79 - Schulter kaputt? Kein Stress - wir haben Backups.

Vorgestern erwähnte ich einen Orthopäden-Chirurgen, der nach Jahrzehnten OP-Praxis auf einmal darauf kam, dass man Schultern durch simples Hängen heilen könnte.

Nun bin ich mittendrin in dem Buch, das er über sein Hänge-Protokoll geschrieben hat. Entstanden ist dieses Protokoll als Resultat seiner eigenen Erfahrungen - u.a. einem Riss der Rotatorenmanschette (kompletter Abriss der Supraspinatussehne). Durch eine Kombination aus passivem Hängen und leichten Hantelübungen konnte er seine volle Leistungsfähigkeit wiederherstellen - auch ohne den verloreren Supraspinatus. Das klingt wie ein kleines Wunder - bei nährerm Hinsehen handelt es sich aber nur um eine charakteristische Eigenart des menschlichen Körpers. Ein Zitat aus dem Buch bringt es auf den Punkt:

I believe this [...] recovery is best explained by the redundancy built into the human body that can substitute for the lost function in injured parts. Nature provides us with backups.

Genau das: Oft denken wir bei Heilung an eine Wiederherstellung der früheren, unverletzten Struktur - zumindest so nahe wie möglich. Aber Heilung ist eigentlich viel mehr als das: Im Grunde geht es immer um die Wiederherstellung der Funktion. Und dafür ist es unerheblich, ob die Struktur nun genauso ist wie vorher oder ganz anders.

Eigentlich ist es sogar die besondere Fähigkeit des Körpers, Struktur zu substitutieren - eigentlich ist die Wiederherstellung der Funktion bei veränderter Struktur das ultimative Paradebeispiel für die Anpassungsfähigkeit des Körpers. Genau das macht ihn so robust und überlebensfähig.

Hier liegt aber auch die Kehrseite von Diagnosen und diagnostischen Werkzeugen - viele davon sind auf den Zustand der Struktur und einem Idealbild für diese fixiert. Der Therapieprozess kann dann schnell einer Jagd nach diesem Idealzustand ähneln, ohne offen dafür zu sein, dass die Funktion auch auf ganz anderen Wegen wiederherstellbar ist.

Also: selbst ein Muskelabriss in der Schulter, ein Rotatorenmanschttenriss - sind nicht das Ende vom Lied. Mit einfacher Bewegung ist es möglich, das Backup-Systeme aufzubauen und operative Eingriffe zu vermeiden. Es braucht nur ein wenig Geduld - und vielleicht den Mut, auf den Plan B des Körpers zu vertrauen.