55 - Das Gegenteil tun (von dem, was gemeinhin empfohlen wird).

Was einem gesundheitlich/körperlich/belastungs-mäßig gut tut – muss am Ende jeder für sich selbst herausfinden. Allerdings sollte man sich klar machen, dass dabei Sachen herauskommen könnten, die komplett entgegen sämtlicher Empfehlungen oder gar Erste-Blick-Plausibilitäten gehen.

Das habe ich gestern wieder erfahren.

Schon vor längerem hatte ich mich für einen intensiven Bewegungsworkshop angemeldet und sehr darauf gefreut. Dann kam es, wie es so machmal kommt -  ein paar Tage vorher Kratzen im Hals, leichtes Anschwellen der oberen Atemwege, allgemeine Mattheit. Kein vollständig ausgebrochener Infekt, aber mein Immun- und Herz-Kreislauf-System waren definitiv schwer beschäftigt. Mein gesundheitlicher Zustand war zunehmend auf der Kippe.

Ich entschloss mich, trotzdem zum Workshop zu gehen, und es zumindest zu probieren, auch die praktischen Teile mitzumachen. Die Gelegenheit, an diesem Workshop teilzunehmen war ziemlich einmalig, und ich hatte einfach auch total Lust darauf.

Irgendwie kam ich durch den ersten Tag – mit einer langen Mittagpause im Park und in der Sonne liegend, viel trinken, und abends zu Hause einer guten Mahlzeit, einem heißen Salz-Bad und einem therapeutischen Bier schnell ins Bett. Am nächsten Morgen – keine große Besserung; eher ein wenig mehr Schwere und ein dicker Kopf. Wieder haderte ich mit mir, und wieder beschloss ich, es zumindest zu probieren.

Dann das Erstaunliche.

Der Vormittag bestand aus verschiedenen Arten von Bewegungsarbeit mit einem Partner – zunächst Mobilisationsvarianten des Kopfes/Halswirbelsäule, dann des Brustkorbs, Brustwirbelsäule, und schließlich mit dem ganzen Körper. Die letzte Variante bestand aus einer Art Bewegungsimprovisation – ähnlich wie Kontaktimprovisation, nur ohne den Kontakt. Das bedeutete: Eine Riesenbandbreite von Bewegungsmustern – im Stehen, im Knien, im Liegen; in großen Bewegungsumfängen, fließend, ruhig, intensiv, rotierend, streckend. Ich dachte noch kurz daran, dass so eine intensive Übung in meinem Zustand wahrscheinlich keine so gute Idee war, und wer hätte mir nicht davon abgeraten!, - aber ich hatte so dermaßen Lust darauf, dass ich es ohne groß darüber nachzudenken riskierte.

Wie erwartet war ich nach 20min mit verschiedenen Partnern komplett nassgeschwitzt. Ziemlich platt. Wie erwartet hatte ich aber auch einen Riesenspaß gehabt – und dazu hatte ich mich quasi nebenbei, ohne es bewusst wirklich mitzubekommen, durch Bewegungen und ROMs bewegt wie sonst eigentlich nie.

Dann die Überraschung.

Nicht erst eine Weile, sondern instantan, nach Ende der Übung, traf es mich: Meine Infektsymptome waren weg. Kein dicker Kopf mehr, keine Erschlagenheit, keine Reizung im Hals mehr. Ich war wieder klar, da, und fühlte mich stark genug für den Rest des Tages.

So etwas habe ich übrigens schon mehrfach erlebt, auch bei voll ausgebrochenen Erkältungen oder grippalen Infekten. Dass die richtige Art von Bewegung, richtig getimt, einen sehr schnellen Heilungsprozess auslösen kann. Obwohl gemeinhin vor solchen Belastungen geradezu gewarnt wird, wenn man noch krank ist.

Meine Vermutung zu diesem schnellen Heilungsprozess: dass die mechanische Stimulation durch die großen ROMs der Übung das Lymphsystem angeregt– und gleichzeitig die Freude an der Bewegung einen positiven Effekt auf die Regulation des Autonomen Nervensystems gehabt haben könnte. Wie eine Art Ganzkörpermassage/Lympfdrainage von innen – ohne jegliche Hilfsmittel.

Ich will diese Erfahrung nicht pauschalisieren. So etwas kann auch mal nach hinten losgehen, und es muss auch nicht für jeden das Richtige sein. Ich wollte damit einfach illustrieren, dass es keine pauschalen NoGos gibt, wenn es um Körper und Gesundheit geht. Oder wie der Referent des Workshops erinnerte: Es gibt keine Toxine – nur Dosierungen.

Diese Dosierung (und ggf. ihr Timing) muss, wie gesagt, jeder für sich selbst herausfinden – auch wenn dabei möglicherweise das Gegenteil landläufiger Meinungen herauskommt. Die Herausforderung besteht darin, zu dem eigenen Gespür zu stehen - und darauf zu pfeifen, was man eigentlich tun „sollte“.