93 - Die schlimmsten Tage des Jahres und warum es gut ist, sie in Ehren zu halten.

Diese Zeit des Jahres finde ich besonders schwierig. Klar, es gibt immer Tage und Phasen, die schlecht laufen; an denen irgendwie gar nichts geht, alle(s) sich gegen einen verschworen hat und nichts gelingt. Aber diese Vor- und auch die Nachweihnachtszeit erlebe ich regelmäßig als besonders dunkel, im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ist die Zeit, in der mich schnell etwas aus dem Gleichgewicht bringt, in der ich anfälliger bin für Infekte wie auch für emotionalen Schmerz - und in der ich mich tendenziell eher mal hoffnungslos und überfordert fühle. Klar, das liegt einerseits an zu wenig Sonnenlicht (ich versuche daran zu denken, schon im Spätherbst ein wenig Vitamin D zu ergänzen - meistens fällt es mir aber leider erst dann ein, wenn die schwere Zeit so richtig zuschlägt), und an diesem Advents-/Weihnachts-Hype, dem ich immer sehr ambivalent entgegenstehe (d.h. Glühwein gerne - aber all diese weichgezeichnete Geschenk-/Familien-/Kinderträume-Action löst irgendwie stressige Assoziationen bei mir aus); und wahrscheinlich einem generellen Jahresend-Erholungsbedürfnis. Dieses Jahr vielleicht noch zusätzlich befeuert durch eine gewisse Ungewissheit und Nervosität bezüglich meiner nächsten beruflichen Schritte. Und meinen vorwurfsvollen inneren Stimmen, nach denen ich mit knapp 39 eben diese berufliche Situation doch eigentlich viel besser im Griff haben sollte, und überhaupt ALLES besser im Griff haben sollte.

Und wenn mich solche schwierigen und niedergeschlagenen Tage so richtig übermannen - dann würde ich am liebsten aufhören, an mich zu glauben, und daran, dass ich in diesem Zustand überhaupt noch etwas zustande bringen kann. Dann würde ich am liebsten alles absagen, mich zurückziehen, und mich tausendmal dafür entschuldigen, dass ich gerade nichts gebacken kriege. Auf keinen Fall zieht es mich dann in Situationen, in denen mein Können gefragt ist, ich Fehler machen oder scheitern könnte, oder gar Ablehnung von anderen Menschen erfahren könnte.

Und manchmal ist das ok. Zum Beispiel am ersten Tag meiner Periode.

Aber selten.

Denn wenn man es genauer anschaut, dann können solche Tage eine wunderbare Lektion sein.

Eine Lektion darin, sich selbst Erlaubnis zu geben: Zu Fehlern, zu Imperfektion, zu 60% Leistung (oder gar weniger). Dazu, dass alles schief gehen darf und anderen nicht passen könnte, was man so von sich gibt.

Schritt für Schritt, in aller mit-sich-selbst-hadernden Seelenruhe arbeitet man sich einfach durch die anstehenden Punkte des Tages. Manchmal vielleicht unter Tränen, und manchmal bekommen auch andere diese zu sehen. Kein Drang danach, etwas übers Knie zu brechen oder mit dem Kopf durch die Wand zu gehen - erlaubt ist nur das, was geht. Und mit dieser Seelenruhe geht auf einmal sehr viel. Dieses langsame, erwartungslose Erledigen fängt dann auf einmal irgendwann an, genau den schwierigen Zustand zu verändern, der es ursprünglich ausgelöst hatte.

Warum also die schlimmsten Tage des Jahres nicht einfach ein wenig genießen. Sie schätzen, als eine Art Regulativ für den sonst gängigen High-Performance-Dauerantrieb. Sie als Teil eines natürlichen Auf- und Ab-Zyklus akzeptieren - und als eine Zeit, in der es reicht, einfach nur ich selbst zu sein.