68 - Ein wahres Inklusionsmärchen.

Inklusion ist kein Konzept - es ist eine zutiefst menschliche Haltung.

Man kann keinem Inklusions-Plan folgen, man kann Inklusion nicht ein- und ausschalten.

Wenn sie gelingt, berührt es - wenn nicht, gibt es noch etwas zu lernen. Inklusion kann nicht "scheitern", denn sie ist niemals zu Ende.

Der folgende Bericht über eine Sporterfahrung meines Sohnes soll zeigen, dass Märchen wahr werden können - oder eher, dass Märchen im Grunde aus einer Vielzahl kleiner und unspektakulärer Schritte, Flexibilität, Beharrlichkeit und Geduld entstehen.

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Wer weiß, vielleicht war es ursprünglich sogar Peer Pressure, der mich über Vereins-Sportmöglichkeiten für meinen Sohn nachdenken ließ. Unabhängig von seiner Körperbehinderung hat er sich, wie andere Kinder auch, schon immer gerne und viel bewegt; und es war eine Zeit, zu der viele seiner Freunde mit sportlichen Aktivitäten begannen.

Neben Bewegung aller Art hatte er schon seit Babyzeiten ein besonderes Faible: Erst Planschen und Baden, irgendwann dann Schwimmen. Der Auftrieb des Wassers gibt ihm eine Bewegegunsfreiheit weit über die an Land hinaus. Im Schwimmbad fällt er, wenn man nicht ganz genau hinschaut, bewegungstechnisch kaum auf.

Also begann ich über Schwimmtraining-Möglichkeiten nachzudenken. Mein erster Ansatz, wie immer - einen ganz normalen Verein zu finden und zu sehen, ob er dort am ganz regulären Training teilnehmen könnte.

Ich fragte in meinem Sport-Ex-Kollegen-Kreis nach, und hatte nach kurzer Zeit eine konkrete Vereins-Empfehlung. Ich schrieb eine Email mit einer kurzen Erläuterung zur Situation meines Sohnes und seines Schwimm-Hintergrundes und der Frage, ob er einfach mal, ganz unverbindlich, zur Probe an einem Training teilnehmen dürfte.

Keine Antwort auf meine Nachricht. Etwa vier Monate später schrieb ich erneut. Wieder keine Antwort. Zwei Wochen nach meiner zweiten Mail rief ich in der Geschäftsstelle des Vereins an und hakte nach.

Ich wurde sehr freundlich empfangen, und die Trainerin bot mir nach einem kurzen Gespräch an, dass mein Sohn vorbeikommen könnte. Das Training war in einem Schwimmschulbad bei uns um die Ecke (auch ein Vorteil von Inklusion: Keine ewig langen Wege zu irgendwelchen speziellen integrativen Angeboten).

Mein Sohn schwamm also ein paar Tage später, von der Trainerin beobachtet, munter drauflos. Das Schwimmbad war mit mehreren großen Trainingsgruppen supervoll an dem Tag; als mein Sohn fertig war, erwischte ich die Trainerin daher nur noch ganz kurz, da sie bereits mit den nächsten Trainingsgruppen voll zu Gange war. Ich wollte mich nur schnell verabschieden und ihr anbieten, dass ich sie einfach die Woche drauf nochmal anrufen könne, damit wir in Ruhe sprechen und ich sie nicht jetzt im Trainingsgeschehen stören müsste.

Bevor ich etwas sagen konnte kam sie mit einem leicht entschuldigenden Blick auf mich zu und sagte wie aus der Pistole geschossen, dass wir nicht mehr wiederkommen können. Sie habe einfach nicht genug Trainerpersonal, um sich ausreichend um meinen Sohn kümmern zu können (suggerierend, dass er besonderer Unterstützung bedürfe).

Ich war komplett verdattert. Damit hatte ich NULL gerechnet - das Training hatte ich als gar nicht so schlecht wahrgenommen. Ich war sprachlos und schaute sie nur mit großen Augen an. Ein wenig begann ich mich sogar zu schämen - hatte ich die Fähigkeiten meines Sohnes tatsächlich so sehr idealisiert? War ich eine von den Müttern, die völlig falsche Vorstellungen vom Können ihres Kindes haben?

