92 - Ein Dankbarkeits- und nicht-Dankbarkeits-Ritual.

Es gibt eine Positive-Psychologie-geprägte Übung, die wohl weitreichend bekannt ist: Aufzählen/aufschreiben, wofür man dankbar ist. Die Idee ist, dass es selbst in schwärzesten Zeiten Dinge gibt, die wohltuend sind. Z.B. ein Dach über dem Kopf und genug zu essen zu haben, oder jemanden sehr zu lieben.

Ich bin vor ein paar Monaten nach längerer Zeit wieder über dieses Ritual gestolpert - und vor Kurzem habe ich daraus wieder eine regelmäßige Praxis gemacht. Diesmal fragte ich auch meinen Sohn, ob er mitmachen wolle - jeden Tag, vor dem Schlafengehen, fünf Dinge aufzuzählen, für die wir dankbar sind. An einem Tag fängt er an und listet seine fünf, am nächsten Tag mache ich den Anfang.

Dann kam von ihm aber eine kleine Ergänzung: Er schlug vor, auch Dinge aufzuzählen, für die wir nicht dankbar sind. Erst war ich geneigt, ihm zu erklären, dass es bei der Übung ja gerade darum ginge, sich auf die guten Sachen zu fokussieren - aber nach einem kurzen Moment verstand ich seine Idee. Warum sollte man nicht auch den nervigen, unschönen und beängstigenden Sachen Raum geben, statt sie hinter den dankbaren stehen zu lassen.

Meistens machen wir es nun so, dass die Dankbarkeits-Auslöser die nicht-Dankbarkeits-Punkte überwiegen - aber gestern war es bei ihm auch mal andersherum. Warum auch nicht. Wie schön eigentlich, dass so auch die schwärzesten Dinge den Augenblick bekommen, den wir sonst gerne nur für erfreuliche Aspekte reservieren. Ein sehr positiver Umgang mit ihnen - und ehrlicher allemal.