78 - #lessismore, wenn es um Behandlungen geht.

Mein Twitter-Feed hielt heute den folgenden interessanten Hinweis parat:

Bei dem Artikel handelt es sich um eine "Perspective" - eine Fallstudie unter dem Stichwort Weniger ist Mehr. Das Spannende daran ist, dass der Autor des Artikels, selbst Arzt, gleichzeitig das Subjekt der Fallstudie ist.

Aber noch mehr Spannendes. Zum Hintergrund: Der Autor hatte beim Tennisspielen eine schwerwiegende Verletzung der hinteren Oberschenkelmuskulatur (Hamstrings) erfahren - die Muskeln waren nur noch an einem Fetzen Sehne am Knochen befestigt, inklusive massiven Flüssigkeitsansammlungen und Schädigungen der peripheren Nerven.

Normalerweise werden solche Verletzungen operiert, um den Muskel wieder ordentlich zu befestigen. Jetzt wird es interessant: Der Autor/Arzt, der sich selbst als eher konservativ und less-is-more-Anhänger beschreibt, führte selbst eine Literaturrecherche durch, um sich über Aussichten von operativen vs konservativen Behandlungen in solchen Fällen zu informieren. Das Ergebnis dieser Recherche war relativ eindeutig: Auf jeden Fall OP, konservative Behandlungen waren mit schlechteren Ergbnissen und höherer Patientenunzufriedenheit assoziiert.

Jetzt wird es wirklich interessant: Der Arzt schaute sich seine Recherche, hauptsächlich ein Review-Artikel (der also mehrere Studien zusammenfasst und meta-analysiert), genauer an und bemerkte, dass die Zahl der konservativ behandelten Verletzungen sehr viel kleiner war als die Anzahl der Verletzungen, die operiert wurden. Mit anderen Worten: Das Fazit des Review-Artikels stand auf sehr dünnem Eis.

Der Autor wandte sich mit seiner Verletzung schließlich an einen Orthopäden - und hier hatte er großes Glück: Jener Orthopäde hatte nämlich Erfahrung mit der konservativen Ausheilung solcher schwerwiegender Muskelabrisse - und gab dem Autor grünes Licht für physiotherapeutische Rehabilitation. Das Ganze dauerte noch ein wenig - aber etwa ein Jahr später konnte der Autor das Tennisspiel wieder aufnehmen.

Ich finde diesen Artikel in mehrerer Hinsicht bemerkenswert und Lehrstück geeignet:

  • Wenn man wissenschaftliche Evidenz für eine Behandlungsentscheidung heranzieht - immer den Volltext lesen. Nur daraus lässt sich wirklich erschließen, wie gut die Datenlage und damit die Schlussfolgerungen sind.
  • Es gibt keine richtige oder falsche Behandlungen. Es gibt nur Behandlungen, mit denen ein Arzt mehr oder weniger vertraut ist.
  • Es lohnt sich, eine zweite oder auch mehrere Meinungen einzuholen. Ärztliche Empfehlungen divergieren zum Teil enorm (s. auch zweiter Punkt). Dabei finde ich es wichtig, einen Arzt zu finden, der die eigene Philosophie mitgehen kann - insbesondere, wenn man bei Eingriffen eher zurückhaltend ist. Zugegebenermaßen: Solche wie in dem Artikel beschrieben Ärzte sind schwer zu finden.

Und noch etwas: Der Autor sagt selbst, dass die konservative Ausheilung wahrscheinlich länger gebraucht hat als eine operative Behandlung gedauert hätte. Hätte. Denn mit Sicherheit konnte er es natürlich nicht sagen. Grundsätzlich ist es aber schon so, dass man wahrscheinlich ein wenig mehr Geduld mitbringen muss, wenn man dem Weniger-ist-Mehr-Gedanken folgt. Oder auch nicht...denn ich würde spekulieren, dass eine Ausheilung ohne operativen Eingriff vielleicht nur auf den ersten Blick länger dauert, aber langfristig möglicherweise besser in die Körperstrukur und -funktion integriert wird? D.h. weniger Anfälligkeiten, weniger Folgeverletzungen? Es wäre zumindest plausibel.

Ein ermutigendes Beispiel dafür, in jedem Fall, auf die Heilprozesse des eigenen Körpers zu vertrauen.