Irgendwann stammelte ich dann eine Verabschiedung; sie begann sich wieder um ihre anderen Schwimmer zu kümmern. Nachdem ich meinem Sohn beim Duschen und Umziehen geholfen hatte und wir endlich draußen waren, kamen mir die Tränen.

Mein Sohn nahm es nicht so tragisch. Ich weiß nicht, ob es ihn tatsächlich nicht so sehr traf, oder ob er sich einfach nicht so sehr damit auseinandersetzen wollte. Oder ob er einfach nur voller Vorfreude auf den Besuch des Frühlings-Volksfestes war, den ich ihm für nach dem Training versprochen hatte. Trotz strömenden Regens. Eine durchaus passende Kulisse zu meiner Stimmungslage in dem Moment.

Ich verwarf den Gedanken, die Trainerin nochmal anzurufen - ich war einfach zu sehr getroffen. Stattdessen begann ich, mich nach anderen Trainingsoptionen umzusehen. Es gab noch einen anderen Schwimmverein; und auch wenn die Trainingsorte für uns sehr ungünstig lagen, so war ich drauf und dran, meinen Sohn trotzdem dort das Trainieren probieren zu lassen.

Kurz bevor es so weit war, kam mir noch ein Gedanke. Ich hatte meinen Schmerz über die Trainings-Abfuhr mittlerweile ausreichend überwunden und fand, dass es nicht schlecht wäre, mir ein Feedback von der Trainerin einzuholen. Vielleicht könnte sie mir sogar sagen, wass mein Sohn können müsste, um irgendwann in der Zukunft wieder bei ihr trainieren zu können - in der Zwischenzeit könnte er seine Schwimmfähigkeiten in jenem anderen Verein aufbauen.

Gesagt, getan. Ich fasste meinen Mut zusammen und rief sie an.

Was dann passierte, haute mich von den Socken. Als ich sie am Telefon hatte und ihr erklärte, wer ich war, begann sie sich in einer sehr warmen und ehrlichen Weise zu entschuldigen. Sie sagte, dass sie an jenem Trainingstag mit der Masse der Kinder total gestresst gewesen war, und zu dem Zeitpunkt absolut keinen Weg gesehen habe. Mit dieser Reaktion hatte ich absolut nicht gerechnet; eine Dankbarkeit überkam mich, dass sie uns so in Erinnerung behalten und die Größe hatte, sich zu entschuldigen. Nachdem ich meine Idee mit ihr geteilt und gefragt hatte, ob sie mir eine Art Liste von notwendigen Schwimmfähigkeiten für die Teilnahme am Training geben könnte, fing sie an zu überlegen. Sie murmelte ein wenig vor sich hin und kam dann mit folgendem Plan: Mein Sohn könne doch wieder ins Training kommen; sie würde immer ein wenig vor dem offiziellen Trainingsbeginn da sein, und sich in diesen ersten Minuten nur um ihn kümmern.

WOW. Was für ein großzügiges Angebot - ich bedankte mich überschwenglich. Über die nächsten Wochen kamen noch zwei andere Kinder in diese Trainings-Kleingruppe - und während des offiziellen Trainings, bei dem sich die Trainerin dann wieder um die eigentliche Gruppe kümmerte, arbeitete ein junger Assistenztrainer mit den "Frühschwimmern" auf einer eigenen Bahn.

Der Höhepunkt: Als mein Sohn beim letzten Traning vor den Sommerferien das erste Mal kurz mit der Gruppe der "großen" Kinder mittrainieren durfte. Sein stolzer Blick sprach Bände.

Aber wie in einem echten Märchen - kam, wie so oft, die nächste Hürde.

