66 - "Work Over Your Head"

Es gibt so eine allgemeingängige Vorstellung vom Lernen, nach der alles irgendwie in Stufen abläuft. Wenn man eine Stufe gemeistert hat, dann erklimmt man die nächste usw. Auf jeder Stufe sollte die Herausforderung idealerweise ausgewogen sein: d.h. weder über- noch unterfordernd.

Nur leider funktioniert das Ganze so nicht. Oder sagen wir, es ist eine eher umständliche und langwierige Form des Lernens. Und die meisten von uns wissen das auch - vielleicht nur nicht so ganz bewusst.

Denn wirklich effektives Lernen - bewegt sich überwieged am oberen Ende der Überforderung.

So richtig bewusst geworden ist mir das vor einiger Zeit am Beispiel des Tanzenlernens. Wenn man als Erwachsener Tanzen lernen will, dann hat man typischerweise nicht ganz so viel Auswahl wie Kinder, wenn es um verschiedene Könnens-Kursstufen geht. Was im Grunde ein großes Glück ist - wenn man weiß, wie man es zu nehmen hat.

Hier ein Beispiel: Ich habe letztes Jahr mit Ballett angefangen; nach ein paar Monaten in den Anfänger- und leicht fortgeschrittenen Stunden war meine begrenzte Technik bei Weitem noch nicht besonders toll. Außerdem fehlte mir auch das Repertoire, um in die Stunden mit einem höheren Level zu gehen. Da mich dieses höhere Level trotzdem reizte, probierte ich es dennoch. Ich war komplett überfordert, und oft genug ziemlich frustriert. Aber ich probierte es weiter.

Das Ergebnis: Ich wurde schlagartig deutlich besser in den Anfänger- und leicht fortgeschrittenen Stunden. Und etwas langsamer, über längere Zeit hinweg, schließlich auch in der eigentlichen Stunde mit dem höheren Level.

Steven Pressfield schreibt in seinem mehr als empfehlenswerten Buch "Turning Pro", in dem Kapitel "Work Over Your Head", speziell über das Schreiben:

The place we write from (or paint from or compose from or innovate from [Anm.: or dance from!]) is far deeper than our petty personal egos. That place is beyond intellect. It is deeper than rational thought.
It is instinct.
It is intuition.
It is imagination. [...]
You and I can do it, too. We can work over our heads. Not only can we, but we must. The best pages I've ever written are pages I can't remember writing.

Ich glaube genauso wie Pressfield, dass diese Art von regelmäßigen Einlassen auf Überforderung unsere inneren Rationalisierungen zusammenbrechen lässt, unsere Kontrollmechanismen und jene Blockaden, die aus der Besorgnis darüber entstehen, etwas nicht hinzukriegen. Dieses tiefe Fallenlassen ins Tun und Lernen lässt sich auch weniger mystisch durch neuroplastische Vorgänge erklären - aber in beiden Fällen erschließen wir etwas, was uns bei immer nur ausgewogenen Herausforderungen verschlossen bleibt.

Und wie gesagt - vielleicht ist der Lern-/Veränderungsfortschritt nicht auf Anhieb sichtbar, oder er zeigt sich zunächst in anderen Bereichen. Und natürlich braucht es auch Pausen von der Überforderungen und Zeit für Konsolidierung des Gelernten. Aber wenn wir in der Überforderung mehr ein Spiel sehen als unsere eigene Unzulänglickeit - dann wird auf einmal viel mehr und viel schneller möglich.