67 - Nochmal: die Macht einfacher Gewohnheiten.

Bei einem Bewegungsseminar, das ich vor Kurzem besucht habe, ging es irgendwann darum, wie man eine Handstand-Progression aufbaut. Ein Punkt, den der Referent illustrieren wollte: Wie viel Zeit und Wiederholungen das Erlernen des Handstands braucht. Er erinnerte uns daran, wie Kinder sicher gehen lernen - dass Sie nämlich jahrelang, jeden Tag, in im Grunde jeder freien Wachminute sich in irgendeiner Form mit dem Laufen beschäftigen. Und wir erwarten nun ernsthaft, mit 4 x 1 Stunde pro Woche Handstandtraining auf den Händen in absehbarer Zeit diesen Balanceakt zu schaffen?

Und erwarten wir das nicht in ganz vielen Bereichen? 2 x pro Woche trainieren, um fit und/oder gesund zu werden? Drei Stunden pro Woche Englischunterricht, um eine Fremdsprache zu lernen? 20 Kniebeugen oder Klimmzüge pro Woche für mehr Kraft und Beweglichkeit?

Sorry, das funktioniert nicht.

Ich hätte es kaum für möglich gehalten, aber diesen Artikel schreibe ich komplett in der tiefen Hocke (Kniebeuge).

Noch vor ein paar Wochen hätte ich das spätestens nach ein paar Minuten verdammt unbequem gefunden - obwohl mein Bewegungsspektrum (Tanzen, Bewegungstraining) auch diese Position beinhaltete. Aber halt nur mal schnell runter und wieder hoch. Erst als ich vor Kurzem begann, jeden Tag mehrere Minuten am Stück in dieser Position zu verbringen, entwickelte sich diese Position tatsächlich zur Ruheposition.

Und so ist es mit allem: Dinge schleifen sich dann ein, wenn man ein entsprechendes Umfeld für sie schafft und sie zu sehr einfachen und im Alltag verankerten Gewohnheiten werden. Und zwar so, dass man sich nicht mehr überwinden muss, ja eigentlich kaum noch an sie denkt, weil sie so selbstverständlich geworden sind.

Jedes mal in die Kniebeuge zu gehen, wenn man anfängt am Rechner zu arbeiten, oder wenn man irgendwo wartet, oder telefoniert - sehr einfach. Jedes Mal sich an eine Klimmzugstange hängen, wenn man unter ihr durch den Türrahmen geht - ebenso.

Die Macht einfacher Gewohnheiten isst "regelmäßiges Training" wortlos zum Frühstück. Und wenn man sich einmal damit versöhnt hat - dann ist das unheimlich befreiend.