52 - Die Rettung der westlichen Schulmedizin.

Wer mich kennt oder seit einiger Zeit liest weiß, dass ich ein großer Anhänger von komplementären und alternativen Heilmethoden bin - und der sogenannten Schulmedizin eher skeptisch gegenüberstehe. Gleichzeitig denke ich immer wieder darüber nach, wie man diese beiden Bereiche gut miteinander verquicken kann - ohne, dass sie sich gegenseitig im Weg stehen.

Anfang des Jahres hatte ich dazu eine bemerkenswerte Erfahrung.

Ein wenig Hintergrund. Vor drei Jahren bekam ich völlig überraschend und aus gefühlt bester Gesundheit eine sehr heftige Lungenentzündung. Ich bekam ebenso heftige Antibiotika und über einen Zeitraum von mehreren Monaten wiederum heftige Folgeinfekte (überwiegend der oberen Atemwege). In eben dieser Folgeinfektphase wandte ich mich an eine ehemals-schulmedizinisch-jetzt-naturheilkundlich arbeitenden Ärztin, mit deren Hilfe ich mein Immunsystem nach und nach wieder aufbaute. Zusätzlich ging ich regelmäßig zu einem sehr guten Rolfer-Osteopathen, der viel mit dem Gewebe meiner Atemwege arbeitete.

Diese akute und nachfolgende Regenerationszeit dauerte etwa ein Jahr und ich machte große gesundheitliche Fortschritte.

Die Folgeinfekte wurden seltener - aber irgendwie gingen sie nicht ganz weg. Und wenn sie auftauchten, dann sehr heftig (obere Atemwege vollkommen dicht). Außerdem gab es Hinweise, dass meine Nebenhöhlen in beschwerdefreien Zeiten zwar asymptomatisch, aber dennoch chronisch angeschwollen und belegt waren. Eine andere, rein schulmedizinsche HNO-Ärztin wollte weitere Antibiotika einsetzen - was ich nach meinen noch frischen Erfahrungen strikt ablehnte und auch langfristig vermeiden wollte.

Fast-Forward zum Anfang dieses Jahres, also etwa zwei Jahre nach der Lungenentzündung. Ein Atemwegsinfekt mit Husten, sehr hohem Fieber, kompletter Appetitlosigkeit (sehr untpyisch für mich, auch bei Infekten) und dem starken nächtlichen Schwitzen, das ich von der Lungenentzündung kannte. Ich hatte Angst, dass alles wieder von vorne losgehen und ich gesundheitlich dauerhaft anfällig bleiben könnte.

Das Ganze gipfelte darin, dass ich eines Abends sehr starkes Herzrasen bekam - und trotz größter Erschöpfung und Ruhebedürftigkeit nicht einschlafen konnte.

Ich war alleine zu Hause und wusste, dass ich Hilfe brauchte - wollte aber unter keinen Umständen ins Krankenhaus. Instinktiv wusste ich, dass ich zu Hause immer noch am besten aufgehoben war, aber die Situation nicht mehr alleine bewältigen konnte.

Mitten in der Nacht rief ich beim ärztlichen Bereitschaftsdienst (also kein Notruf) an und beschrieb meine Symptome, mit der Hoffnung, einen ärztlichen Hausbesuch vereinbaren zu können. Leider zerschlug sich meine Hoffnung sehr schnell - die Mitarbeiterin sagte mir, dass alle Ärzte zu der nächtlichen Stunde komplett voll mit Hausbesuchen waren; außerdem müsse ich mich mit dem Herzrasen definitiv in eine Klinik begeben.

Ich pfiff mittlerweile, völlig geschwächt und erschöpft auf dem letzten Loch. Wie von der Bereitschaftsdienst-Mitarbeiterin angewiesen rief ich schließlich den Notruf an. Wieder beschrieb ich meine Symptome. Der Mitarbeiter der Einsatzzentrale fragte, ob ich ins Krankenhaus wolle. Ich sagte "Nein". Darauf sagte er, dass ich den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen solle. Haha, okay.

Ich wusste, dass dies keinen Sinn haben würde - daher beschloss ich, abzuwarten. Nichts zu tun. Liegen zu bleiben, und sowohl die Erschöpfung, die Angst wie auch die Schlaflosigkeit anzunehmen.

Einige schlaflose und anstrengende Stunden später, gegen 08.00h, rief ich erneut den ärztlichen Bereitschaftsdienst an. Ich beschrieb wieder meine Symptome - verzichtete diesmal aber auf den Hinweis auf das Herzrasen, um nicht wieder eine Abfuhr zu bekommen. Mein Gefühl war, dass das Herzrasen weniger etwas Organisches, als vielmehr eine (Angst-)Folge der Symptome waren. Einige Minuten später hatte ich die Zusage, dass innerhalb der nächsten zwei Stunden ein Arzt vorbeikommen würde. Mir ging es immer noch höchst dreckig - aber es war, als ob irgendetwas Minikleines in mir ein klein wenig beruhigt war.

Der Arzt kam.

Es war das erste Mal, das ich bewusst einen ärztlichen Hausbesuch erlebte. Und damit eine Art ärztliche Zugewandtheit, die ich aus meinen sonstigen Erfahrungen mit der Schulmedizin überhaupt nicht mehr kannte.

