70 - Nicht jede Nase muss sich erkälten.

Ich finde es, wie schon oft geschrieben, spannend, immer wieder aufs Neue vermeintlich unverrückbare Gesundheitsannahmen zu überprüfen. Z.B. ob man wirklich körperlich verfallen muss, nur weil man älter wird. Oder ob bestimmte Kranhkeiten/Syndrome wirklich unheilbar sind. Ob Frauen wirklich immer Menstruationsbeschwerden haben müssen.

Eine dieser Annahmen, die wunderbar zur Jahreszeit passt: Dass Schnupfen und Erkältungen einfach dazu gehören, vor allem zu bestimmten Zeiten des Jahres. Nach der Wiesn zum Beispiel, oder auch jetzt.

Prinzipiell ist das vielleicht kein so Riesenproblem - es anzuschauen lohnt sich aber, da der Zusammenhang zwischen dem Zustand der oberen Atemwege viel größer ist als man auf den ersten Blick vermuten würde. Außerdem ist die Verbreitung sehr hoch: Viele Menschen machen nun mal die Erfahrung, dass sie mindestens einmal im Jahr erkältet sind, oder dass sie eine Erkältung nicht mehr aufhalten können, wenn sich bestimmte Anzeichen erstmal eingestellt haben.

Ich habe persönlich einen engen Bezug zu dem Thema - denn für mich war es, so weit wie ich mich einigermaßen zurückerinnern kann, normal, eher mindestens zwei Mal im Jahr eine Erkältung oder irgendeinen Infekt der oberen Atemnwege zu haben. Dieses Jahr ist das erste, wo es nicht so war - und genau das hat mich bewogen, genauer über die Gründe dafür nachzudenken.

Fangen wir mit ein paar Fakten an - und zwar über die Nase. (Im Folgenden zitiere ich aus dem Buch "Recognizing and Treating Breathing Disorders" von Leon Chaitow et al. - im Speziellen aus dem Kapitel "Nasal influences of breathing" von Jim Bartley.)

  • Das Atmen durch die Nase ist eine superwichtige Voraussetzung für Gesundheit im Allgemeinen. Den meisten Menschen ist bekannt, dass die Nase vor allem dafür sorgt, die einströmende Atemluft anzuwärmen, zu befeuchten, zu filtern und eine erste Barriere für Krankheitserreger zu bilden. Was vielleicht weniger bekannt ist: Die Nasenatmung reguliert außerdem das Lungenvolumen sowie den Sauerstoff- und Kohlendioxid-Gehalt des Blutes. Das funktioniert im Grunde ganz mechanisch: Die Passage durch die Nase setzt der Luft einen doppelt so hohen Widerstand entgegen als die Atmung durch den offenen Mund. Da der Gasdruck im Blut das physiologische Milieu des Körpers beeinflusst - ist eine saubere Atmung durch die Nase Voraussetzung für eine gesunde Homöostase.
  • Die Nase geht auch außerhalb von Schnupfenzeiten durch Zyklen von Schleimbildung und -Abtransport. Die Schleimhäute der Nasenmuschel und Trennwand haben eine ordentliche Blutversorgung (was man merkt, wenn die Nase mal was abkriegt) und durchlaufen periodische Phasen von "Verstopfung" und "Entstopfung", die die Nasenhöhlen abwechselnd füllen und wieder entleeren. Ein Zyklus dauert etwa 1 bis 7 Stunden - und wird normalerweise nicht bemerkt, da sich an dem Luftwiderstand fürs Atmen nichts ändert, und der sich entleerende Schleim unbemerkt in den Rachen abfließt und von dort aus mit dem Speichen verschluckt wird. Übrigens sind auch Schlafphasen an diesen Nasenzyklus gekoppelt. Der Hintergrund für diesen Schleimzyklus ist noch nicht so ganz geklärt - man nimmt aber an, dass es eine ziemlich gute Waffe des Immunsystems darstellt. Auf jeden Fall ist es also nichts ungewöhnliches, wenn man zu bestimmten Zeiten mal etwas Schleim in und um die Nase bemerkt - es kann einfach ein jahreszeitlich bedingter (z.B. Kältereiz) verstärkter, aber sonst ganz normaler Zyklus der Nase sein.
  • Es gibt eine Reihe von Mechanismen, die die oberen mit den unteren Atemwegen verbinden - vaskuläre (Entzündungen der Nasenschleimhäute führen zu "Spiegel-"Entzündungen in der Lunge) und mechanische (Konstriktion der Bronchien nach einem mechanischen oder chemischen Reiz in den oberen Atemwegen). Das heißt, dass eine gute Nasenfunktion Voraussetzung für eine gute Lungenfunktion ist - und vice versa. Dies spielt übrigens auch bei klassischen chronischen Konditionen wie Asthma eine große Rolle - es lohnt sich in solchen Fällen, die Nase genau anzuschauen (strukturelle/funktionelle Probleme).

