75 - Bewegungsqualität entsteht (und verschwindet) im Kopf.

Seit gestern ist mein Respekt für Bühnentänzer und -performer aller Art um ein Vielfaches gestiegen.

Gestern stand ich nämlich selbst zum allerersten Mal tanzend auf einer Bühne. Auf einer sehr dankbaren: Einmal jährlich veranstaltet mein Tanzstudio ein Showcase, bei dem die Kurse ihre Choreografien zeigen. Ein schönes Potpourri aus Jazz, Modern, Ballett, Hiphop, Gesang und Schauspiel.

Klar hatte ich ein wenig Lampenfieber. Und es war tatsächlich so, dass Schritte, die im Training und während der Proben gut geklappt hatten - plötzlich sehr holprig bis fast blockiert waren. Es war ein wenig wie in eine unterbewusste Deckung zu gehen - oder zu versuchen, in einem gewissen Rahmen zu bleiben.

Im Nachgang musste ich daran denken, dass Lampenfieber nichts anderes als Fight-or-Flight-Reaktion ist; eine Hochregulierung des Sympathikus also. Erstaunlich eigentlich, oder - dass einfach die Präsenz zuschauender Menschen für den Körper eine Gefahrensituation darstellt. Der Wunsch nach Bestätigung; sich anderen von der besten Seite zu zeigen, sie zu beeindrucken ist in unserem Nervensystem so fest verankert, dass selbst eine Tanzschulaufführung alle physiologischen Register zieht. Reine Evolutionsbiologie: Wir sind darauf gepolt, nicht aus der schützenden Gemeinschaft verstoßen zu werden - und für den primitiveren Teil unseres Gehirns könnte eine schlechte Performance dafür schon ausreichen.

Tja, und mit der Hochregulierung des sympathischen Nervensystems kommen die bekannten Symptome: beschleunigter Puls, erhöhter Blutdruck, erhöhte Schweißdrüsensekretion, erhöhter Stoffwechsel. (Auch das Runterfahren der Verdauung - daher ist Lampenfieber oft von Magen-Darm-Symptomen begleitet.).

Da der Körper eine Aktivierung auf Kampf oder Flucht erfährt, gibt es noch eine etwas weniger erwünschte Nebenerscheinung: Die Bewegungspräzision nimmt ab, genauso wie sich der Abruf komplexer Bewegungsabläufe verschlechtert. Genau das ist der Grund für Blackouts oder fehlendes Gleichgewicht z.B. bei Choreografien, die zuvor sicher saßen.

Wie gesagt, reine Evolutionsbiologie - also nichts, worüber man sich ärgern müsste.

Denn natürlich ist für jemanden wie ich, die zum ersten Mal auf der Bühne stand, die körperliche Reaktion auf das Ereignis stärker - als für einen Profi mit 20 Jahren Bühnenerfahrung. Der Unterschied liegt nicht etwa darin, dass unsere sympatischen Nervensysteme anderes funktionieren - sondern dass der langjährige Profi das den Fight-Flight-Reflex auslösende Ereignis nicht mehr als so bedrohlich bewertet. Mit anderen Worten: Auf einer unterbewussten Ebene, einfach durch häufige Exposition, ist das Publikum nicht mehr (so sehr) der gefährliche Ausschließer.

Und trotzdem: Ich kann nicht anders, als mich vor der immensen Leistung kleinerer und größerer Bühnenprofis (und -amatueren!) zu verneigen. Denn nicht nur können erfahrene Performer ihre technischen Skills mit Präzision abrufen - sie sind darüber hinaus in der Lage, in einen authentischen Kontakt mit dem Publikum zu treten. Das muss man erstmal hinkriegen.

Außerdem: Es hat, trotz leichter Aufregung, riesigen Spaß gemacht, mich dieser Situation auszusetzen. Ich glaube, dass man gerade durch diese Kombination aus Lampenfieber, Freude an der Bewegung und dem Verlassen der eigenen Komfortzone in ganz neue Fähigkeitsbereiche vordringen kann, die sich einem nicht unbedingt erschließen, wenn man immer nur innerhalb bekannter und gut kontrollierbarer Grenzen bleibt.

Bewegungqualität außerhalb dieser Komfortzone - ist eben auch nur Übungssache.