85 - Wenn Inklusion nur Hüllwort ist.

Inklusion hat für mich weniger damit zu tun, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Chancen haben sollen wie Menschen ohne Behinderungen. Inklusion ist für mich vielmehr ein Ausdruck dafür, dass jeder Mensch anders ist; andere körperliche Voraussetzungen mitbringt, ein eigenes Lerntempo hat, oder etwa Entwicklungs-Meilensteine in unterschiedlicher Reihenfolge erreichen kann.

Daher fiel mir nach einem Erlebnis mit meinem "inklusiv beschulten" Sohn neulich nicht mehr so wirklich viel ein.

Auslöser war, dass er einen enormen, nie für möglichen Meilenstein erreicht hatte: Er ist ein paar Tage hintereinander, das erste Mal in seinem Leben, ohne Rollstuhl, nur mit Gehstöcken und öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule gegangen.

Ich konnte kaum glauben, was er da erreicht hatte. Der Impuls dazu kam von ihm selbst, nachdem er über die Monate zuvor große Fortschritte beim Laufen gemacht hatte. Mit einer unglaublichen Entschlossenheit ließ er mich wissen, dass er es jetzt probieren wollte. Stand extra dafür früher auf, da er länger für den Schulweg brauchen würde. Einmal übten wir zusammen. Und dann schaffte er es.

Er, sein Vater, ich, seine Freunde - feierten ihn. Was sollte man auch sonst machen, bei so einem Riesenschritt in seiner Entwicklung und Selbständigkeit.

Aber ich musste lernen, dass man tatsächlich auch was anderes machen konnte.

Am dritten Tag seiner Geh-Wege kam eine Email von der Schulleiterin - mit einer Einladung zum Gespräch. Sie schätze zwar, dass mein Sohn seinen Schulweg alleine bestreite, aber sei ja doch ziemlich müde und belastet durch diese Kraftanstrengung. Dann weitere Floskeln darüber, dass man ihn ja unterstützen wolle und mit uns Eltern gern eine andere Lösung finden würde.

Im Ernst?

Da hat ein Kind gerade ein paar Tage hintereinander etwas geschafft, was nie für möglich gehalten wurde - und sie bemängelt Müdigkeit? Weitweit gibt es zunehmende Evidenz über die therapeutische Wirkung von viel Gehen, und sie meint, dass das nicht gut für ihn sei? Ein Kind erkämpft sich selbst ein komplett neues Bewegungsspektrum, mit all den metabolischen und neuromuskulären Auswirkungen, und sie meint, nach drei Tagen den Riegel vorschieben zu müssen?

Mir graut es bei diesem Aktionismus - und er ist ein gutes Beispiel dafür, wie Inklusion an einer Einrichtung in der Praxis gehandhabt wird. Wie oft einem von etlichen Seiten reingeredet wird, aus einer seltsam motivierten Fürsorge heraus.

Der Punkt ist, dass noch nicht mal klar ist, ob mein Sohn seinen Schulweg jetzt immer so bestreiten wird. Und der weit wichtigere Punkt ist: Sein Körper wird Monate, vielleicht über ein Jahr brauchen, bis er vollständig an dieses neue Bewegungspensum angepasst ist. Das, was Kinder in viel jüngerem Alter über eine längere Zeit aufbauen, macht er gerade innerhalb einer viel kürzeren Zeit, und in einem weit höheren Alter. Natürlich ist das auch ermüdend - genauso wie jedes andere sportliche Training auch. Und natürlich muss er selbst lernen und dann austarieren, wieviel er bewältigen kann - kein Mensch kann das für ihn entscheiden. Warum darf er nicht die Zeit bekommen, die er, ganz individuell, für diese Anpassungsvorgänge braucht?

Ja, ich weiß - weil die Inklusion halt noch in den Kinderschuhen steckt. Weil viele Fachleute, Lehrer, Erzieher noch in in Schemen und Kategorien denken, die noch an die Integration und an die konventionelle Pädagogik angelehnt sind. Und ich weiß, dass es Geduld, und Gespräche und ganz viel Zeit braucht.

Aber ehrlicherweise schmerzt es zu sehen, wenn ein Kind so geschwächt wird. Wenn seine Müdigkeit als Schwäche oder Unvermögen zurückgespiegelt wird, statt als eine völlig normale Reaktion seines Körpers auf die neue Belastung. Wenn er, statt abgeklatscht und gefeiert zu werden, mitleidige und besserwissende Blicke erfährt. Wenn er nicht in seiner Selbstkompetenz und seinem Körpergespür unterstützt wird, sondern seine Defizite präsentiert bekommt.

Und es ist mühsam, ihm immer wieder einen Weg freiräumen zu müssen - einen Weg, der ihm doch so selbstverständlich offen stehen sollte.

Ich wünsche mir - viel mehr als das.

Inklusion, wenn sie wirklich verstanden wird - ist mehr als ein neues Konzept und ein paar Fortbildungen. Sie ist eine Konfrontation mit unseren eigenen Grenzen, Ängsten und Glaubenssätzen - und eine kontinuierliche Überwindung dieser. Denn dann können wir jeden Meilenstein und jeden neuen Impuls schätzen - egal wie unerwartet er auch sein mag.