82 - Bewegungsgeneralisierung vs -spezialisierung - und ihre Gleichzeitigkeit.

Fitnesstraining hat eine ziemliche Evolution hingelegt, über die letzten Jahrzehnte (oder lediglich eine Wiederentdeckung?). Das, was zunächst an Muskeln, dann an Muskelgruppen, und zuletzt an funktionellen Ketten orientierte Übungen waren - ist jetzt nur noch Bewegung. So vielseitig wie möglich. Es gibt im Grunde nur noch gewisse Schwerpunkte: "Natürliche" Bewegung, "evolutionäre" (an frühkindlichen Entwicklungsschritten angelehnte) Bewegung, Alltagsbewegungen, flowige und akrobatische Bewegungsformen.

Und damit taucht ein neues Dogma am Horizont auf: Dass nur noch diese komplett unspezifische und breitgefächerte Bewegungsvielfalt gut für den Körper ist und langfristig wohltuend und verletzungspräventiv wirkt. Dass Bewegungsgeneralisten das Nonplusultra sind - und dass alle, die sportspezifischen Aktivitäten nachgehen früher oder später von Überlastungsverletzungen heimgesucht werden. Spezifische Sportarten wie Tennis oder Fußball sollen möglichst durch Parkour, MMA, Capoeira und zeitgenössischen Tanz ersetzt werden.

Zunächst: Es ist schön, dass z.B. Maschinen-basiertes Fitnesstraining eigentlich keine Rolle in der modernen Bewegungskultur mehr spielt. Und dass das Bewusstsein für Verletzungsprävention, Bewegungsmuster im Alltag und im Alter enorm gestiegen ist.

Aber alles sportspezifische und Bewegungsspezialisierung komplett aus dem Fenster zu schmeißen - finde ich etwas voreilig. Denn ist es nicht ein urmenschlicher Trieb, Grenzen auszutesten? Beruht nicht auch Evolution in einem gewissen Sinne darauf, dass Menschen sich in ihren Lebensumständen zu Höchstleistungen geübt haben? Bewegungsgrenzen, also in etwas sehr leistungsfähig zu werden, erfordern eine gewisse Spezialisierung, um die notwendigen Anpassungen zu erreichen.

Dass eine hohe Spezialisierung langfristig ein hohes gesundheitliches Risiko birgt, ist dennoch unbestritten. Und hier kommen die natürlich-evolutionär-ganzheitlich-vielseitigen Bewegungsphilosophien ins Spiel: Denn sie geben genau den (präventiven) Ausgleich zu dem spezialisierten und engeren Bewegungsrepertoire. Und im Gegensatz zu den traditionellen Präventionsansätzen, die, ehrlich gesagt, immer auch etwas langweiliges hatten - bringt das Bewegen um des Bewegens willen auch wieder ein wenig Spiel in die ganze Sache.

Letztendlich ist es trotzdem gut möglich, dass dieser Generalsierung-Spezialisierung-Ausgleich nicht perfekt gelingt. Zum großen Teil ist es nämlich eine Zeitfrage - wieviel Zeit verbringt man in beiden Bewegungsspektren. Aber alleine das Bewusstsein dafür, und das regelmäßige Praktizieren dieses Ausgleichs werden dem Körper mit Sicherheit mehr als gut tun. Das Entscheidende ist, dass man sich auf keinen Fall von einer Aktivität abbringen lässt, die man sehr liebt - egal wie spezialisiert sie sein mag. Es reicht aus, sie sinnvoll zu ergänzen.