86 - Warum wir unsere Gefühle nicht pathologisieren sollten.

We need to stop labeling our sadness and anxiety as uncomfortable symptoms, and to appreciate them as a healthy, adaptive part of our biology. (Julie Holland, Psychiaterin, in "Medicating Women's Feelings"/NY Times, Feb 2015)

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Es war während einer dieser Inklusions-Frustrations-Episoden (im letzten Artikel beschrieben), die meine Emotionen ziemlich aufwallen ließen. Ich weiß, dass ich sehr stark darauf reagiere, wenn ich das Gefühl habe, dass auf den Defiziten meines Sohnes herumgeritten wird oder sein Wachstum sonstwie gebremst wird. Diese ganze Ungerechtigkeit, die undifferenzierte Besserwisserei; die fehlende Bereitschaft, etwas zu wagen, die ich erlebe - all das kann sehr schnell Wut, Verzweiflung, Trauer und Hoffnungslosigkeit bei mir auslösen. Genauso, im Übrigen, wie die Entwicklungsschritte meines Sohnes, all die vielen kleinen "Wunder" eine reißende Dankbarkeit und Freude aufstelgen lassen können.

Und neben all diesem Emotionen kenne ich eine sehr vertraute innere Stimme: Die meint, dass ich mich zu sehr reinsteigere. Dass ich einfach zu viel, zu intensiv will und andere damit überfordere. Dass es doch viel besser wäre, alle Fünfe gerade sein zu lassen.

Wie die Faust aufs Auge erwischte mich mitten in diesem inneren Dialog - dieser Artikel aus der New York Times.

Die Autorin, eine US-Psychiaterin, präsentiert die immense Rate von psycho-medikamentös behandelten Frauen in den USA. Etwa 25%, um genauer zu sein.

Als Ursache für diese unglaubliche Zahl führt sie an, dass die völlig normalen Gefühlszustände, die Frauen aufgrund ihrer Beschaffenheit erfahren - zunehmend pathologisiert werden. Der eher männliche, weniger fluktuierende emotionale Zustand wird zum neuen Standard.

Das hat verheerende Folgen: All das, was für Frauen normal sein sollte - zyklische Aufs und Abs, Tränen, Empathie, Trauer, Leidenschaft - soll möglichst wegtherapiert werden. Gängige Antidepressiva zielen vor allem auf eine Eindämmung der "Ab"s, und wirken so dämpfend und betäubend auf den Zustand dieser Frauen. Und selbst wenn man Medikamente außen vor lässt - die meisten Frauen erleben ein Umfeld, vor allem beruflich, in dem sie möglichst lieber keine Tränen zeigen wollen.

Ich bin froh, dass dieser Artikel mich so eiskalt erwischt hat. Er ist eine wichtige Mahnung daran, mich emotional nicht zu beschneiden. Ich werde mich für über meine alltäglichen emotionalen Karussels freuen - denn sie sind ein Zeichen für allerbeste Gesundheit.

So viel kommt aus dieser völlig gesunden Emotionalität: Empathie für andere; Einsatz für wichtige Themen; Ausgleich zu Ratio und Besonnenheit; Kraft, Kreativität, Bewegung.

Wenn wir Frauen uns zum Ausleben dieser Gefühle ermutigen, und Männer uns dabei unterstützen - wäre das ein riesiger Schritt in Richtung weltweiter Gesundheit.