berufliche Zukunft, ganz klare Antwort: Nach einer kurzen Atempause - neuer Anlauf ins Unternehmertum. Diesmal - lernbedingt - ein Stück "intelligenter" (s.o.). Einen Plan habe ich bereits - demnächst mehr dazu.

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Als die Realisierung des Scheiterns einsetzte, war mein erster Reflex: Mich damit zu verstecken und mir nichts anmerken zu lassen. Meine unterschwellige Vorstellung war voll von (fiktiven?) Menschen, die mir entweder mitleidig die Schulter tätscheln, oder - überlegen lächelnd - schon immer wussten, dass ein sicherer Job eh die bessere Wahl ist. Ich hatte eine genauso unterschwellige Sorge, als sprunghaft und dilettantisch dazustehen, wenn ich schon wieder was Neues probiere. Ich fühlte Scham bei dem Gedanken, schon wieder Arbeitslosengeld zu beantragen - so etwas sollte ich doch mit meinem Hintergrund und Skills nicht nötig haben, sagte eine leicht arrogante und perfektionistische innere Stimme in mir. Ich habe einfach nicht das Zeug dazu, erfolgreich ein Unternehmen aufzubauen, sagte meine internalisierte Mutter-Stimme.

Eine Weile hörte ich mir diesen inneren Funkverkehr an. Forderte ihn heraus, teilte ihn mit Freunden - bis irgendwann nur noch ein gelegentliches Krächzen übrig war.

Mittlerweile ist dieser ach so gefürchtete Moment erstaunlich normal. Unspektakulär. Wie wenn ich eine neue Bewegung ausprobiert hätte, und sie hat nicht auf Anhieb geklappt. Ein schon fast nüchternes Anerkennen der Situation, Analysieren der Hintergründe und Lernen für den nächsten Anlauf. Kein Drama, kein Hin- und Herwälzen; Abhaken.

Und ein tiefes Glücksgefühl darüber, es probiert zu haben. Eine große Vorfreude auf den neuen Start.

Das, was ich langsam realisiere: Ich mag zwar, auf dem Papier, keinen Erfolg gehabt haben - aber allein der Versuch hat mich dazu geführt, mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu leben.

Langsam verstehe ich, dass DAS der entscheidende Punkt dieser letzten 1,5 Jahre war: Unabhängig vom beruflichen/wirtschaftlichen Erfolg/Misserfolg - all die Dinge zu finden, die ich wirklich in meinem Leben und meinem Alltag haben will. Keine Zeit mehr zu verschwenden. Nicht mehr, wie früher, dieses nagende Gefühl, ferngesteuert zu sein und nur noch zu funktionieren. 

Das heißt nicht, dass immer alles perfekt und rosarot ist - im Gegenteil; die letzte Zeit war geprägt von deutlichen Einschränkungen im finanziellen und von einigen heftigen Herausforderungen im privaten Bereich. Aber gerade die Einschränkungen haben meinen Fokus und meine Prioritäten laserartig geschärft und mein Leben in gewisser Weise weniger kompliziert gemacht. Ein Gefühl von Entsagung war das ganz und gar nicht.

Und um es nochmal ganz klar zu sagen: Es ist in einem Land wie unserem verdammt schwer, irgendwann total pleite auf der Straße zu landen - falls das das einzige ist, was Dich noch von der Selbständigkeit abhält. Und das meine ich nicht in einem anspruchsberechtigten Sinne - sondern dahingehend, dass es genug Möglichkeiten gibt, sich vorzubereiten und sich finanziell für einen solchen Schritt sinnvoll abzusichern. Aufbauen von Rücklagen über die Lebenshaltungskosten eines Jahres und Einzahlen in die Arbeitslosenversicherung sind Grundbausteine; Gründer-Förderprogramme und Investoren werden sich für ein gut ausgearbeitetes Geschäftsmodell immer finden.

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Das hier ist also, trotz Scheitern, ein leidenschaftliches Plädoyer für das Scheitern.

Oder vielleicht einfach dafür, sich die Möglichkeit des Scheiterns bewusst offenzuhalten - denn nur dann ist man im Kopf frei genug, um mit voller Kraft den eigenen - hoffentlich möglichst verrückten - Ideen nachzugehen, und sie nicht mit Kompromissen zu verwässern. Es mag dauern, bis sie wirtschaftlich etwas abwerfen. Aber irgendwann werden sie es. Scheitern ist ein guter Indikator dafür, dass man wirklich neues Terrain betreten hat - und dass es nur noch eine Frage der Zeit ist.

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"Success is going from failure to failure without losing your enthusiasm." (Winston Churchill)*

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*Zitate aus dem Wait But Why-Post über Elon Musk

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