95 - Pausieren, als ob man krank wäre.

Über Bewegung und Training gibt es mittlerweile mehr Informationen, als man in einem Leben je verarbeiten könnte. Jedes Mal geht es um die Frage, mit welcher Art von Arbeit, mit was für Progressionen und Belastungsschemen man ein höhere Leistungsniveau erreicht und seine Fähigkeiten verbessert.

Dafür, das Erholung ein zentrales Element für die Steigerung von Performance ist, wird sie dagegen eher stiefmütterlich behandelt.

Das mag daran liegen, dass es ein ziemlich komplexes und herausforderndes Thema ist: Das Erholungsbedürfnis des Körpers zu bestimmen, ist nach wie vor nicht ganz einfach. Denn es gibt so viele körperliche Systeme, die unterschiedlich auf Belastungen reagieren können: Während zum Beispiel die Muskeln und das Gewebe durchaus noch standhalten könnten, kann es bereits sein, dass das Zentrale Nervensystem oder das Hormonsystem eine Pause brauchen. Das kann schnell passieren, wenn man ganz neue Bewegungsmuster lernt, die erst noch zentralnervös verschaltet werden müssen. Oder wenn man neben dem Training gerade akut andere Stressoren hat, die das Hormonsystem ordentlich durcheinanderbringen.

Aus diesen Gründen kann man dem regelmäßigen und akuten Erholungsbedürfnis des Körpers durch eine Mischung aus Planung und einen guten Gespür begegnen. Planung ist vor allem dann wichtig, wenn man regelmäßig und intensiv aktiv ist; während das spontane Reagieren auf Belastungen die kurzfristigen Aktivitätsspitzen des Alltags berücksichtigt.

Das klingt einfach, ist aber in der Praxis nicht so ganz ohne. Denn gerade wenn man Spaß an Bewegung hat und sich gerne selbst (heraus-)fordert, dann ist es leicht, die Signale des Körpers zu überhören, oder die geplanten Pausen zu verkürzen. Auch wenn man es eigentlich besser weiß - nämlich dass der Körper sich seine Pausen irgendwann selbst holt. Durch Verletzungen oder Krankheiten, oder sonstige Unpässlichkeiten. Daher bin ich große Anhängerin der Idee, regelmäßig so zu tun, als ob man krank wäre - ohne es eigentlich zu sein. Einfach für einen Tag, oder einige Tage oder Wochen, je nach Bedarf, sehr schonend mit sich umzugehen. Z.B. weniger Termine wahrzunehmen. Mal einen ganzen Tag, nur so, im Bett zu verbringen. Weniger arbeiten. Weniger machen, besser essen. Nur für eine Zeit lang.

Manchmal mag das vielleicht ein wenig viel des Guten sein - aber es ist genau diese Pausen-Gewohnheit, die das Gespür für die Bedürfnisse des Körpers verbessert. Unsere Wahrnehmung davon, was in ihm abgeht, verfeinert. Und es ist einfach ein schönes Gefühl (und vielleicht eine ungewohnte Ausnahme?), wenn man so achtsam und fürsorglich mit sich selbst umgeht.

Mit einer unverschnupften Nase kann man ein heißes Erkältungsbad eh viel besser genießen.