Mit diesem Exkurs wird klar: Die Nase ist nicht einfach ein Kanal für den Atem - sondern in sensibler Beziehung zu allem, was unter ihr passiert (und über ihr - über Geruch/Sensorik haben wir noch gar nicht gesprochen).

Ganz direkt und persönlich habe ich das erfahren, als ich über das letzte Jahr mit vielen Folgeinfekten der oberen Atemwege nach einer schweren Lungenentzündung zu tun hatte. Nach und nach viel mir auf, dass eine Nasenseite bei mir chronisch dicht war. Wenn ich das andere Nasenloch zuhielt, konnte ich nicht mehr durch die Nase atmen. Schleim lief dabei keiner ab - es war gefühlt einfach eine starke Verstopfung. Meine HNO-Ärztin sah im MRT, das ich in einer asymptomatischen Zeit (keine Erkältung o.ä.) machen ließ, eine deutliche Schwellung in der Stirnhöhle der "dichten" Seite.

Normalerweise wird so etwas gerne medikamentös gelöst (abschwellende Nasensprays, die man möglichst kopfüber einsprüht, um das Spray möglichst tief zu kriegen), oder irgendwann operativ (Vergrößern der Schlitze, damit aufgestautes Sekret ablaufen kann). Keine so tollen Optionen, auf die Dauer - daher war ich froh als ich darauf kam, dieses Problem strukturell zu behandeln. Denn natürlich kann man die Nase und die Atemwege genauso manuell bearbeiten wie andere Strukuturen auch - und ich hatte einen Rolfer, der sich damit gut auskannte.

Es funktionierte nicht sofort. Zunächst verschob sich die Nasenverstopfung einfach von der einen zur anderen Seite. Erst nach ein paar Sitzungen und Arbeit an dem damals von der Lungenentzündung betroffenen Lungenflügel verschwand die chronische Dichtheit.

Bevor man also dauerhaft Nasensprays anwendet oder sich unters Messer legt, sollte man es erstmal mit einem Manualtherapeuten versuchen - definitiv die weniger invasive Variante.

Und etwas anderes hat geholfen - Bewegung, natürlich!, bewusstes Entspannen der Gesichtsmuskulatur und tiefes Atmen. Z.B während meiner Meditationszeit oder vor dem Einschlafen. Auch dafür gibt es eine Erklärung:

"Oscillatory compressive stresses (as opposed to a constant airway pressure) increase adenosine triphosphate (ATP) release onto the airway surfaces. This activates apical purinoceptors, increasing liquid secretion and accelerating mucociliary clearance. For optimal function nasal and lung epithelia need exposure to oscillatory stresses. The beneficial effects of physical and deep-breathing exercises upon respiratory tract health may also be due to the action of oscillatory air pressures improving airway hydration and mucus clearance."

Das ist auch der Grund, warum einem bei Bewegung eher mal die Nase läuft. (Im Grunde ist das Ganze eine Analogie zu der Wirkung von Bewegung und Atmung auf den Darm, und dem positiven Effekt auf den Nahrungstransport!)

Und noch eine Maßnahme kann helfen: Ausreichende Befeuchtung. Salzspülungen (z.B. Neti-Kännchen oder Nasenduschen) oder auch Meerwassernasenspray können in trockenen und kalten Zeiten helfen, und auch chronische Schwellungen reduzieren.

Schnupfen, Erkältungen und chronischen Schwellungen ist man also nicht hilflos ausgeliefert - mit ein wenig Wissen und einfachen Maßnahmen kann man die Nase dauerhaft gesund und frei halten.