Nach den Sommerferien änderten sich die Aufteilungen der Trainingsgruppen und -zeiten. Mein Sohn durfte prinzipiell weiterschwimmen - aber die Trainerin wollte, dass er zu einem Anfänger-Schwimmkurs dazukommen sollte. Zwar würde er dort besser schwimmen als die anderen Kinder - aber ihre Idee war, dass sie in dieser sehr kleinen Gruppe, dadurch, dass sie auch selbst mit ins Wasser gehen würde, gezielter mit ihm arbeiten könnte. Ich fand ihr Angebot erneut sehr durchdacht und großzügig - und auch wenn dieses Training am anderen Ende der Stadt lag und uns wahnsinnige Fahrtzeit kosten würde, beschloss ich, meinen Sohn weiter zu unterstützen und ihn einmal pro Woche dorthin zu bringen.

Nach etwa drei Wochen hatte mein Sohn alle Lust am Schwimmen verloren. Er wollte partout nicht mehr ins Training. Ich konnte nicht rausfinden, was los war und was ihn störte; ich erinnerte ihn an das Committment, das wir gegenüber der Trainerin hatten und wir vereinbarten trotzdem zu fahren. Bis er dann, dort angekommen, partout nicht ins Wasser wollte. Es hatte keinen Sinn - immerhin wollte er zumindest vom Beckenrand aus zuschauen.

Die Trainerin sprach mit ihm; und auch ich versuchte weiterhin herauszukriegen, was ihn eigentlich störte. Ich hatte ein paar vage Vermutungen. Auf der einen Seite waren wir beide ziemlich fertig von der langen und umständlichen Fahrt dorthin - sowie von dem sehr anstrengenden Zugang zu einer nicht barrierefreien Schwimmstätte. Auf der anderen Seite, das war zumindest mein unterschwelliges Gefühl, war ihm einfach nicht ganz wohl mit dem neuen Trainings-Arrangement, in dem er schon wieder eine Sonderrolle hatte: dadurch, dass er nicht ins reguläre Trainingsangebot durfte, sondern Teil eines Anfängerschwimmkurses war. Ich weiß, dass er mit Frust darauf reagiert, wenn seine körperliche Andersartigkeit dazu führt, dass er zu sehr "geschont" wird, oder besonders große Aufmerksamkeit erfährt. Das, was von außen wie eine paradiesische Förderung aussieht - erlebt er in gewisser Weise als Unterforderung.

Wieder rief ich die Trainerin an. Wir überlegten gemeinsam, was da los sein könnte, und ich teilte ehrlich, aber absolut nicht anmaßend meine Gedanken zu der beschwerlichen ÖPNV-Anfahrt und zu seiner Sonderrolle. Ich stellte klar, dass dies meine Vermutungen waren und nicht etwa gesichertes Wissen. Ich merkte, dass wir eine gute Gesprächsbasis hatten - es ging ganz und gar nicht darum, um jeden Preis etwas für meinen Sohn durchzuboxe oder sich krampfhaft auf den Inklusionsansatz zu versteifen; im Gegenteil, ich war sogar darauf gefasst, dass dieser Schwimmtrainingsversuch dem Ende zugehen könnte. Wir waren einfach zwei Menschen, die sich austauschen und gemeinsam kreativ überlegten, welche Hintergründe eine Rolle spielen und wie wir die Situation für meinen Sohn wieder stimmiger hinkriegen könnten.

Irgendwann begann sie wieder ein wenig vor sich hinzumurmeln - und beschloss, dass mein Sohn wieder in das ursprüngliche Training kommen sollte. Erneut ein wenig vor Beginn der offiziellen Trainingszeit - diesmal aber nur ganz kurz davor, und er würde einfach ein eigenes Trainingsprogramm bekommen, während sie sich um die regulären Trainingsgruppen kümmert. Und dann würden wir einfach wieder schauen, wie es läuft.

Mein Sohn war erleichtert. Noch nicht hellauf begeistert, aber zumindest wieder interessiert, ins Training zu kommen.

