90 - Mehr Bewegung: Die Schule der Zukunft

Vor drei Tagen passierte es: ich war Zeugin einer Art Schule, die wirklich funktionieren könnte. Die ganzheitlich war, einem Kind riesigen Spaß machte und hochrelevantes Wissen vermittelte.

Das Irre war, dass ich es fast nicht gemerkt hatte. Obwohl ich mir viel Gedanken darüber mache, wie Lernen wirklich gut funktionieren kann - bin ich immernoch relativ fest in der Vorstellung von Schule = Gebäude + Curriculum verhaftet. Erst als ich am Abend den Tag Revue passieren ließ, fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Das war passiert: Ich war mit meinem Sohn auf einer dieser Wochenendwanderungen gewesen - und das eigentlich Spektakuäre war, dass er fast vier Stunden, mit nur sehr kurzen Pausen, mit seinen Gehstöcken gelaufen war. Ein absoluter Rekord für ihn; noch dazu, weil wir das erste Mal auf einem nicht rollstuhl-tauglichen Weg unterwegs gewesen waren, und er im Grunde das erste Mal komplett vom Bahnhof bis fast zur Hütte selbst gelaufen war.

Diese enorme Leistung war so präsent in diesem Tag, dass ich fast übersehen hatte, was sonst noch so auf dem Weg los gewesen war. Und was schon öfter auf solchen Wanderungen oder anderen bewegungslastigen Ausflügen aufgetaucht war, ohne dass ich es als etwas Besonderes wahrgenommen hatte.

Während wir also so langsam und gemächlich einen Schritt vor den anderen setzten - waren wir fast die ganze Zeit im Gespräch.

Da wir in den Bergen waren, lag es im Grunde nahe: Mein Sohn wollte wissen, welcher der höchste Berg der Erde war. Nichts besonderes, auf den ersten Blick. Aber hier sind die Fragen, die wir im weiteren Verlauf unseres Gesprächs besprachen:

  • Wieviel mal größer ist der Mount Everest als der Berg, auf den wir gerade gehen?
  • Wieviel mal größer als ich? Als unser Haus?
  • Kann man auch mit dem Rollstuhl auf den Mount Everest gehen?
  • Muss man da Sauerstoff mitnehmen? Warum? Kann man auch ohne?
  • Gibt es da Gewitter?
  • Liegt da auch im Sommer Schnee?
  • Wie lange braucht man da hoch?
  • Wo liegt der eigentlich?
  • Wie macht man das mit Gepäck, Essen und so?
  • Wieviel kleiner als der Mount Everest ist der größte Berg am Tegernsee?
  • Ist der Mount Everest größer als die Zugspitze?

Innerhalb weniger Stunden gingen wir also durch Themen wie Bruch-/Prozentrechnung (der höchste Berg am Tegernsee verhält sich zum Mount Everest ungefähr so wie ein Stück Pizza zur ganzen Pizza, wenn man sie in vier Teile teilt); Geografie und Geologie; menschliche Physiologie (Atmung, Trainingseffekte); Meteorologie (Temperaturabnahme mit zunehmender Höhe, Klima, Niederschlag); Ausrüstung und Logistik (Organisation einer Expedition, Basis-/Höhenlager, Transportmöglichkeiten).

Das was mich dann beim abendlichen Revue passieren so traf:

  1. Mein Sohn hatte völlig spontan sein eigenes, für ihn in dem Moment relevantes Curriculum entworfen. Aus der Umwelt heraus, in der er sich gerade befand; und angeregt durch die Aktivität (das Wandern), das ihm so viel Freude machte. Ein Riesenunterschied zu normalen Schulen - in denen a) das Curriculum und die Reihenfolge vorgegeben sind und bei weitem nicht das Interesse und Aufnahmefähigkeit eines jeden Kindes treffen sowie b) Stillsitzen belohnt wird. Lernen funktioniert aber dann am besten, wenn der Lernende voll engagiert und körperlich sowie emotional involviert ist.
  2. Ich hatte kaum Wissen über den Mount Everest. Ich habe mich noch nie eingehender mit ihm auseinandergesetzt und habe ein wahrscheinlich klassisches, bruchstückhaftes weniger-als-Halbwissen. Mein Ziel war also nicht, die Fragen meines Sohnes allwissend-meisterhaft zu beantworten - sondern möglichst plausibel abzuschätzen. Er lernte durch unser Gespräch also, wie man sich Dinge erschließt, vernünftige Annahmen macht, intelligent rät und grob überschlägt. Auch das ist konträr zu konventionellen Schulen - wo der Lehrer die allwissende Instanz darstellt, die den Lernstoff zu den Kindern transportiert. Aber wir wissen alle: Wissen ist nicht das entscheidende Kriterium für späteren Erfolg im Leben - sondern die Fähigkeit, sich Dinge auf Baiss von lückenhaften Informationen sinnvoll ableiten zu können.

Es steckt noch mehr in dieser Situation: Z.B. die Fragen von Kindern nicht als Fantasien abzutun, oder als etwas, das nervt; oder mit einem "das lernst Du irgendwann später"/"das ist noch zu schwer für dich"; oder mit kindischen Simplifizierungen zu beantworten. Mir versetzt es jedes Mal einen Stich, wenn Lehrer sagen, dass die Kinder nicht "vorlernen" sollen - besser kann man den völlig natürlichen kindlichen Lerndrang wohl nicht abtöten. Es ist wichtig zu verstehen, dass Kinder nicht linear lernen, sondern basierend auf ihren jeweils aktuellen Erfahrungen. Komplexe Zusammenhänge brauchen oft Zeit, bis sie sich kognitiv "setzen" - d.h. nur, weil man etwas immer wieder erklären muss, heißt es nicht, dass es müßig ist. Sondern dass das Kind sich eine weitere (Gehirn-)Wiederholung holt - wie beim Training der Muskeln u.ä. auch.

Vielleicht hatte es einen großen Vorteil, dass ich erst gar nicht so richtig gemerkt habe, dass wir auf unserer Wanderung Schule gemacht hatten: So war ich weit davon entfernt, unserem Gespräch Struktur zu geben oder es sonstwie pädagogisch zu gestalten. Stattdessen konnte ich es genauso interessiert, neugierig und verspielt angehen wie mein Sohn.

Mit Sicherheit hat nicht nur er etwas gelernt.