Vielleicht bestand diese Zugewandtheit zu einem großen Teil schon darin, dass ich zu Hause auf den Arzt warten konnte. Und nicht in einem lieblosen Wartezimmer, in einer bedrückenden und krankmachenden Atmosphäre, mit etlichen anderen Schniefenden und Hustenden. Es war angenehm, zu Hause liegen bleiben zu können in dem Wissen, dass da bald jemand kommen und sich kümmern würde. Das allein - war vielleicht schon heilsam.

Eine ähnliche Wirkung hatte das völlige Fehlen der sonstigen Apparate, Labor-Mobiliar und irgendwelcher anatomischen Plakate. Wie in einem alten Heimatfilm kam mein "Haus-Arzt" mit einer Arzttasche. Mehr nicht. Trotzdem wirkte er nicht wie ein esoterischer Heiler - sondern wie ein ganz normaler Arzt, also mit der unaufgeregten Aura von Kompetenz und leichter medizinischer Überlegenheit. Nur, dass das im häuslichen Ambiente ganz und gar nicht negativ rüberkam - sondern eher beruhigend und stärkend.

Und das war dann im Grunde auch seine Haupthandlung: Nach einer kurzen Untersuchung und Abhören sagte er mir, dass gerade eine dermaßen heftige Welle dieses Husten-Virus grassiere, wie er in seiner zwanzigjährigen Hausbesuchs-Bereitschaftsarbeit noch nicht erlebt hatte. Dass es völlig ok sei, wenn mein Körper gerade kein Essen aufnehmen mag, und dass ich aber durchaus stattdessen etwas Reichhaltigeres trinken könnte, wenn mir danach ist (also so Cola oder Bier). Er nahm mir sowohl die Ängste vor einer Lungenentzündung ("Warum haben eigentlich alle so eine Angst vor einer Lungenentzündung? Eine Bronchitis wäre mindestens genauso heftig.") wie auch vor der Schlaflosigkeit ("Der Körper holt sich den Schlaf, den er braucht."). Auf meine Nachfrage ließ er mir eine Portion einer Schlaftablette da, falls ich sie für die nächste Nacht brauchen sollte.

Und ansonsten verschrieb er nur: Ruhe. Abwarten. Nur das machen, was gerade geht.

Das alles ohne eine Spur von der in Arztpraxen üblichen Gehetztheit - obwohl er kaum länger da war als ein normaler Arzttermin gewöhnlich dauert.

Fast bekam ich das Gefühl, aus einer (Symptom-)Mücke einen Elefanten gemacht zu haben. Aber das war es nicht - denn die Symptome waren absolut real und auszehrend. Der Hausbesuch hatte mich hingegen vor allem darin gestärkt, wieder auf meinen Körper und mein Gespür für ihn vertrauen zu können (ich hatte z.B. abends wirklich Lust auf ein Bier!).

Dass ich das mal über die Schulmedizin sagen würde.

Vielleicht ist genau das ihr Platz, im wahrsten Sinne des Wortes: Bei aktuen Symptomen, in einer vertrauten und geborgenen Umgebung mit allen Optionen bereit zu stehen - und dann so wenig wie möglich zu intervenieren, aber so viel wie möglich die Selbstkompetenz des Patienten zu stärken. Allein das Wissen um die Alltagsumgebung des Patienten - etwas, was Ärzte sonst nie zu sehen bekommen - kann einen enormen Einfluss auf Therapieverordnungen haben.

Die Schlaftablette musste ich übrigens nicht mehr nehmen, und habe sie ein paar Tage später entsorgt.

Schön und gut, könnte man sagen. Klar wäre es schön, wenn Ärzte immer nach Hause kommen und sich mehr Zeit für eine Konsultation nehmen könnten. Aber dann würde das Gesundheitssystem eine noch größere Überlastung erfahren als jetzt schon, und wer soll das bezahlen.

Dazu sage ich: Wer weiß, vielleicht würde das Gesundheitssystem gar nicht be-, sondern ENTlastet werden. In meinem Beispiel sah das so aus: Meine Genesung ging vom Hausbesuch an steil bergauf - nach ein paar Tagen war der Infekt komplett ausgeheilt. Keine Folgeuntersuchung war nötig, kein erneuter Infekt - BIS HEUTE.

Es könnte also durchaus sein, dass eine menschlich zugewandtere und häuslichere Schulmedizin - viel weniger zu tun hätte. Dass weniger Untersuchungen und Interventionen nötig, und am Ende weniger Patienten zu betreuen wären. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es durchaus mehr Ärzte gibt, die viel lieber weniger Patiententermine pro Tag sehen würden, aber dafür eine viel gründlichere Arbeit leisten und viel passendere Interventionen verschreiben könnten. Die diese Art ihrer Tätigkeit viel erfüllender finden und dafür Fahrzeit in Kauf nehmen würden. Vielleicht nicht an allen Tagen, aber an vielen.

DAS wäre eine Revolution - und womöglich wirklich die Rettung der kränkelnden Schulmedizin.