Als er, wegen der Herbstferien nach insgesamt drei Wochen Pause, wieder kam, wird er von der Trainerin total warm empfangen. Es war berührend zu sehen, wie sehr sie sich freute, ihn zu sehen. Man sah an seinem Gesicht, wie seine Motivation dadurch auf einmal ansprang. Schnell half ich ihm beim Umziehen und auf ging's ins Wasser.

Was dann passierte, werde ich nie vergessen. Da es nach langer Zeit wieder das erste Training in diesem Schwimmbad war, blieb ich zum Zuschauen. Ich saß, wie üblich, ein wenig am Rand und hatte mir etwas zu lesen und arbeiten mitgenommen. Die Trainerin ging wie immer vom Beckenrand aus neben ihm her - und kam auf einmal aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Ihr Blick wurde ungläubig. Sie sagte irgendwas von "Das gibt's doch nicht...", wurde wieder sprachlos. Ich wusste erst nicht so ganz, was los war - bis sie schließlich zu mir sagte, dass mein Sohn einen kerngesunden und soliden Beinschlag habe. Er hatte auch zuvor seine Beine bewegen können - aber es war immer etwas eingeschränkt und unregelmäßig gewesen.

Sie schaute mich immer wieder an, fassunglos. Irgendwann meinte ich zu sehen, dass ihre Augen ein wenig gerötet waren. Dazu muss man wissen, dass sie eine dieser wahnsinnig toughen Trainerinnen ist - mit einer großen Herzenswärme zwar, aber auch einem hohen Anspruch. Der Sprung, den mein Sohn gemacht hatte, muss für sie enorm gewesen sein. Sie sagte sogar, dass sie ihn völlig unterschätzt habe.

Ich dachte an die drei Wochen Pause. Mir fiel auf einmal ein, wie mein Sohn irgendwann zu Hause, zwischendurch, völlig unwillkürlich, beim Spielen vor sich hingemurmelt hatte: "Anziehen, öffnen, großen Kreis...." - genau die Worte, die sie gebetsmühlenartig beim Unterrichten in Bezug auf die Beine wiederholt. Sein Gehirn hatte offenbar schwer gearbeitet, während der mehrwöchigen Schwimmpause.

Und wie es dann so manchmal ist, kommt eins zum anderen. Nachdem ich beobachtet hatte, dass einige der älteren Trainingsgruppen mit ihrer Aufwärmroutine ein wenig allein waren, bot ich an, in der Zukunft das halbstündige Warm-up zu übernehmen. Und während ich das die Woche drauf das erste Mal tat -

- erfuhr ich hinterher, dass mein Sohn gerade sein Bronze-Schwimmabzeichen erfolgreich bestanden hatte. (Ich glaube er erfuhr es auch erst hinterher - er dachte er schwimmt jetzt halt ein paar Bahnen.) Diesen Riecher, den die Trainerin da hatte; das Gespür für das richtige Timing - d.h. ihn nicht zu überfordern, aber zum richtigen Moment einen Motivationsschub zu geben - werde ich ihr auch nie vergessen.

Egal, wie sich das Ganze weiterentwickelt. Vielleicht schafft er irgendwann den Anschluss an eine Trainingsgruppe - vielleicht auch nicht; vielleicht will er irgendwann mehr schwimmen - vielleicht aber lieber aufhören. Aber allein das, was bisher war - hat ihn enorm gestärkt. Ihm gezeigt, wie das Leben, mit allen Hürden und Zähigkeiten funktioniert - und eben nicht immer ein gut gepolsteter Schonraum ist. Vor allem aber, dass er auf sich vertrauen kann, und manche Dinge einfach Zeit brauchen.

Vielleicht hat diese Entwicklung auch alle anderen Beteiligten - Trainer, andere Kinder, zuschauende Eltern - erfahren lassen, was möglich ist. Und sie berührt. Auch ihnen gezeigt, dass sie auf sich vertrauen können, und dass manche Dinge einfach Zeit brauchen.

Märchen entstehen halt nicht von ungefähr - sondern in kleinen Schritten, zahlreichen Wiederholungen, ehrlichen Gesprächen und regelmäßigen Pausen.