54 - Fitnesspornografie

Dieses Wochenende war ich bei einem Bewegungsworkshop - der mich wahrscheinlich noch eine Weile beschäftigen wird, auf verschiedenen Ebenen. Ohne in die Details zu gehen: Ich war immer der Ansicht, dass ich meinen Körper relativ umfassend bewege - mit all den Ballett- und Hiphopstunden, verschiedenen Mobilisationsvarianten, Hanging/Pushing und das viele Sitzen auf dem Boden. Falsch gedacht. Es war sehr ernüchternd (im guten Sinne) zu sehen, in was für einem kleinen Ausschnitt aus dem Bewegungsuniversum ich in meinem ganzen Leben bisher georbitet bin. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Und apropos Hanging. Der Workshop-Referent erzählte die Geschichte einer 30-Tages-Hanging-Challenge, die er vor einiger Zeit ins Leben gerufen hatte: 30 Tage lang jeden Tag 7 Minuten (akkumuliert) passiv oder aktiv hängen. Berufen hatte er sich u.a. auf das Buch eines ehemaligen US-Chirurgen, der irgendwann erkannt und dann eben ein Buch dazu verfasst hatte, wie regelmäßiges Hängen sogar Schulteroperationen ersetzten konnte.

Dieses Buch war so gut wie unbekannt - bis zu jener 30-Tages-Challenge (an der über die Online-Ankündigung weiltweit mehrere Tausend Menschen teilnahmen). Dann plötzlich schossen die Verkaufszahlen in die Höhe - innerhalb von zwei Monaten verkaufte sich das Buch öfter als in den über 30 Jahren (!) davor. Der Referent erklärte das so: Die Menschen hören halt eher hin, wenn ein Typ mit Sixpack einen einarmigen Handstand macht (er bezog sich damit auf das Startseiten-Foto auf seiner Webseite) als irgendein alter Mann.

Ertappt. Tatsächlich war ich auf den Workshop und den Referenten über einen Bekannten gekommen - der eine zeitlang bei ihm trainiert hatte, und zwischenzeitlich Handstand- und Spagat-Bilder gepostet hatte.

Andererseits sehr menschlich. Wir wissen aus der Verhaltenspsychologie, dass Menschen sich eher zu Bewegung motivieren können, wenn sie die Aussicht auf Abnehmen/gut aussehen/attraktiv sein habe - als wenn ihnen gesundheitliche Benefits vorgehalten werden. Genauso liegt es irgendwo in unserer Natur, Dinge tun zu wollen, die wir cool/ästhetisch/akrobatisch/besonders finden - vielmehr als Dinge zu tun, die einfach präventiv sind. Genau deswegen haben Parkour-Kurse immer größeren Zulauf. Deswegen versuchen die Jungs im Freibad Salti und Handstandüberschläge.

Und deswegen ziehen Bilder wie auf der Webseite des Referenten oder auf dem Facebook-Account meines Bekannten so sehr. Deswegen tragen Fitnessinstruktorinnen auf ihren Instagrams bauchfrei/hauteng und lassen alle miteinander ihre getonten Muskeln und akrobatische Momentaufnahmen spielen. Bewegungsporno ohne Ende.

Aber wenn die Trainer wirklich gut sind - dann sind die schönen, sexy Bilder nur die Eintrittskarte. Die Vision. Die Projektion. Wenn sie wirklich gut sind, dann kommt dahinter ein ganzes Spektrum von akribischer und zielgerichteter Bewegungsarbeit zum Vorschein, von dem der einarmige Handstand, der Frontspagat nur ein minikleinster Teil sind. Der Rest: Ein systematischer, sinnvoll progressierender Aufbau einer großen, nahrhaften, stärkenden und ausbalancierten Bewegungsvielfalt.

Und genau deswegen war meine Workshop-Erfahrung so reinigend und erdend, auch wenn mir gerade alles wehtut, was irgendwie meine Knochen miteinander verbindet. Weil mir klar wurde, dass es im Grunde nicht um den Spagat, und nicht um die Backflips geht, auch wenn die ganz nett zu haben wären. Sondern die ganze Substanz darumherum; das Wissen alter Männer (und Frauen) in unbekannten Büchern. Alles was hinter die Oberfläche geht - und dort bleibt.

Und ganz nebenbei springt vielleicht irgendwann ein einarmiger Handstand dabei raus - mit den Beinen im Spagat natürlich.