96 - Seit zwei Jahren nicht mehr gejoggt.

Neulich fragte mich ein entfernter Bekannter, ob ich denn noch regelmäßig joggen gehe.

Ich schaute ihn kurz verduzt an - bis ich realisierte, dass wir uns schon länger nicht gesehen/gesprochen hatten.

Dann, immer noch verduzt, realisierte ich, dass ich seit zwei Jahren nicht mehr joggen gewesen war. Und dass ich gar nicht gemerkt hatte, wie schnell das zweite eigentlich an mir vorbeigegangen war.

Nachdem Laufen etwa zwanzig Jahre lang fester und regelmäßiger Bestandteil meiner sportlichen Aktivitäten war, hatte ich vor zwei Jahren einfach damit aufgehört. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich sogar in diesem Blog Bilanz dazu gezogen und meine Motive für die Lauf-Abstinenz beschrieben.

Ohne es so richtig bewusst geplant zu haben - bin ich dabei geblieben. Und daran, dass ich es jetzt erst gemerkt habe, merke ich sehr deutlich, dass mir weiterhin nichts gefehlt hat.

Aber jetzt, da ich es gemerkt habe - hier ein paar Beobachtungen/Erkenntnisse/Konsequenzen aus dem zweiten Jahr ohne Laufen:

  • Man kann tatsächlich sehr gut ohne Laufen auskommen, und trotzdem konditionell in einer ausreichend guten Verfassung sein.
  • Die Frage ist immer: In guter Verfassung für was? Welche Art von Ausdauer-Leistungsfähigkeit brauche ich für meine sportlichen Aktivitäten und für meinen Alltag? Ich kann diese Frage relativ klar beantworten: 1) Täglich viel in flachem Gelände gehen können (Größenordnung 5-12km) 2) 4-6 Ballettstunden pro Woche in guter Konzentration bewältigen zu können, und in höherer Intensität ein paar Stunden Hiphop (Intervallbelastungen!) 3) Mit meinem Sohn im Rollstuhl auf Berge bis ca 1200m gehen können.
  • Die obigen Aktivitäten haben keine wahnsinnig hohe Ausdaueranforderungen. Trotzdem glaube ich, dass ein Körper auch mal intensive Herz-Kreislauf-Atem-Belastungen braucht. Hier könnte ich mich nach wie vor verbessern, ich glaube die könnte ich öfter vertragen. Ich habe nach wie vor keine einfach in meinen Alltag integrierende Lösung gefunden (außer gelegentliches zur-S-Bahn-Rennen).
  • Ich gehe deutlich weniger Spazieren als im ersten Jahr. Der Hauptgrund dafür besteht einfach darin, dass ich mein Tanzpensum im letzten Jahr ziemlich erhöht habe, insbesondere die Anzahl meiner Ballettstunden pro Woche. Dies hat einen großen Teil der Spaziergehzeiten ersetzt - einfach aus Zeitgründen, aber auch weil mein Bewegungsdrang durch das Tanzen bedient wird. Das ist soweit ok - der einzige Nachteil ist, dass ich so unter der Woche weniger Zeit draußen verbringe.
  • Die Bergwanderungen mit meinem Sohn sind im letzten Jahr zu einem regelmäßigen Wochenendprogramm geworden (alle zwei Wochen) - das gibt mir auch wieder Zeit draußen und eine Kraft-Ausdauerbelastung für den ganzen Körper. Allerdings ist diese in den letzten Monaten wieder ein wenig gesunken, einfach dadurch, dass mein Sohn jetzt längere Strecken mit seinen Gehstöcken alleine geht, und ich ihn nur noch kurze Strecken schiebe. Was unglaublich und toll ist, ich hätte das nie erwartet. Und ein gutes Beispiel, wie Bewegung im Alltag sich ständig verändert, wenn Fähigkeiten und Umstände sich verändern.

Das Entscheidende aber: Ich fühle mich superwohl mit meinen Aktivitäten - ich freue mich sehr auf meine Tanzstunden, meine vielen "Gehwege" im Alltag und auf die Touren in den Bergen. Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass ich mich zu irgendetwas voller Selbst-Disziplin überwinden müsste. Das heißt nicht, dass das alles so bleiben muss - im Gegenteil, in dem Maße wie sich meine Interessen, Alltagsgewohnheiten und körperlichen Fertigkeiten verändern, wird sich mein Aktivitätsprofil verändern. Es gibt kein richtig/falsch/gut/schlecht - sondern nur: Was macht mir gerade Freude?

Ich glaube es klingt schon heraus, dass ich nicht vorhabe, in absehbarer Zeit wieder laufen zu gehen. Das ist absolut nichts gegen das Laufen, sondern einfach meine ganz persönliche momentane Situation. Wer Freude am Laufen hat, dem gönne ich es sehr! Aber wer eigentlich keine hat, braucht sich nicht um jeden Preis, weil es angeblich so gesund sein solle, dazu zu überreden. Es gibt viele andere schöne Sachen - man muss sich nur auf die Suche begeben.