53 - Noch mehr unbekannte, spekatukäre Heilungen.

Ich muss zugeben: Das neue Doidge-Buch über die Veränderbarkeit und Heilungsmechanismen des Gehirns bringt mich regelmäßig zum Weinen.

Nicht so sehr wegen der auf Neuroplastizität beruhenden sensationellen Heilungserfolgen, die er sehr eingängig zusammengestellt hat. Sondern wegen der völligen Unbekanntheit dieser Erfolge und der dahinterliegenden Prinzipien. Und wegen der Hoffnungen, die jeden Tag, überall begraben werden - wenn die Prognose "nicht heilbar" lautet.

Weil diese Prognose, wie fast jede Seite dieses Buches illustriert - möglicherweise aus reiner Unwissenheit gemacht wird.

Das, was mich dabei zusätzlich berührt, ist die völlige Entmysthifizierung dieser Prinzipien und ihrer Erfolge. Das ist nicht eines von diesen sensationsheischenden Büchern, die irgendwelche skurrilen Fallstudien aufbauschen - sondern ein sehr gut recherchiertes Buch, welches die Heilungserfolge sehr nüchtern analysiert und über neuroplastische Mechanismen zu erklären versucht. Kein Woo-woo - sondern gut erarbeitete Fallstudien, wissenschaftliche Evidenz, soweit vorhanden, und plausible Modelle.

Und zwar auf ganz vielen physiologischen Ebenen - nicht nur in Bezug auf das Gehirn und das ZNS.

Zum Beispiel im aktuellen Kapitel: Die therapeutische Wirkung von schwachem Laserlicht, speziell im Rot- und Infrarot-Bereicht. Eine wahnwitzige Bandbreite von klinischen Indikationen. Bis heute dachte ich zum Beispiel, dass bei Arthritis außer einem künstlichen Gelenk nichts zu machen ist - falsch gedacht, durch Bestrahlung des Gelenkes mit eben solchen schwachen Lasern lässt sich Knorpel wieder aufbauen (!). Nicht heilende Wunden und Geschwüre heilen aus, und chronische Entzündungen egal wo im Körper verschwinden. Nix mit Esoterik: Die Wirkung beruht auf lichtempfindlichen Molekülen, die Teil jeder Körperzelle des sind. Schließlich auch im Gehirn, weswegen der Einsatz solcher Laser auch geschädigte (inaktive oder asynchron feuernde) Areale im Gehirn wieder reanimieren kann.

Interessanterweise sind diese Wirkungen seit den 1960er Jahren in den damaligen Ostblock-Staaten viel weiter verbreitet - im Westen sind sie nach wie vor eher eine Nische. Der erste therapeutisch in den USA eingesetzte (Schwach-)Laser wurde 2002 (!) zugelassen.

Natürlich weine ich auch, weil mir immer klarer wird, dass in Bezug auf den Zustand meines Sohnes bei Weitem noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. In meinen Tränen steckt eine Mischung aus Reue, nicht früher von all diesen Dingen erfahren zu haben und der Angst und Ungewissheit, ob sich durch mein neues Wissen wirklich etwas für ihn ändern kann. Und vielleicht ist hier ein sensibler Bereich, und ein weiterer Grund, warum solche vermeintlich überraschenden Heilungserfolge sich so langsam oder gar nicht ausbreiten. Es mag provokant klingen, aber: Es hat auch etwas sehr Komfortables, wenn man sich auf die Prognose "unheilbar" zurückziehen kann. Denn dann entfällt die ganze Mühe, mit der man weiterkämpfen, recherchieren, ausprobieren, herumreisen und lernen müsste. Eine Mühe, die voller Ungewissheit und Angst ist, und nicht mit Garantie für Erfolg daherkommt.

Ja, es ist verdammt anstrengend, an "Wunder" zu glauben und viel mehr noch auf sie hinzuarbeiten. Häufig ist es auch sehr einsam, wenn man den therapeutischen Mainstream verlässt und sich in komplexe physiologische Materie einarbeitet. Noch viel anstrengender ist die Geduld, die man für diese Recherchen und das Ausprobieren braucht. Vor allem wenn das eigene Kind dann doch nicht mitmachen mag, und man sich gemeinsam kleine Veränderungen überlegen muss.

Aber irgendwann kann man nicht mehr anders. Irgendwann überwiegt die Faszination über den menschlichen Körper. Vielleicht geht es dann auch gar nicht mehr so sehr um Wunder - sondern darum, einfach besser zu verstehen, was in diesem Körper so vor sich geht und was irgendwann mit ihm sein kann. Und dieses Wissen nach und nach weiterzugeben, immer mehr Menschen davon profitieren zu lassen. Doidges großes Können besteht zum Beispiel darin, hochtrabende medizinische Zusammenhänge in gut lesbare Sprache übersetzen zu können - und sie damit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dafür bin ich dankbar - und werde gerne weiterhin, immer wieder, weinen.