69 - Die eigene Reputation zerstören, bevor man sie verteidigen muss.

Was ist die größte Angst, die Menschen davon abhält, ihr eigenes Ding zu machen?  Z.B. ihren Job zu kündigen, wild zu tanzen, etwas ehrlich anzusprechen, sich durch die Gegend zu vögeln, eine verrückte Geschäftsidee zu verfolgen, etwas Authentisches zu schreiben?

Natürlich ist es die Angst vor dem, was andere Menschen von einem denken könnten.

Die Meinungen, moralischen Urteile und Kommentare anderer sind ein knallenges Zaumzeug für die eigene Schaffenskraft, für die vielen potentiellen Handlungsimpulse und gewagte Visionen.

Wir sind pausenlos mit dem Bild, was andere von uns haben sollen, beschäftigt. Im Kleinen wie im Großen. Auch die, die uns nahe stehen, Familie und enge Freunde, sollen uns in einer bestimmten Art und Weise sehen. Unsere Facebook-Kontakte sowieso. Genauso wie die Kollegen und der Chef. Jeder hat so seine persönlichen Attribute, die er für ehrbar hält - z.B. kompetent, intelligent, gutaussehend, elegant, bescheiden, zuverlässig, durchsetzungsfähig, integer, moralisch korrekt, künstlerisch, gepflegt.

Meistens halten wir die Attribute, auf denen unsere Reputation basieren soll, für so selbstverständlich und richtig - dass wir gar nicht mehr merken, wie sehr sie uns gefangen halten. Wie sehr sie uns davon abhalten, ganz anders, immer wieder verschieden und dann wieder das Gegenteil zu sein. Dem Ich ein befreiendes Attribute-Chaos zuzugestehen.

Und nicht nur halten sie uns gefangen - sie kosten uns Kraft. Eine Reputation muss immer wieder poliert werden; man muss Unerwünschtes verdecken und lebt in der ständigen Sorge, dass doch jemand dahinter kommen könnte, dass die perfekte Fassade leider nicht echt ist.

Daher blieb mir gestern ein wenig der Mund offen stehen, als ich über einen Facebook-Post von Bestseller-Autor und 4-Stunden-Protagonist Tim Ferriss stolperte. Er hatte, sturzbetrunken, ein spontanes Follower-Q&A gestartet - und sich beim Antworten der Fragen gefilmt. Das Video zeigt ihn also selig lächelnd, mit leichten Artikulationsschwierigkeiten, auf Kunsfellkissen liegend, im Gespräch mit seinen Fans.

Shit-faced drunk in Sweden. Ask me anything...

Posted by Tim Ferriss on Friday, November 20, 2015

Meine ersten Impulse waren: Muss das sein? Warum kann er nicht einfach in Ruhe nicht-öffentlich betrunken sein? Nicht gerade ein tolles Vorbild? Würdelos sogar?

Bis ich merkte, was ich ihm stillschweigend an Attributen impliziert hatte: Nämlich, dass man sich benehmen sollte; dass man ein Vorbild sein sollte, wenn man in der Öffentlichkeit steht; dass man gewisse Niveaus nicht unterschreiten darf, und dass ein einigermaßen erwachsener, erfolgreicher und intelligenter Mensch so etwas nicht nötig hat.

Und als ich mich bei diesen "sollte"s ertappte, kam ich hinter seiner Gründe für diesen Post. Er sagt es sogar selbst an einer Stelle: Es ging ihm darum, seine Reputation regelmäßig zu ruinieren - damit er sich keine Gedanken um sie machen muss. Damit er ALLE Facetten von sich zeigen kann - auch die, in denen er halt immer wieder mal betrunken ist.

Ein wenig extrem vielleicht - aber nur, wenn man an seinen eigenen Attributs-Vorstellungen und moralischen Rechtfertigungen festhält. Wenn man diese loslässt - dann ist es einfach ein ganz normaler Facebook-Post eines ganz normalen, nicht-perfekten Menschen.

Das ist jetzt kein Aufruf, sich zu betrinken und dann Videos von sich zu posten. Außer Du hast Lust darauf, dann auf jeden Fall! Vielmehr soll das eine Anregung sein, ein wenig bewusster an der Zestörung des guten Rufs zu arbeiten. Roh, überraschend, unerwartet, chaotisch und das Gegenteil von all dem zu bleiben.

Ich weiß: Es ist nicht gerade der bequemste Weg. Ich applaudiere jedem, der sich traut. Aber das, was dann entsteht, könnte richtig spannend werden.