76 - Aufregung verschlechtert das Gleichgewicht (und wie man es wieder findet).

Im gestrigen Artikel beschrieb ich die allgemeine Wirkung von Lampenfieber auf motorische Kontrolle und Bewegungsqualität.

Gestern Abend hatte ich erneut die Gelegenheit in diesen Zusammenhang zu schauen - bei der zweiten Aufführung unserer Tanzschule.

Da der "Schock" meiner allerersten Aufführung ever damit vorbei war, konnte ich mit ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf meine Bewegung achten - und was genau mir in der aufregenden Situation vor Publikum schwerer fiel als in einem entspannten Training.

Dabei merkte ich, dass es gar nicht so sehr die Schrittfolgen oder das richtige Tempo der Bewegungssequenzen waren - sondern die Balance und die Orientierung im Raum, insbesondere bei Drehungen.

Ein wenig Recherche bestätigte meinen subjektiven Eindruck.

Ein Schlüssel liegt offenbar im Parabrachialen Nukleus (PBN), einem Areal im Gehirn, das eine direkte Verbindung zur Amygdala (genau der Bereich, der alle äußeren Stimuli auf Bedrohung oder Belohung abcheckt), dem infralimbischen Cortex und Hypothalamus hat. Vieles scheint darauf hinzudeuten, dass der PNB ein wichtiger Knotenpunkt in einem Netzwerk ist, das zusammenlaufende vestibuläre (=Gleichgewicht, Orientierung im Raum), somatische und viszerale Informationen verarbeitet, um daraus ein adäquates Reaktionsverhalten innerhalb einer als bedrohlich empfundenen Situation abzuleiten. Darüber hinaus gibt es weitere neuronale Netzwerke, in denen Angst und Reaktion auf bedrohliche Situationen auf vestibuläre Kontrolle wirken.

Es ist also durchaus nicht so, dass man in einer aufregenden Situation auf einmal alle hart erarbeiteten Gleichgewichts-Fähigkeiten und filigrane Drehungen verliert. Stattdessen ist das Gehirn einfach kurzfristig mit der wachsamen Einschätzung und Reaktion auf eine unterbewusst bedrohlich wirkende Situation beschäftigt - und stellt damit höhere und feinere motorische Fähigkeiten in der Priorität zurück. Macht Sinn - denn in einer Fight-or-Flight-Situation geht es weniger um subtile Eleganz präziser Drehungen oder Figuren auf einem Bein, sondern um eher gröberes, schnelles Wegrennen oder zupackendes Kampfverhalten.

Dieses Wissen hat ganz praktische Auswirkungen auf den Umgang mit Lampenfieber: Es macht nämlich nicht allzu viel Sinn, partout auf feinsten Gleichgewichts- und Drehbewegungen zu bestehen, wenn man von Bühnenaufregung gepackt ist. Das Gehirn ist gar nicht in der Lage, dafür Ressourcen freizuschaufeln. Viel hilfreicher ist wahrscheinlich, zumindest in der akuten Situation die Bewegungen ein wenig zu vereinfachen. Ich kann mich erinnern, dass ich bei der gestrigen Aufführung einen normalerweise (völlig problemlos!) auf einem Bein getanzten Schritt nicht richtig halten konnte - und leicht die Zehenspizte des anderen Beines zur Stabilisation zur Hilfe nahm. Das sieht vielleicht nicht so schön und gekonnt aus - aber immer noch besser, als vergeblich auf einem Bein herumzuwackeln. Wenn man weiß, dass man anfällig für Lampenfieber ist, kann man sich solche "Notlösungen" für jede Choreografie auch schon im Vorfeld überlegen.

Der langfristig erfolgreichere Weg besteht natürlich darin, die Aufregung an sich zu reduzieren, um die vestibulären Areale mit voller Kraft arbeiten lassen zu können. Das erfolgt einerseits dadurch, dass man sich solchen aufregenden Situation häufig aussetzt und damit das Performen vor anderen übt; andererseits kann man natürlich auch Entspannungsrituale und -gewohnheiten aufbauen, die das Hochfahren des sympathischen Nervensystems verhindern bzw den parasympathischen Anteil aktivieren.

In keinem Fall braucht man sich aber über die eigene, gleichgewichts-eingeschränkte Performance zu ärgern - wenn man anerkennt, dass das Gehirn einfach seinen (sehr guten) Job macht.

Mehr Info z.B. hier:

Balaban, Carey D., Neural substrates linking balance control and anxiety, Physiology & Behavior, Volume 77, Issues 4–5, December 2002, Pages 469–475 (Abstrakt)