81 - Erst-, Zweit- und weitere Verschlimmerungen.

Vor ein paar Wochen machte ich an dieser Stelle zum Thema, dass Lernen bei weitem keinem lineraren Prozess folgt, und auch keiner schönen S-Kurve - sondern häufig mit zwischenzeitlichen Verschlechterungen verbunden ist.

Ich glaube, dass das ein generelles Muster ist, was Anpassungs- und Heilungsvorgänge im Körper angeht - auch wenn wir das gerne anders hätten.

Wir erwarten nämlich ganz selbstverständlich einen Aufwärtstrend, wenn wir uns z.B. von einer Verletzung, Krankheit o.ä. erholen, oder mit neuen körperlichen Aktivitäten beginnen. Die implizite Gleichung ist: Etwas Gutes für den Körper tun = dem Körper geht es besser.

Ich glaube, dass das eine Sicht ist, die sehr mechanisch/schulmedizinisch geprägt ist. Die davon ausgeht: Wenn wir erstmal anfangen zu schrauben und zu reparieren, läuft die Maschine bald wieder besser.

Problematisch ist dann der Umkehrschluss: Wenn eine neue Aktivität, wohltuende körperliche Maßnahme, Therapie etc keine unmittelbare positive Wirkung hat, oder gar zu Verschlechterungen führt - dann funktioniert sie nicht.

Aber so einfach ist das (zum Glück nicht). Der Körper ist keine perfekte Maschine mit linearen Ursache-Wirkung-Zusammenhängen. Der Körper ist komplex, auf Tensegrität basierend, und zum Teil langen Erneuerungszyklen unterworfen.

In der alternativen Heilkunde ist das lange bekannt - man spricht von "Erstverschlimmerungen" zu Beginn einer neuen therapeutischen Maßnahme. Das generelle Bild dahinter (in verschiedenen Disziplinen verschieden erklärt): Wenn die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden, dann äußert sich das in einem zwischenzeitlichen Anstieg der Symptome als Folge der neuen Abwehr-/Anpassungsstärke.

Ich glaube, dass man Erstverschlimmerungen getrost verallgemeinern und als etwas zyklisch wiederkehrendes betrachten kann. Immer dann, wenn der Körper ein neues Level erklimmt - Gesundheit, Leistung, Struktur, Fähigkeiten - dann kann aufgrund dieser neuen Leistungsfähigkeit/Stärke neue körperliche Bereiche taxiert werden, die vorher dormant gewesen sein können.

Ein simples Beispiel: Als ich vor gut 1,5 Jahren mit Ballett anfing, bekam ich in gewissen Abständen starke Probleme/Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich. Ich war ein wenig verwundert - denn ich war mein Leben lang in irgendeiner Form mit meinem Oberkörper aktiv gewesen (Sportarten, Gewichtheben) und hatte dabei viel größere Lasten bewältigt. Dagegen war das Halten der Arme auch über längere Zeit hinweg vergleichsweise "leicht". Bis mich ein Physiotherapeut darauf brachte, dass ich das erste Mal eine symmetrische Belastung auf meinen Oberkörper brachte. Ich war erstaunt ob der einfachen Erklärung - aber bei nährerem Hinsehen hatte er Recht. Ballettstunden sind strikt symmetrisch augebaut - ALLES wird sowohl links wie auch rechts getanzt. Alle früheren Sportarten hatten immer irgendwie eine dominante Seite. Die Probleme haben fast komplett abgenommen, seit dem ich konsequent jeden Tag an einer Stange hänge (--> eine ebenso höchst symmetrische Aktivität).

Anderes Beispiel: Wenn man von normalen Schuhwerk auf Minimalschuhe wechselt, oder anfängt weniger im Alltag zu sitzen und mehr zu gehen, oder die Ernährung umstellt; es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sich bestimmte Körperregionen schmerzhaft melden, man Müdigkeit verspürt oder Bauchgrummeln.

Das Entscheidende dabei ist, an diesen Stellen nicht gleich aufzugeben. Sondern zu akzeptieren, dass der Körper sich anpasst, und dabei von alten Mustern entwöhnen muss. Vielleicht muss man ein wenig Tempo rausnehmen, ein wenig behutsamer vorgehen; aber wenn man mit einem guten Gespür für den eigenen Körper dranbleibt, dann wird er auch diese Herausforderung meistern.

Bis zur nächsten "Verschlimmerung". Oder Verbesserung - es ist, am Ende, nur eine Frage der Perspektive.