80 - Schmerz ist ein gutes Zeichen.

Schmerz hat generell einen schlechten Ruf. Meistens wird er als ziemlich unwillkommen behandelt - man möchte ihn schnell wieder loswerden.

Das ist nachvollziehbar - wird ihm aber möglicherweise nicht ganz gerecht.

Vorab: DEN Schmerz gibt es nicht - es gibt z.B. akuten Schmerz nach einer Verletzung, Entzündung o.ä.; chronischen Schmerz der langfristigen Überlastung - oder auch Schmerz aus reiner Gewohnheit.

Allen Schmerzvarianten ist aber ein neuronaler Mechanismus gemein: Das Zentrale Nervensystem erzeugt ein Schmerzsignal als Reaktion auf sensorischen Input einer angeschlagenen Körperregion.

Das ist wichtig zu verstehen, und hat folgende Konsequenzen:

  1. Schmerz ist nicht eine Eigenschaft der lädierten Stelle im Körper. Schmerz ist eine Eigenschaft des Gehirns, das die Wahrnehmung der betroffenen Stelle mit einem Schmerzsignal verknüpft.
  2. Schmerz macht immer Sinn. Es ist eine Schutzmaßnahme des Zentralen Nervensystems, um eine weitere Belastung der gestörten Körperstelle zu vermeiden.
  3. DAS ALLERWICHTIGSTE: Schmerz ist zwar immer mit der Stelle der Überlastung/Verletzung verknüpft. Das heißt aber nicht, dass diese Stelle die URSACHE des Schmerzes ist. In den meisten Fällen eher nicht. Die Ursache kann ganz woanders liegen, und diese Ursache lässt dann den Körper an einer ganz anderen Stelle einknicken und wehtun.
  4. Man kann den Schmerz nutzen, um zur Ursache des Problems vorzudringen.
  5. Schmerzmittel sind mit Vorsicht zu genießen, da sie grundsätzlich die Schutzfunktion des ZNS untermauern und das Aufspüren der Ursache erschweren.

Ich finde diese Konsequenzen hilfreich, weil sie eine mildere Perspektive auf den Schmerz ermöglichen. Man kann ihn so fast schon als Partner ansehen, der einem hilft, den Körper wieder ein Stück mehr zu verstehen, zu entlasten und zu verbessern.

Aber wie konkret?

Es gibt mit Sicherheit keine Patentrezepte - aber vielleicht ein paar anleitende Prinzipien. Nachdem ich in meinem Leben durch viele verschiedene körperliche Aktivitäten gegangen bin, und dadurch auch immer wieder mit kurzzeitigen Schmerzepisoden in Anpassungs- oder Überlastungsphasen zu tun hatte, hat sich für mich das folgende Protokoll hilfreich im Umgang mit Schmerzen erwiesen:

  1. Zunächst den Schmerz besser verstehen. Ist es ein punktueller, klar lokalisierter Druck-/Belastungsschmerz; oder eher großflächig und wabernd? Oberflächlich/tief? Nur in Bewegung, oder auch in Ruhe? Oder nur in Ruhe, und nicht bei Bewegung? Im Liegen/Stehen/Sitzen?
  2. Nicht mit zusammengebissenen Zähnen durch den Schmerz "durchtrainieren"/bewegen. ABER: Genauso nicht komplett ruhigstellen! Meine Vorstellung ist eher, um den Schmerz "herumzutanzen", d.h. so gut in Bewegung halten wie möglich, und das Gewebe gut zu pflegen (Ernährung, Schlaf, Kälte/Hitze, evtl Körperarbeit). Ich bin überzeugt davon, dass Bewegung die beste Therapie ist (weiß noch jemand, dass Bänderrisse vor 20 Jahren komplett ruhigestellt wurden? Not any more, aus gutem Grund). Interessant in dem Zusammenhang auch, dass man im Tierreich regelrechtes "Ausschütteln" von Verletzungen sieht. Ich glaube auch, dass dieses in Bewegung halten der schmerzenden Stelle eine gute Prävention für erlernten Schmerz ist, da man dem Schmerz die entsprechenden neuronalen Ressourcen entzieht.
  3. Suchen und experimentieren. Wenn der Schmerz klar bei einer bestimmten Bewegung bei einer bestimmten sportlichen Aktivität auftritt, braucht es vielleicht einfach zeitweise Entlastung, d.h. Pause von der Aktivität und stattdessen andere, leichte Bewegung (Spazieren, sanftes Mobilisieren in alle Richtungen o.ä.). Ansonsten würde ich anfangen,
  • mir die Körperregionen über und unter der schmerzenden Stelle anzuschauen (z.B. Fuß und Hüfte bei Knieschmerzen; Beinmechanik und Schulterbereich bei Hüftproblemen; BWS/Schulter-Nackenbereich/Atmung bei unspezifischen Bauch- oder Kopfschmerzen) und zu prüfen, ob eine Veränderung von Bewegungsmustern in diesen schmerzfernen Bereichen eine Veränderung des Schmerzes bringt
  • wenn Schmerzen unabhängig von Bewegungen/Sport entstehen oder bereits seit Längerem bestehen: Schauen, wo der Körper bewegungsmäßig möglicherweise nicht ausgelastet ist. Ja genau: Der Körper reagiert mit Problemen, wenn er nicht regelmäßig durch ein evolutionär bedingtes Spektrum von Bewegungen gebracht wird. Generell: Schmerzen im Oberkörper haben häufig damit zu tun, dass man zu wenig Überkopf macht und/oder hängt ("brachiation"); während Probleme darunter damit zu tun haben könnten, dass man zu wenig Zeit in der tiefen Hocke verbringt.

Akute Verletzungen müssen natürlich zunächst versorgt werden. Grundsätzlich greifen diese Prinzipien aber auch dort - in dem entsprechend möglichen Maße. Genauso können natürlich auch Schmerzmittel kurzzeitig angezeigt sein, wenn man sonst nicht mehr klar denken könnte.

Klar muss jeder selbst auf seinen Körper hören und sich dann an einen guten Umgang mit dem Schmerz herantasten. Aber wenn man den Schmerz auf diese Weise rehabilitiert - dann wird man es ihm sehr wahrscheinlich bald danken und mit seinem Abschied belohnt.